Hamburg steht vor einem tiefen Einschnitt in seiner historischen Stadtsilhouette. Die fünf Hauptkirchen und das Rathaus bilden seit Jahrhunderten das charakteristische Panorama der Innenstadt – ein Bild, das sich nun sichtbar verändern wird. Der markante Turmhelm der Hauptkirche St. Jacobi, 125 Meter hoch und seit 1963 einer der markantesten Stellen der Inneren Stadt wird verschwinden. Die Kirchengemeinde der Innenstadtkirche hat am Freitag bekanntgegeben, dass der moderne Stahlbetonhelm rückgebaut werden soll. Grundlage ist eine neue Bewertung der Statik, die zeigt, dass die mittelalterliche Kernsubstanz des Turms die aufliegenden Lasten auf Dauer nicht tragen kann. Hauptpastor Stefan Holtmann sprach offen über den historischen Charakter des Eingriffs. „Es handelt sich um eine schmerzhafte Entscheidung, denn der markante Turmhelm steht für den Wiederaufbau Hamburgs nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Doch die Substanz des Turmschafts lasse keine andere Lösung zu. Untersuchungen hatten ergeben, dass das über 600 Jahre alte Mauerwerk durch das Gewicht des 1963 errichteten Helms stark belastet wird. Kirchenkreis‑Architektin Mirja Grosskinsky erklärte, das mittelalterliche Baumaterial sei „auf Dauer zu hohen Lasten ausgesetzt“. Eine alternative innere Stützkonstruktion sei geprüft worden, habe sich jedoch als „technisch nicht durchführbar“ erwiesen. Bereits im Dezember 2024 war der Turm mit Holz‑ und Stahlelementen stabilisiert worden, um weitere Schäden zu verhindern. Die Analyse der Fachplaner ist eindeutig: Nur der Rückbau des modernen Aufbaus schützt den historischen Kern langfristig. Der Kirchengemeinderat folgte der Empfehlung in Abstimmung mit kirchlichen Aufsichtsbehörden und dem Denkmalschutzamt. Holtmann erinnerte daran, dass St. Jacobi bereits im 19. Jahrhundert große Eingriffe erlebt hatte. Damals mussten ein Turmgeschoss und der damalige Helm abgetragen werden, weil die Konstruktion zu schwer geworden war. Der damals neue Helm, der dem Kirchturm zeitweilig den Spitznamen „Bleistift“ einbrachte, stürzte nach Bombardierungen im Jahr 1944 ein. 1963 erhielt der mittelalterliche Turm seinen heutigen Aufbau. Die Geschichte der Kirche zeigt, dass ihr Erscheinungsbild immer wieder baulichen Erfordernissen angepasst werden musste. Wie das Erscheinungsbild von St. Jacobi am Ende des Prozesses aussehen werde, sei noch offen. „Eine nachhaltige Lösung braucht Zeit, es handelt sich dabei um eine Jahrhundertaufgabe“, sagte Holtmann. Im Zentrum steht nun die Entlastung und Instandsetzung des mittelalterlichen Turmschafts, also des unteren Teils des Kirchturms. „Der besondere Wert von St. Jacobi liegt in der mittelalterlichen Architektur und in der kostbaren Ausstattung im Kircheninneren mit den mittelalterlichen Altären und der Arp Schnitger-Orgel“, erklärte der stellvertretende Leiter des Denkmalschutzamtes, Nils Meyer. Der Erhalt dieser Substanz habe oberste Priorität. Der heutige Sakristeianbau aus dem Jahr 1438 gilt als das einzige erhaltene Zeugnis gotischer Profanarchitektur in Hamburg. Während die Planungen für den technisch komplexen Rückbau laufen, bleibt die Kirche geöffnet. Gottesdienste, Veranstaltungen und Besichtigungen sollen weiterhin möglich sein. Der Beginn der mehrjährigen Arbeiten ist für 2028 angesetzt.