Die Königin trägt heute Arbeitshosen und feste Schuhe, die leuchtenden Haare, die sie auf offiziellen Fotos offen trägt, sind zu einem praktischen Zopf zusammengebunden. Es ist Adventszeit, und das bedeutet für Sarah Neßhöver: Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Wenn sie in ihrem richtigen Job Feierabend hat, geht es auf dem Hof der Eltern weiter: Weihnachtsbäume verkaufen. Sarah Neßhöver ist deutsche Weihnachtsbaumkönigin, ein Amt, das alle zwei Jahre vergeben wird. Vor 14 Jahren kam man beim Bundesverband der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger erstmals auf die Idee, eine junge Frau in ein schickes Kleid zu stecken, ihr eine Schärpe umzulegen und einen Kranz aus Tannennadeln aufs Haupt zu setzen, um dieser traditionell hölzern daherkommenden Branche ein bisschen Glamour zu verleihen. Es gibt Weinköniginnen, Spargelköniginnen und Kartoffelköniginnen – warum sollte da ausgerechnet ein Produkt, das für Lametta und Lichterglanz steht, ganz ohne royale Repräsentanz auskommen? Und so reiste Neßhöver in den letzten Wochen durch die Republik, eröffnete im lodengrünen Schmuckdirndl die Saison vom Bodensee bis Schleswig-Holstein, gab Interviews im Fernsehen, besuchte Kindergärten. Ihre Aufgabe sei es, „den Menschen den natürlichen Weihnachtsbaum nahezubringen“, sagt sie. „Viele wissen ja gar nicht, dass es mindestens zehn Jahre braucht und wie viel Arbeit reingesteckt werden muss, bis so ein Baum verkauft werden kann.“ Wie man Weihnachtsbaumkönigin wird? Bei Sarah Neßhöver lief es so: Vor zwei Jahren kam sie auf der Weihnachtsbaummesse im sauerländischen Eslohe ins Gespräch mit der damals amtierenden Christbaum-Eminenz, die beiden tauschten Kontakte aus. Bald darauf meldete sich Verbandschef Eberhard Hennecke bei Neßhöver und trug ihr das Amt an. Sie habe nicht lange überlegt, sagt sie. Die 24-Jährige ist so tief in diesem Geschäft verwurzelt wie die Nordmanntannen im Waldboden – warum also nicht deren Königin werden? Schon als sie 2001 geboren wurde, bauten ihre Eltern Weihnachtsbäume an. Von Anfang an, sagt sie, sei sie mit ihrem Vater durch die Pflanzreihen gegangen und habe ihm zugeschaut. Mit drei bekam sie ihr erstes Pony, mit dem sie zwischen den Bäumen galoppierte. „Manchmal kommen Stammkunden, die sich daran erinnern“, erzählt sie. Nach und nach machte sie sich nützlich, Treckerfahren und das Bedienen der Kettensäge inklusive. Sarah Neßhöver hat also vom ersten Pieks auf gelernt, was in einer Weihnachtsbaum-Plantage zu tun ist. Und bis heute erledigen sie und ihr Vater alle Arbeiten mit eigener Hand. Und das ist eine ganze Menge: Vor einer Pflanzung muss der Boden gefräst werden, dann werden Setzlinge gekauft und gepflanzt. Nach vier oder fünf Jahren bekommen die Bäumchen den ersten Rundumschnitt mit der Heckenschere verpasst, damit sie dem pyramidenartigen Schönheitsideal entsprechen. Später gilt es, mit der Rosenschere einzelne Triebe zu kappen, damit der Baum sich buschig weiterentwickelt. Mit einer Spezialzange wird Jahr für Jahr der oberste Trieb gequetscht, damit der Wuchs auch zur Spitze hin dicht bleibt. Bis zur Ernte nehmen Sarah Neßhöver und ihr Vater jeden einzelnen Baum zigmal in die Hand. „Und wenn ein Kunde kommt und irgendeinen Spezialwunsch hat“, sagt Klaus Neßhöver stolz, „so können wir auf Anhieb sagen, wo auf unserem Gelände der gewünschte Baum steht.“ Der Hof von Klaus und Claudia Neßhöver, weit außerhalb der Gemeinde Much in einer Senke des Bergischen Landes gelegen, ist seit eh und je ein kleiner Nebenerwerbsbetrieb. Für mehr reichen die Flächen nicht. Die Vorfahren hatten noch Milchkühe im Stall, heute stehen dort ein paar Rinder und Einstellpferde. Als feste Größe hat sich in den letzten Jahrzehnten der Anbau von Weihnachtsbäumen etabliert, fünf Hektar Land stehen den Neßhövers dafür zur Verfügung, „die führenden Erzeuger haben zig-zig-mal so viel“, sagt die Königin lachend. Dafür kommen die Neßhövers ganz ohne Saisonarbeiter aus. Ihre Bäume kann man auch nicht auf Supermarktplätzen oder Weihnachtsmärkten kaufen, sondern ausschließlich auf dem Hof. Die Geschichte dieser Weihnachtsbaumkönigin ist auch die Geschichte einer jungen Frau, die sich dafür entschieden hat, das Hofleben ihrer Vorfahren weiterzuführen. So wenig sie infrage stellte, ob sie den Job der Weihnachtsbaumkönigin annehmen würde, so wenig habe sie je daran gezweifelt, dass sie eines Tages die kleine Landwirtschaft der Eltern übernehmen würde. „Aber“, so fügt sie mit ernstem Ton hinzu und zeigt einmal rundherum in die Landschaft, wo nur Wiesen, Wald und Hügel zu sehen sind: „Das muss man hier schon wollen.“ Derzeit legt sie das Fachwerk des alten Hofhauses frei, sie will es herrichten für ihr eigenes Leben. In Bonn hat sie Agrarwissenschaften studiert und vor ein paar Monaten mit dem Bachelor abgeschlossen. Nun hat sie eine Anstellung bei der Landwirtschaftskammer NRW und ist dafür zuständig, den Landwirten ihrer Heimatregion in Sachen Wasserschutz zur Seite zu stehen. Noch so ein Thema, das ihr so vertraut ist wie die Bäume, die hier wachsen. Denn der kleine Müchelsbach, der quasi mitten durch den Hof fließt, mündet einen Steinwurf entfernt in den Wahnbach – und der speist ein paar Kilometer talwärts die Wahnbachsperre, einen wichtigen Trinkwasserspeicher des Bergischen Landes. Wer hier Landwirtschaft betreibt, steht unter strenger Aufsicht. Dennoch, so erklärt Neßhöver, wäre es eigentlich erlaubt, auf Weihnachtsbaumflächen bestimmte Pflanzenschutzmittel einzusetzen, damit Gräser und Sträucher nicht den ebenmäßigen Wuchs stören. So wie es bei den meisten Plantagen gang und gäbe ist. Doch die Neßhövers haben sich dagegen entschieden, statt Chemie zu versprühen, mähen sie die Flächen zwischen den Bäumen mehrmals im Jahr. Und wo das Gelände unwegsam ist, dürfen sich Schafe satt fressen. Rund ein Dutzend Tiere der Rasse Shropshire, bekannt dafür, nicht die Triebe der Bäume anzuknabbern, gehören ebenfalls zum Hof. Und zwei von ihnen liegen jetzt, während des Baumverkaufs mit Kakao und Glühwein, in einer kleinen Hütte auf dem Hof und sorgen für Krippenatmosphäre. Übrigens: Über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln soll Sarah Neßhöver bei öffentlichen Auftritten nicht sprechen. So will es der Verband der Weihnachtsbaumerzeuger. Denn das ist eines der Reizthemen in dieser Branche – so wie Bodenerosion, Monokulturen oder Saisonarbeiter, die etwa im Sauerland heiß diskutiert werden, wo seit einigen Jahren großflächige Weihnachtsbaumkulturen als Ersatz für den von Kyrill, Dürre und Borkenkäfer zerstörten Fichtenwald angelegt werden. Eine Weihnachtsbaumkönigin hat frohe Botschaften zu verkündigen. Und dafür gibt es tatsächlich keine bessere als diese 24-Jährige aus dem Bergischen Land, auf deren kleinem Hof die Welt der Weihnachtsbäume noch in Ordnung ist.