Welt 04.02.2026
07:04 Uhr

„Je mehr Sie töten und niederbrennen, desto besser wird mir das gefallen“


Der Krieg, den die Vereinigten Staaten 1898 gegen Spanien führten, hatte eine antikolonialistische Stoßrichtung. Der Gewinn der Philippinen machte die USA jedoch selbst zur Kolonialmacht. Bei Widerstand kam es zu großer Brutalität.

„Je mehr Sie töten und niederbrennen, desto besser wird mir das gefallen“

In der Debatte über eine mögliche Annexion Grönlands durch die USA wird gern auf deren antikolonialistische Politik verwiesen, mit der sich Amerika in der Epoche des Imperialismus von den europäischen Staaten unterschied. Während diese sich einen regelrechten Wettlauf um die letzten freien Gebiete in Afrika und Asien leisteten, verfolgte jene eine Politik der „offenen Tür“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article215500680/Boxeraufstand-Chinas-Hass-auf-die-haarigen-Barbaren.html) , die zum Beispiel das Kaiserreich China vor der Zerstückelung bewahrte. Allerdings wird dabei übersehen, dass die USA Ende des 19. Jahrhunderts selbst zur Kolonialmacht aufstiegen, ironischerweise, indem sie Spanien 1898 einen „splendid little war“ aufzwangen, wie es US-Außenminister John Hay formulierte. In diesem „prächtigen kleinen Krieg“ hatten die spanischen Truppen sowohl in der Karibik als auch auf den Philippinen keine Chance gegen die modernen amerikanischen Flotten. Mit den Erfolgen seiner Rough Raiders, einem Freiwilligenregiment, auf Kuba beförderte Theodore Roosevelt seine Popularität (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article225797831/Richard-Steiff-Wie-ein-Baer-zum-Vornamen-von-Praesident-Roosevelt-kam.html) , die den Republikaner 1901 ins Weiße Haus bringen sollte. Obwohl der vier Monate dauernde Krieg gegen Spanien in der amerikanischen Öffentlichkeit als Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht verstanden wurde, gewannen die USA im Frieden von Paris Puerto Rico (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article188717677/USS-Maine-1898-So-beginnt-der-Spanisch-Amerikanische-Krieg.html) , Guam und die Philippinen, was formal als Kauf verschleiert wurde. Denn der Sieger zahlte dem Verlierer 20 Millionen Dollar, was heute knapp 600 Millionen Dollar entsprechen würde. Während die USA Kuba 1902 den Status eines Protektorats zubilligten, wurden die Philippinen zunächst unter Militärverwaltung gestellt, später übernahm ein Generalgouverneur die Leitung der Verwaltung. Als die indigene Unabhängigkeitsbewegung, die zuvor gegen die Spanier gekämpft hatte, im Januar 1899 eine unabhängige Republik proklamierte, entsandte Präsident William McKinley ein Expeditionskorps (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68b8291446b61b4dcb0b7f57/william-mckinley-als-trumps-lieblingspraesident-ermordet-wurde.html) , das auch die letzten Stützpunkte Spaniens auf dem Archipel räumen sollte. Eine Schießerei in Manila wurde im April 1899 zur Initialzündung eines Konflikts, der bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs dauerte und zwischen 250.000 und 750.000 Filipinos das Leben kostete. Denn was als bessere Polizeiaktion gedacht war, entwickelte sich schnell zu einem flächendeckenden Kolonialkrieg, der eng mit der innenpolitischen Lage in den USA verknüpft war. Dort standen Präsidentschaftswahlen an, in denen der Demokrat William Jennings Bryan den republikanischen Amtsinhaber McKinley herausforderte. Weil sein Gegner die Expansion in Übersee attackierte, stockte der die Truppen auf den Philippinen auf 70.000 Mann auf und verhängte nach seiner Wiederwahl das Kriegsrecht über zahlreiche Inseln. Dabei scheuten sich die US-Behörden auf den Philippinen nicht, die schon von den Spaniern betriebene (und in den USA heftig kritisierte) Herrschaftspraxis des reconcentrado einzusetzen, der Zwangsumsiedlung ganzer Bevölkerungsgruppen in befestigte Lager. Parallel dazu versuchte man, „die philippinische Öffentlichkeit durch sozialtechnische Steuerungsmaßnahmen von der wohlwollenden Haltung des American empire zu überzeugen“, schreibt der Historiker Frank Schumacher (verlinkt auf https://www.clio-online.de/researcher/id/researcher-13427) . Diese Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“ führte dazu, dass die Truppen der Republik bald den Kampf aufgaben und McKinley am amerikanischen Unabhängigkeitstag 1902 einen publikumswirksamen Friedensschluss verkünden konnte. Der hatte jedoch wenig mit der Realität zu tun. Denn Guerilla-Gruppen, zumal auf den muslimischen Inseln im Süden, setzten den Kampf fort, was aber nicht mehr als „Krieg“, sondern als Bekämpfung von „Banditen“ deklariert wurde. Die US-Truppen wurden auf 125.000 Mann aufgestockt. Sie bedienten sich der Methoden aus der Zeit der Indianerkriege (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article230229597/Indianerkriege-Sollen-sie-doch-Gras-essen-oder-ihre-Exkremente.html) , an denen viele Kommandeure noch teilgenommen hatten: Umsiedlung ganzer Bevölkerungsteile, Gefangenenerschießung und kollektive Bestrafung ganzer Dörfer waren an der Tagesordnung. Um die muslimischen Kämpfer zu demütigen, wurden ihre Toten mit toten Schweinen in Massengräbern verscharrt. Welches Maß an Brutalität die Kämpfe erreichten, zeigt der berüchtigte Befehl des Brigadegenerals Jake Smith (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article233131289/Vergessene-Genozide-Verbrecherischer-Befehl-eines-US-Generals.html) , der im Herbst 1901 mit der Befriedung der Insel Samar beauftragt wurde, nachdem 51 US-Soldaten in einen tödlichen Hinterhalt geraten waren: „Ich will keine Gefangenen. Ich möchte, dass Sie töten und niederbrennen; je mehr Sie töten und niederbrennen, desto besser wird mir das gefallen. Ich möchte, dass alle Personen getötet werden, die in der Lage sind, bei Feindseligkeiten gegen die Vereinigten Staaten eine Waffe zu tragen.“ Die Altersgrenze wurde mit zehn Jahren festgelegt. Und so geschah es. Schumacher zitiert aus einem Brief, den ein US-Offizier an den „Philadelphia Ledger“ schrieb: „Unsere Männer waren unerbittlich, haben Männer, Frauen und Kinder, Häftlinge und Gefangene, aktive Aufständische und Verdächtige ab einem Alter von zehn Jahren getötet, um sie auszurotten, wobei die Vorstellung vorherrschte, dass die Filipinos kaum besser als Hunde seien.“ Zwar gelang es Kritikern im Kongress, einen Senatsausschuss zu installieren, der sich mit Kriegsverbrechen befasste. „In den Aufzeichnungen aller großen Kriege seit dem Mittelalter“, empörte sich US-Senator Henry M. Teller (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article233131289/Vergessene-Genozide-Verbrecherischer-Befehl-eines-US-Generals.html) , „können Sie keinen so schändlichen und bösartigen Befehl wie den von General Smith finden.“ Sein Kollege Henry Cabot Lodge, eigentlich ein Unterstützer des Imperialismus, befand: „General Smiths Befehl ist einer, dessen sich jeder Amerikaner schämen sollte.“ Aber die Kriegsbefürworter behielten die Oberhand. General Smith landete vor einem Kriegsgericht, das ihn aber freisprach. Sein Befehl sei nicht ernst zu nehmen, weil es eine emotionale Reaktion auf das zuvor erfolgte Massaker an US-Soldaten gewesen sei, hieß es zur Begründung. Smith wurde abgelöst, durfte jedoch in Ehren und mit voller Pension in den Ruhestand gehen. „Das Verhalten der US-Truppen wurde vor allem mit dem Verweis auf die angeblich degenerativen Einflüsse einer unzivilisierten Umwelt und die Brutalität eines als barbarisch porträtierten Gegners entschuldigt“, schreibt Schumacher. Angriffe von muslimischen Selbstmordattentätern, die mit dem Schwert (verlinkt auf https://www.bmlv.gv.at/pdf_pool/publikationen/09_ztt_02_hof.pdf) möglichst viele Amerikaner zu töten versuchten, dürften in dieses Bild eingegangen sein. Nachdem der letzte Widerstand 1913 gebrochen worden war, hatten bis zu 6000 Amerikaner ihr Leben verloren. In weiten Teilen des Landes, zumal im Norden, hatte die US-Verwaltung eine moderne Infrastruktur sowie leistungsfähige Bildungs- und medizinische Einrichtungen geschaffen, die die Akzeptanz der Kolonialherrschaft erhöhten. Zudem ging die US-Administration des Demokraten Woodrow Wilson daran, die Philippinen langsam auf die Unabhängigkeit vorzubereiten, die 1935 schließlich gewährt wurde. A ls japanische Truppen 1942 auf dem Archipel (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article202012186/Leyte-1944-Die-groesste-Seeschlacht-aller-Zeiten.html) landeten, stellten sich ihnen Truppen beider Nationen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article151584846/Zweiter-Weltkrieg-Das-Massaker-von-Manila-forderte-100-000-Opfer.html) entgegen.