Vor der Kulisse des Musicals „Heiße Ecke“, das eine Anmutung der Reeperbahn zeigt, ist auf der Bühne des Schmidts Tivoli kaum Platz genug für das mit anderthalb Dutzend Musikern zum Philharmonischen Kammerorchester geschrumpfte Philharmonische Staatsorchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber. Der dirigiert bei der Premiere „Peter und der Wolf von St. Pauli“ nicht nur, sondern tritt auch als brillanter Akkordeonspieler in Erscheinung. Der Abend bleibt durchgehend gut gemeint Der Abend steht unter dem Motto „Klassik trifft Kiez“. Das ist eine nette Ansage und der Abend ist gut gemeint. Dabei bleibt er aber auch. Publizist Axel Brüggemann hatte die Schnapsidee, zu Sergej Prokofjews Musikmärchen die Geschichte des Kiez-Auftragskillers Werner „Mucki“ Pinzner vom Anfang der Achtzigerjahre auf St. Pauli zu erzählen. Bei der Aufführung sitzt Brüggemann in einer Polizeiuniform vor dem Orchester und erzählt unprofessionell schleppend die Geschichte der Morde. Der Autor ist kein Schauspieler. Ein Stück rechts von ihm sitzt vor einem zweiten Mikrofon Carolin Spieß, eine gute Schauspielerin, und erzählt die Geschichte aus der Sicht Juttas, aus dem Jenseits. Jutta war Pinzners Frau, war ihm hörig, er war ihr „Macker“. Jutta reichte dem Serienmörder im Polizeipräsidium Hamburg die Waffe, mit der Pinzner seine drei letzten Morde beging. Nachdem er den Staatsanwalt Wolfgang Bistry erschossen hatte, erschoss er seine Frau und sich selbst. Jetzt findet Jutta das im Schmidts Tivoli irgendwie nicht mehr so toll und fragt sich, ob er sie wirklich geliebt hat. Das ist nicht nur inhaltlich schlimm, neben den Psycho-Abgründen klafft eine Kluft zwischen Brüggemann und Spieß. „In Peter und der Wolf“ gibt es keine Rolle für Pinzner Spieß macht ihre Sache zwar richtig gut, spricht unendlich naiv über ihren „Beschützer“ und dessen Tochter Birgit, um die sie sich kümmert. Sie erzählt hemmungslos vom Sex mit Pinzner, von seinem „steifen Mandelhörnchen“ und ihrer „feuchten Honigfalte“. Aber ihre faszinierende Performance nützt nichts. Denn „Peter und der Wolf“ hat mit Pinzner und seinen Morden einfach nichts zu tun. Der vulgäre Mörder, der seine Opfer „wegmacht“, wünscht sich, dass es eines Tages einen Film über ihn gibt, in dem er von Götz George gespielt wird. George entschied sich jedoch bekanntlich – vermutlich, ohne von Pinzners Wunsch zu wissen – mit dem Film „Der Totmacher“ für die Darstellung des Serienmörders Fritz Haarmann in einer Befragung. Nicht nur in Georges Schaffen fand Pinzner keinen Platz, auch in Brüggemanns „Peter und der Wolf von St. Pauli“ sucht er vergeblich. Die Figur Pinzner übernimmt an diesem Abend weder die Rolle Peters noch die des Wolfes – vom Großvater, der Katze, der Ente, dem Vogel und den Jägern ganz zu schweigen. Er mordet banal vor sich hin. Vermutlich soll er der Wolf sein. Aber wer ist dann Peter? Brüggemann spricht schließlich den Satz: „Pinzner hatte zu viel gemordet“. Wirklich? Kann man auch zu wenig morden? Und selbst wenn gemeint gewesen sein sollte „zu viel, um davonzukommen“, was wäre denn dann die richtige Menge, um nicht erwischt zu werden? Pinzner versuchte es mit einer Opferzahl irgendwo zwischen fünf und elf. Musik für einen Film, den der Komponist nicht kennt Die Geschichte der gewissenlosen Morde wird dokumentarisch nacherzählt, zum Teil aus den Polizeiakten. Es gibt keine Spielhandlung, keine Erzählung. Dazu erklingt die Musik von Prokofjew, schön gespielt vom Orchester, wie eine Filmmusik, die jemand für einen Film geschrieben hat, den er nicht kennt. Leider kennt jeder Hörer auch die Geschichte des Märchens, was zu Widersprüchen in der Wahrnehmung von Musik und Bühnengeschehen führt. Angereichert haben Wellber und der Komponist Martin Lingnau „Peter und der Wolf“ um weitere Titel, darunter neben Schubert und Händel tolle Akkordeonfassungen von „Das Herz von St. Pauli“ und „La Paloma“. Zudem singt Spieß einmal, und zwar das Lied „Jenseits von Eden“. Vom Band erklingt neben „Samba Pa Ti“ von Santana, denn den mochte Jutta so gerne, auch „Touch me“ von Samantha Fox. Berührend aber ist an diesem Abend viel zu wenig. Termine: 2., 4., 18. März