Es passiert selten, dass Karin Heinrich in ihrer monatlichen Talkrunde eine Meinung derart missfällt, dass sie am liebsten dazwischengehen möchte. Stattdessen atmet sie tief ein und aus, zwingt sich zuzuhören. Oft verändert sich der Tonfall in der Gruppe bereits nach wenigen Minuten wieder, weicht die Schärfe, mischen sich weitere Stimmen ein. Das Gespräch findet einen neuen Rhythmus. Und das Unbehagen, das eben noch spürbar war, löst sich auf. Es ist ein Lernprozess für die 69-Jährige, ausgerechnet in den unbequemen Momenten ruhig zu bleiben, zu versuchen, andere Argumente zu verstehen, ihre eigenen zu hinterfragen. Weil Heinrich die verengte Debattenkultur hierzulande stört, initiierte sie vor sechs Jahren einen Talk mit Bürgern, jeden letzten Dienstagabend im Monat, im Stadtteilkulturzentrum Sasel-Haus im Nordosten von Hamburg. „Ich musste einfach etwas machen.“ Das Besondere daran: Heinrich redet mit überwiegend ihr unbekannten Menschen über Politik, Gesellschaft, das Leben – ohne eine Partei, Stiftung oder andere meinungsgebende Veranstalter im Hintergrund. Entsprechend ergebnisoffen gestalten sich ihre Runden, mit wachsendem Zulauf. „Ich bin jemand, der gern diskutiert und neugierig auf andere Meinungen ist“, beschreibt sich Heinrich selbst, als WELT AM SONNTAG sie begleitet. In ihrer eigenen Blase werde zwar viel debattiert, „aber die Meinungen meines Umfelds kenne ich – spannend ist es, mit fremden Menschen über Themen zu sprechen, von denen ich glaube, dass sie auch andere bewegen“. Sich dafür eine Plattform in den sozialen Medien (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article698a774a522c438350e40d93/wegge-und-reichinnek-spd-und-linkspartei-lehnen-social-media-verbot-fuer-jugendliche-ab.html) aufzubauen, hielt die frühere Musikmanagerin für ungeeignet, weil sie „die Art, wie dort debattiert wird – durch schlichtweg unnötig aggressive Kommentare – sehr schlimm“ findet. Also klopfte Heinrich 2019 an die Tür des Sasel-Hauses, stellte ihre Idee vor und darf seither ihren „Talk am Dienstag“ ausrichten – zu dem „ausdrücklich jeder willkommen“ sei. „Ich möchte einen Raum schaffen, in dem wir wieder lernen, wie eine Debatte funktioniert und zu dem Gedanken zurückkehren, dass Streit zur Demokratie dazugehört“, betont sie. Streit sei nichts Verwerfliches, stehe lediglich für unterschiedliche Meinungen. „Man kann sich inhaltlich auseinandersetzen, ohne persönlich zu werden. Das ist eine gute Übung – auch für mich. Gerade bei Politik, wenn es etwa um Inhalte der AfD geht, musste ich lernen auszuhalten.“ Seit Jahren steht die Debattenkultur in Deutschland unter Druck. Sie wird oft als polarisierend und verroht wahrgenommen, mit einer Tendenz zu ideologischem Lagerdenken, zu Cancel Culture und zum Ausgrenzen Andersdenkender, wie Kritiker beklagen. Insbesondere die Anonymität und Geschwindigkeit des Internets haben zu schnelleren Reaktionen geführt, meist einhergehend mit kollektiver Empörung statt sachlichem Austausch. Der Zwang, bei nahezu jedem Thema eine Meinung äußern zu müssen, behindert den offenen Diskurs. So ergab eine Umfrage (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article68f11916cdf2d9fc0bea1883/umfrage-nur-46-prozent-der-deutschen-glauben-ihre-meinung-frei-aeussern-zu-koennen.html) des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Ende vergangenen Jahres, dass 46 Prozent der Befragten davon überzeugt sind, man könne seine politische Meinung frei äußern. 44 Prozent gaben an, man solle damit besser vorsichtig sein. Der Allensbach-Forscher Thomas Petersen erklärt, auf die Frage „Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland seine politische Meinung frei sagen kann, oder ist es besser, vorsichtig zu sein?“ hätten nur 46 Prozent der Menschen geantwortet, man könne seine politische Meinung frei äußern. Das entspreche dem Niveau einer Erhebung von 2021, als 45 Prozent diese Ansicht vertraten. Versuch, mundtot gemacht zu werden Petersen stellt heraus, dass die Menschen damit nicht angaben, dass in Deutschland keine Meinungsfreiheit herrsche, wie sie im Grundgesetz verankert sei. Sie hätten aber den Eindruck, dass versucht werde, sie mundtot zu machen, sobald sie etwas sagen, das im öffentlichen Raum als politisch unkorrekt eingestuft werde. Karin Heinrichs „Talk am Dienstag“ ist ein Ansatz, um eine konstruktive Streitkultur durch Zuhören, Argumentieren auf Augenhöhe, Respekt und die Suche von Gemeinsamkeiten zu fördern und die demokratische Meinungsbildung zu stärken. In dem Format schwingen keine Politiker Wahlkampfreden vor klatschenden Anhängern. Stattdessen tauschen sich hier einmal im Monat in einem schlichten Seminarraum Menschen an Tischen in U-Form sitzend aus, über Sorgen und Nöte, über Entwicklungen im Quartier, in der Stadt, im Land. Die 90-minütige Debatte wird von vielen in der Gruppe als Erkenntnisgewinn gesehen, nicht als Wettkampf. „Anfangs waren es größtenteils Frauen, mittlerweile hat sich das Format auch bei Männern herumgesprochen. Gern kommen Paare gemeinsam“, sagt die Initiatorin – und fügt hinzu: „Meist sind wir ungefähr 15 Personen, manchmal stellen wir Stühle dazu. Mehr passen in meinen Lieblingsraum nicht hinein, und die Größe ist ideal – gemütlich und überschaubar.“ Etwa 50 Prozent sind Stammgäste, manche kehren nach einer Pause zurück, viele sind Erstbesucher – allesamt zwischen 30 und 80 Jahren, ebenso gemischt in Herkunft und Berufsstand. Jeder Teilnehmer zahlt drei Euro pro Talk, das Geld fließt in das Stadtteilkulturzentrum Sasel-Haus. Heinrich selbst macht „das sehr gern ehrenamtlich“. Aber sie habe ebenfalls etwas von dem Diskurs: „Auf jedes Thema bereite ich mich zwei bis drei Stunden vor, lese mich intensiv ein.“ Das sei bereichernd – und genau das, was sie sich von dem Format erhofft habe. Immer wieder hat die ausgebildete Wirtschaftsdolmetscherin für Englisch und Französisch auf ihren beruflichen wie privaten Stationen erlebt, wie schlimm Probleme werden, wenn man nicht miteinander spricht. „Am Ende geht es um die alles entscheidende Frage: Möchte man wieder aufrichtig zusammenfinden? Wenn ja, muss man sich die Zeit nehmen, sich dem Konflikt stellen und in Ruhe reden – egal ob in einer Beziehung, im Berufsleben oder in der Politik“, sagt Heinrich, die einst in London für eine Plattenfirma Künstler wie Elton John, Dire Straits und Bon Jovi betreute und später in Hamburg Udo Lindenberg, Nena und Rolf Zuckowski (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article693adddf7670e90088a74d5d/in-der-weihnachtsbaeckerei-als-lang-lang-einmal-mit-rolf-zuckowski-kekse-backte.html) . Als selbstständige Managerin entdeckte sie vor 20 Jahren Roger Cicero, arbeitete bis zu dessen Tod mit ihm zusammen. Heinrich zählt zu jenen Menschen, die grundsätzlich das Gespräch suchen – am Marktplatz, im Supermarkt oder wenn jemand unfreundlich zu einer Kassiererin ist. „Das ist meine Art: zuhören, eingreifen und reden.“ Dass sich viele andere kaum noch Zeit für Gespräche nehmen, empfindet sie als Problem. Umso wichtiger seien Möglichkeiten wie „Talk am Dienstag“. Gewiss können sich in einer Metropole wie Hamburg (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6968c0d96b40895ba7f6e70e/wohlfuehlblase-hamburg-wenn-schwarze-ideenflaute-auf-rote-selbstgewissheit-trifft.html) die Bürger in ihren Stadtteilen in unzähligen Podien, Dialogen und Foren zu diversen Themen einbringen. Sei es bei Stiftungen, Vereinen oder Parteien. Doch ein solch neutrales Angebot wie das von Heinrich ist selten. Bundesweit veranstaltet unter anderem der Verein Mehr Demokratie jeden ersten Mittwochabend im Monat online das Format „Sprechen und Zuhören“. Darin sollen sich die Teilnehmer hierarchiefrei über Politik austauschen. Das wird dadurch erreicht, dass jede Person nacheinander für vier Minuten spricht, während alle anderen nur zuhören. So entstünden „Empathie, Respekt und die Erkenntnis, dass eine demokratische Verständigung möglich ist“, heißt es aus dem Verein. „Politische Themen sind fast immer emotional“ Heinrich geht es bei ihrem „Talk am Dienstag“ im Sasel-Haus weniger um die Anzahl der Teilnehmer, vielmehr um die Qualität der Gespräche. Als lehrreich erlebte sie etwa die Talks über „Demokratie in Zeiten des Klimawandels“, „AfD versus Politik der Mitte“ sowie „Von Realitäten, Trumpismus und Meinungsfreiheit“. „Politische Themen sind fast immer emotional“, beschreibt Heinrich und erklärt: „Da gibt es sehr unterschiedliche Meinungen.“ Selbst wenn lediglich 15 Bürger einmal im Monat miteinander diskutieren, so ist Heinrichs Gruppe über die Jahre ein Spiegelbild der Gesellschaft geworden. Wenn etwa beim Talk „Warum die Welt nach rechts rückt“ ein weit gereister Unternehmer spontan aufsteht und die Gründe für die Entwicklung aus seiner Sicht mit Stichworten am Whiteboard global einordnet. Wenn ein integrierter Migrant um Anerkennung seines beruflichen wie privaten Schaffens hierzulande bittet. Wenn eine Frau mittleren Alters für den Anstoß von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zur Stadtbild-Debatte (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article68f376cc78596728f433c4d4/stadtbild-debatte-kein-ausrutscher-das-hat-methode-reichinnek-wirft-merz-menschenverachtendes-weltbild-vor.html) dankbar ist, weil sie sich an einigen Stationen im Hamburger ÖPNV mittlerweile unwohl fühlt. Das Erstaunliche: Im Verlauf der 90 Minuten überträgt sich Heinrichs Toleranz auf ihre Mitdiskutanten, die sich mit zunehmender Dauer ausreden lassen. Heinrich versucht, jedem Raum zu geben. Manche hören nur zu. Andere benötigen Zeit, bis sie Vertrauen fassen und sich äußern. „Der Redeanteil unter den Teilnehmern ist recht ausgeglichen, nur selten muss ich eingreifen. Wenn jemand ins Wort fällt, erinnere ich daran, dass wir uns ausreden lassen“, sagt Heinrich, die hauptberuflich als Coach und Consultant arbeitet. Aggression gebe es in der Gruppe nicht, nur unterschiedliche Diskussionsstile. Aus Erbostheit oder Unverständnis sei noch kein Diskutant gegangen, wenngleich es bisweilen hitzig werde. „Die Kunst ist, empathisch und wachsam zu bleiben“, betont Heinrich. Denn besonders spannend seien die leisen Beiträge, kurze, tiefgründige Bemerkungen, Zwischentöne, die sie in der kleinen Gruppe besser aufnehmen könne. Keinesfalls jedoch greift sie ein, um die Debatte zu korrigieren oder in eine Richtung zu lenken. Anstelle dessen versucht sie, die unterschiedlichen Ansätze zu reflektieren und Verständnis füreinander herzustellen. „Wenn jemand käme, würde ich mich dem stellen“ Die 69-Jährige sieht sich dabei nicht als neutrale Moderatorin, sondern als Teil der Gruppe. „Ich möchte mich mit Menschen austauschen, ihre Sichtweisen kennenlernen und meine eigenen Gedanken einbringen. Das kommuniziere ich offen.“ Unterstützer der AfD aktiv einladen würde sie zwar nicht, „aber wenn jemand käme, würde ich mich dem stellen“. Heinrich weiter: „Die AfD ist eine demokratisch gewählte Partei, auch wenn sie laut Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextrem gilt.“ Eine solche Debatte wäre dann anstrengend, glaubt die Hamburgerin, „aber man muss jede Meinung aushalten und ins Gespräch gehen, verschiedene Sichtweisen erfragen und hinterfragen“. Durch ihren „Talk am Dienstag“ hat Heinrich gelernt, dass man Aushalten üben kann. „Oft können beide Seiten in einer Debatte recht haben. Es ist nicht immer schwarz oder weiß, oft liegt die Wahrheit dazwischen.“ Folglich sei auch sie in den vergangenen Jahren mitunter ins Nachdenken gekommen, habe ihre Position überdacht. Sie fordert: „Wir, die Gesellschaft (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69093c9d0580923d099864b5/umfrage-gesellschaft-weniger-gespalten-als-es-viele-empfinden.html) insgesamt, müssen viel mehr miteinander reden. Wir sollten nicht sofort draufhauen, sondern erst zuhören, ausatmen, nachdenken und sachlich argumentieren – ohne Erwartungshaltung.“ Für die Zukunft hat sich Karin Heinrich für ihren monatlichen Austausch im Sasel-Haus vorgenommen, noch mehr auf Nuancen in den Wortbeiträgen einzugehen. Und sie hat beschlossen, mehr Zeit einzuplanen, statt 90 eher 120 Minuten. „Manche mögen sagen, das Format sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein – aber ich sehe es als wichtigen Mosaikstein“, betont die 69-Jährige. Ihr Talk sei das, was sie für die Gesellschaft anstoßen könne, um etwas zu verändern, um die Debattenkultur zu fördern. „Wenn solche Gesprächsrunden an vielen Orten stattfänden, wäre das ein großer Gewinn.“ Beim nächsten Mal, Ende Februar, geht es um das Thema: „Der Graben zwischen den USA und der EU“.