Welt 08.12.2025
14:57 Uhr

„Irreversible Strukturschäden“ drohen – Uni fordert klare politische Entscheidungen


Die Universität Hamburg schlägt Alarm: Ohne schnelle Entscheidungen drohen bereits nächstes Jahr Einbußen in Lehre und Forschung. Die zuständige Wissenschaftsbehörde sieht sich in guten Gesprächen, die CDU drängt Bürgermeister Tschentscher auf einen klaren Kurs.

„Irreversible Strukturschäden“ drohen – Uni fordert klare politische Entscheidungen

Die Universität Hamburg hat den Wissenschaftsstandort über Jahre sichtbar vorangebracht. Nun richtet das Präsidium in einem Schreiben an die Wissenschaftsbehörde deutliche Warnsignale an die Politik: Die finanzielle Basis gerate ins Rutschen, schon ab dem Sommersemester 2026 drohe die vereinbarte Studienqualität nicht mehr gewährleistet zu sein. Die Planung für die Jahre 2026 und 2027 müsse jetzt politisch gesichert werden. „Ohne Rücklagen führt die gestiegene Kostensituation zu unmittelbaren Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des gesamten Hamburger Wissenschaftssystems. Dies betrifft die Produktivität der Forschung sowie die Zahl der Studienplätze“, heißt es in einem Brief, den Uni-Präsident Hauke Heekeren und Uni-Kanzler Martin Hecht an Hamburgs Wissenschaftsenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) geschrieben haben. In den vergangenen Jahren hat die Universität große sichtbare Erfolge vorzuweisen. Sie verweist auf Auszeichnungen in der Exzellenzstrategie, auf Sonderforschungsbereiche und interdisziplinäre Projekte, auf innovative Lehrformate wie den „Hub for Crossdisciplinary Learning“ und auf Transferinitiativen wie die „Impossible Founders“. Das Präsidium betont, dass diese Entwicklung nicht selbstverständlich sei, sondern Ergebnis einer „starken, strategischen und vertrauensvollen Zusammenarbeit“ mit der Stadt. Nun aber sieht die Uni diesen Kurs gefährdet. Strukturelles Defizit Im Zentrum der Warnung stehen zwei Blockaden. Zum einen nennt das Präsidium „zweckfremde Risiken“ im Haushalt: die digitale Sicherheit angesichts verstärkter Cyberangriffe, die Liegenschaften mit teils maroder Infrastruktur und Investitionsstau sowie die Energieversorgung mit gestiegenen und schwankenden Kosten. Diese Risiken bedrohten „unmittelbar die Wirksamkeit bereits getätigter Landesinvestitionen“. Zum anderen beschreibt die Uni ein strukturelles Defizit. Auf politischen Wunsch habe sie ihre Rücklagen vollständig abgebaut und damit Engpässe vergangener Haushaltsjahre kompensiert. Diese Möglichkeit bestehe nicht mehr. Steigende Personal- und Energiekosten, zusätzliche Digitalisierungsbedarfe und der Kaufkraftverlust durch Inflation verschärften die Lage. Strukturen, die auf politische Initiative zur Sicherung der Exzellenz aufgebaut wurden, seien „aktuell nicht ausfinanziert.“ Die Folgen seien bereits sichtbar, schreiben Heekeren und Hecht. So seien in Lehramtsstudiengängen und weiteren stark nachgefragten Fächern die Studienplätze und die Studierbarkeit unter Druck geraten. Einschränkungen im Lehrangebot, geringere Betreuungsintensität und deutlich größere Übungsgruppen verlängerten den Studienverlauf. Es werde für Studenten schwerer, Betreuungspersonen für Abschlussarbeiten zu finden. Die Bibliotheken müssten E‑Medien abbestellen, verkürzte Öffnungszeiten und punktuelle Schließungen beeinträchtigten das Lernen und Arbeiten. Dauerhafte Vakanzen gefährdeten die fristgerechte Akkreditierung von Studiengängen und die gesetzlich vorgeschriebene Re‑Systemakkreditierung bis 2029. Auch die Forschung ist betroffen. Nach Darstellung der Universität geht die Zahl der wissenschaftlichen Qualifikationsstellen und der Promotionen zurück, Experimente könnten in Einzelfällen nicht mehr durchgeführt werden. Das habe unmittelbare Folgen für laufende Projekte. Verzögerungen bei Förderanträgen beeinträchtigten die Drittmittelakquise und den Wettbewerb um Talente, Großprojekte im Millionenbereich gerieten in Risiko. Zudem zwinge die Mittellage zu Reduktionen beim hochprofessionellen Verwaltungspersonal, das Lehre und Forschung unterstützt. Aufgaben wanderten dadurch in die wissenschaftlichen Bereiche, was die Zeit für Lehre und Forschung weiter schmälere. Notwendige Baumaßnahmen zur Umsetzung von Berufungszusagen verzögerten sich, geplante Laborräume und Hochschulambulanzen müssten pausieren. Die internationale Sichtbarkeit leidet, laut Darstellung im Brief, ebenfalls. Das strategische Partnerschaftsnetzwerk mit 15 Universitäten könne nicht in der bisherigen Tiefe und Breite gepflegt werden. Internationale Masterstudiengänge und gemeinsame Projekte seien eingeschränkt, die Akquise internationaler Drittmittel werde schwieriger. Das internationale Studierenden-Programm PIASTA habe Angebote trotz steigender Nachfrage reduzieren müssen, was den interkulturellen Austausch und die Integration internationaler Studenten erschwere. Einsparungen bei Reisekosten begrenzten die Teilnahme an Konferenzen und erschwerten die Begleitung des neuen EU‑Rahmenprogramms. Schließlich beschreibt die Universität eine angespannte Lage in der Arbeitsfähigkeit und Fürsorge. Beschäftigte seien von hoher Unsicherheit betroffen, erste Abwerbungen habe es bereits gegeben. Mitarbeitende fragten nach der Möglichkeit betriebsbedingter Kündigungen, Überstunden und Überlastmeldungen nähmen zu, krankheitsbedingte Ausfälle ebenfalls. Gleichzeitig werde vielerorts wegen der Arbeitsdichte nicht ausreichend Erholungsurlaub genommen. Beratungsangebote und Dienstleistungen fielen teilweise aus. Die Abteilung Studium und Lehre verzeichne 2000 weniger beantwortete Anfragen als im Vorjahr, die telefonische Erreichbarkeit liege in Stoßzeiten bei nur 30 bis 40 Prozent. Das Team Psychologische Beratung könne Studenten nicht mehr angemessen betreuen. Bei einem Anstieg der Neuanmeldungen um 64 Prozent seit 2020 drohe eine Personalreduktion, etablierte Gleichstellungsmaßnahmen müssten in einigen Fakultäten reduziert oder pausiert werden. Die Universität verweist auf eigene Konsolidierungsschritte. Mit einem geplanten Strukturprozess und Kostenbeiträgen von 4,5 Prozent in den Fakultäten sowie fünf Prozent in den zentralen Einrichtungen und der Verwaltung wolle sie die erforderlichen Investitionen in IT‑Sicherheit und Digitalisierung finanzieren und gleichzeitig Personalkosten und Defizite abfedern. Diese strikte Budgetdisziplin zeige jedoch bereits jetzt Folgen. Das Präsidium bittet daher um kurzfristige Unterstützung und um Planungssicherheit bis 2032. Es brauche eine „politische Richtungsentscheidung“, um „irreversible Strukturschäden“ zu verhindern. Zugleich hält die Universität fest: „Wissenschaft und Hochschulen sind keine Kostenstellen, sondern Zukunftsinvestitionen.“ Die Wissenschaftsbehörde stellt die Lage anders dar. Eine Sprecherin betont den „kontinuierlichen und vertrauensvollen Austausch“ zwischen Behörde und Universität. „Vor dem Hintergrund der bestehenden konstruktiven Zusammenarbeit überraschte die in diesem Zusammenhang unübliche Kommunikation über einen formellen Brief“, sagte eine Sprecherin gegenüber WELT. Als der Brief Ende November bei der Behörde einging, sei in der unmittelbaren Reaktion ein persönliches Gespräch veranlasst worden. Nach Angaben der Behörde sei das Globalbudget der Universität Hamburg angehoben worden, Tarifsteigerungen seien aufgefangen und Energiekosten ausgeglichen, Mittelkürzungen habe es nicht gegeben. Im Rahmen der Hochschulautonomie verwalte die Universität dieses wachsende Budget selbst, Maßnahmen der umsichtigen Bewirtschaftung lägen somit in ihrem Ermessen. Warnung vor „Rückbau auf offener Strecke“ Aus der Opposition hingegen kommt politischer Druck. Die CDU‑Fraktion spricht von einem Alarmruf und fordert Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) auf, die Lage zur Chefsache zu machen und die Universität finanziell abzusichern. Fraktionschef Dennis Thering sagt, der Senat lasse die Hochschulen „finanziell ausbluten“, und verlangt einen „verbindlichen Finanzierungsplan bis 2032“, der der Universität verlässliche Planung gebe. Die wissenschaftspolitische Sprecherin Anna von Treuenfels‑Frowein warnt vor „Rückbau auf offener Strecke“, wenn Lehramtsstudiengänge unter Druck geraten, Abschlussarbeiten ohne Betreuung bleiben und internationale Kooperationen eingeschränkt werden. „Wer jetzt schweigt oder vertröstet, riskiert strukturelle Schäden, die später kaum reparierbar sind“, heißt es in der Einordnung. Wie es weitergeht, hängt aus Sicht der Universität an einer schnellen Entscheidung. Das Präsidium drängt auf „gemeinsames, entschlossenes Handeln von Universität und Stadt“, um die finanziellen und strukturellen Herausforderungen bis 2027 zu stabilisieren und bis 2032 auf einen nachhaltigen Kurs zu bringen. Gespräche zwischen Universität und Behörde laufen.