Das Licht fällt stets von der linken Seite auf die fein gestalteten Gesichter en miniature. Denn die Maler von Porträtminiaturen platzierten ihre Modelle so, dass die malende, rechte Künstlerhand keinen Schatten auf das winzige, werdende Werk werfen konnte. Diese Miniaturen entstanden eben in der Regel „ad vivum“, also nach dem Leben. Die Auftraggeber besuchten die Künstler dafür in ihren Ateliers, wo die Sitzungen etwa zwei Stunden dauerten. Die intime Entstehungssituation entspricht dem Zweck der Mini-Bildnisse: „Es war eine sehr persönliche Gabe einer Person an eine andere. Die Bilder waren nur für ein einziges weiteres Augenpaar bestimmt“, sagt Sabine Zorn, die an der Kunsthalle für die Konservierung und Restaurierung von Grafiken und Fotografien verantwortlich ist. Zusammen mit dem Miniaturen-Experten Bernd Pappe hat sie jetzt die Ausstellung „For Your Eyes Only – Miniaturen der Romantik“ eingerichtet. Damit widmet sich die Kunsthalle erstmals der Miniaturmalerei, die ihre Blütezeit um 1800 erfuhr. Zu sehen sind rund 60 Exponate aus dem eigenen Bestand, die durch 150 Leihgaben ergänzt werden. Im Fokus stehen vor allem in Hamburg entstandene Miniaturen. Ein umfangreiches Restaurierungsprojekt ging der Ausstellung voran, sodass die Mini-Werke in neuem Glanz erstrahlen. Selten höher als zehn Zentimeter Die oft runden oder ovalen, selten mehr als zehn Zentimeter messenden Kleinstbildnisse werden zusammen mit Fotografien, Grafiken und Ölgemälden gezeigt. Zu Letzteren zählt ein Selbstbildnis des Miniaturmalers Bernhard Peter von Rausch. Der Künstler sitzt in seinem Atelier vor einem Tisch, auf dem ein kleines, aufgeklapptes Malpult steht. Solche speziell entwickelten Malkästen nutzten die Miniaturisten anstelle einer Staffelei: Im Museum kann ein historisches Exemplar betrachtet werden, dazu gehören eine Lupe, feine Pinsel und Gefäße mit Farbpigmenten. Gemalt wurde mit Aquarell- und Gouachefarben auf Elfenbeinplättchen, die etwa einen halben Millimeter dünn waren. „Elfenbein wirkt ein wenig wie menschliche Haut“, erklärt Pappe: „Einem Porträtmaler kommt es entgegen, wenn dieses Material durch die Farbe hindurchschimmert. Das Inkarnat sieht dadurch viel lebendiger aus“. Zuweilen hinterlegte man den hauchdünnen Malgrund zusätzlich mit Silberfolie, die den Bildnissen Leuchtkraft verlieh. Die fertigen Unikate wurden meist in Schmuckstücke wie Medaillons und Ringe, Uhrengehäuse oder sogar Tabakdosendeckel eingefasst. Damit war der geliebte Mensch immer präsent – auch nach dessen Tod oder bei langer Abwesenheit. Zuweilen ergänzten kunstvoll geflochtene Haarlocken oder Inschriften die intimen Porträts, die nicht nur beim Adel, sondern auch beim aufstrebenden Bürgertum beliebt waren. Hamburg erlebte nach der „Franzosenzeit“ ab 1814 einen wirtschaftlichen Aufschwung und entwickelte sich zu einem Kunstzentrum. Daher hielten sich viele international bekannte Miniaturisten für einige Zeit in der Hansestadt auf und arbeiteten hier. Zu ihnen zählte etwa der Italiener Domenico Bossi: Seine Werke entstanden in der Tradition der venezianischen Miniaturmalerei, in der die Farbe eine wichtige Rolle spielte. So erscheint etwa die von Bossi porträtierte „Dame in weißem Kleid mit blauen Borten“ aufgrund der frischen Farbgebung lebensnah und realistisch. Hamburg als Hotspot der Miniaturmalerei Einen besonderen Einfluss hatten in Hamburg auch die Porträt- und Miniaturmaler Friedrich Carl Gröger und Heinrich Jakob Aldenrath, die sich 1816 dauerhaft in der Stadt niederließen. Ihre Miniaturen beeindrucken durch Präzision, zugleich wirken die porträtierten Personen nahbar und individuell. Zu sehen ist auch ein großes Ölgemälde Grögers, auf dem er sich, Aldenrath und die gemeinsame Pflegetochter Lina vorstellt: das Porträt einer Patchwork-Familie, die ihrer Zeit voraus war. Für das Ende der Miniaturen-Ära steht das Werk des Künstlerpaares Carl Ferdinand und Caroline Stelzner. Beide waren zunächst als Miniaturmaler tätig, bevor sie ab 1842 die Zeichen der Zeit erkannten, das Medium wechselten und sich erfolgreich der Porträtfotografie zuwandten. Dabei übernahmen sie zwar das Format, nicht aber die Form der gemalten Mini-Porträts, lichteten manche ihre Modelle etwa im Profil statt frontal ab. „Die klassische Miniaturmalerei konnte mit dem neuen Medium Fotografie nicht mithalten“, sagt Zorn. So verkürzte sich die Sitzungszeit für Erinnerungsbildnisse durch das neue Verfahren enorm und die Anfertigung wurde deutlich günstiger. Den Umgang mit Licht und Schatten musste der Künstler allerdings nach wie vor beherrschen. Kunsthalle: „For Your Eyes Only. Miniaturen der Romantik“, bis 7. Juni