Welt 07.02.2026
07:33 Uhr

Ihr Herz schlägt für den Tanz


Gwen Hsin-Yi Chang und Monica Gillette leiten die erste Tanztriennale der Bundeskulturstiftung: Vom 14. bis zum 21. Juni wird Hamburg zum Zentrum der Tanzwelt.

Ihr Herz schlägt für den Tanz

Wenn B-Boys und B-Girls ihrer großen Liebe frönen, dem Breaking, bringt das mit Powermoves, Freezes, Top- und Downrock jeden Zuschauer zum Beben – ob nun in der New Yorker Subway oder beim Battle um eine Meisterschaft. Das bedeutet aber nicht, dass Hip-Hop, Funk, R&B, Trap oder House aus Lautsprechern dröhnen. Breakdance ist nur eine von vielen Richtungen des Streetdance. Klingt die Musik eher nach Techno, könnte es sich um Krump handeln, einen Stil aus Los Angeles, bei dem die Tänzer ihre Emotionen nach außen kehren, während sie Schaukämpfe ausfechten. Vor einem Vierteljahrhundert fiel in South Central zwei Jugendlichen ein: Das ist besser als sich zu prügeln. Direktorinnen aus Kalifornien und Taiwan Längst hat Krump seinen weltweiten Siegeszug angetreten, entwickelt sich rasant weiter und ist doch nur ein kleiner Baustein in der Welt des Tanzes, die bei der ersten deutschen Tanztriennale in Hamburg vom 14. bis zum 21. Juni in voller Blüte gefeiert wird. Mit einer großen Bandbreite von Tanzstilen stellen die künstlerischen Co-Direktorinnen Monica Gillette aus Kalifornien und Gwen Hsin-Yi Chang aus Taiwan das Event auf die Beine. Die Bundeskulturstiftung und Hamburg finanzieren die Tanztriennale mit 1,5 Millionen Euro, wobei die Stiftung als Initiator gut drei Fünftel der Summe gibt. Hinzu kommen Gelder von Sponsoren und Einrichtungen. Der neue kulturelle Leuchtturm führt die Reihe „Tanzkongress“, die seit 2006 alle drei Jahre die Tanzszene in verschiedenen Städten Deutschlands zusammenbrachte, mit erweiterten Mitteln fort. Neues Konzept für die deutsche Tanzszene Die Künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung, Katarzyna Wielga-Skolimowska, beschreibt im Gespräch mit WELT AM SONNTAG, wie es zum neuen Format kam: „Die Tanzkongresse waren sehr auf Profis und Fachpublikum ausgerichtet. Mit dem neuen Konzept der Tanztriennale haben wir bewusst die ganze deutsche Tanzszene in den Blick genommen und gefragt, was sie für ihre künstlerische Weiterentwicklung braucht. Dabei beklagten viele Akteure eine starke Fragmentierung.“ Deshalb, so Wielga-Skolimowska, habe die Antwort auf der Hand gelegen: „Wenn wir die Sichtbarkeit des Tanzes erhöhen wollen und die vielen Tanzsprachen zusammenführen, brauchen wir eine breitere Öffentlichkeit.“ So entstand das neue Format mit größeren Ambitionen: „Wir wollen, dass die Tanztriennale nicht nur deutschlandweit, sondern international strahlt.“ Hamburg habe sich im Bewerberverfahren vor allem aus drei Gründen gegen andere Städte durchgesetzt. Erstens wegen der massiven Unterstützung durch die Kulturbehörde. Zweitens, weil in der Stadt mit dem Hamburg Ballett, dem K3 – Zentrum für Choreografie, mit Kampnagel und vielen Tanzvereinen bereits eine breite Tanzöffentlichkeit vorhanden ist und drittens, weil die Hansestadt weltweit für Tanz bekannt ist. „Tanz ist auch ein toller Sport, ein Aspekt, der oft nicht ausreichend betont wird“, so Wielga-Skolimowska, „in Hamburg gibt es auch Tanztherapie und Tanzmedizin. Zahlreiche Einrichtungen aus der Hansestadt haben die Bewerbung aktiv unterstützt.“ „All Moves“ und „Moving Meetings“ zur Vorbereitung Im Unterschied zum Tanzkongress biete die Triennale die Perspektive, nachhaltige Strukturen an einem festen Austragungsort aufzubauen, weshalb Hamburg auch für die Ausgabe von 2029 gute Karten habe. Auch eine Fortführung mit den aktuellen Kuratorinnen sei denkbar, grundsätzlich gehe es „um Exzellenz, Innovation, die bundesweite Wirkung und Internationalität.“ Monica Gillette und Gwen Hsin-Yi Chang lernten sich vor zehn Jahren beim italienischen BMotion-Festival in Bassano del Grappa kennen. Sie bewarben sich gemeinsam um die Leitung der Tanztriennale und arbeiten seit gut einem Jahr in Hamburg am Programm des einwöchigen Events, dessen konkretes Programm Ende Februar vorgestellt wird. In der Vorbereitung gibt es zwei Formate zur Vorbereitung. In der Reihe „All Moves“ treffen sich seit Oktober 2025 Tanzbegeisterte, um neue Tänze zu erproben. Weder die Choreografen noch der Stil werden vorher verraten. Teilnehmer müssen sich unter office@tanztriennale.de anmelden, eine weitere Ausgabe findet am 24. März im Ballettzentrum des Hamburg Ballett (19 Uhr) statt. Profis unterschiedlicher Kulturen treffen sich bei „Moving Meetings“, um einen Dialog über Genre-Grenzen hinweg zu führen.  BMotion aus Italien als inspirierendes Vorbild Für ein gelungenes Festival sei BMotion ein inspirierendes Vorbild gewesen, so die Leiterinnen. „Dort gab es nicht nur Bühnenauftritte, sondern die lokale Bevölkerung wurde einbezogen. Jeden Morgen gab es Tanzkurse für Parkinson-Patienten, an denen alle teilnahmen“, erinnert sich Gillette. Chang ergänzt: „Die Plattform öffnet die Räume und die Herzen und zeigt, wie der öffentliche Raum zum Treffpunkt werden kann, um Bürger zusammenzubringen, die Atmosphäre des Festivals brachte auch uns zusammen.“ Während der Corona-Pandemie kehrte Chang, die vor 20 Jahren ihre Karriere als Produzentin startete, nach Luxemburg und Deutschland zurück. Zudem realisierte die Tochter eines Tanzlehrers Projekte für die Stiftung einer Bank und weitete ihre Tätigkeit auf die Bildende Kunst aus. Gillette tanzt, seit sie vier Jahre alt ist. Sie machte eine klassische Ballettausbildung. „Dann habe ich entdeckt, wie viele andere Tanzformen es gibt und ab meinen Zwanzigern zeitgenössisch getanzt, professionell in den USA und in Deutschland“, erzählt sie. Nach beruflichen Zwischenstationen als Filmeditorin in Hollywood kehrte Gillette schließlich zum Tanzen und nach Europa zurück, „weil ich entdeckt habe, dass mein Herz für den Tanz schlägt.“ In den letzten zehn Jahren hat sie sich weiterentwickelt, nutzt ihre Erfahrungen in Dramaturgie und künstlerischer Leitung unter anderem als Dramaturgin am Tanzhaus Zürich. Als sie die Ausschreibung für die Leitung der Tanztriennale sah, fragte ihre Kollegin Chang, ob sie sich in Hamburg bewerben sollten und die willigte ein. Nun bringen beide ihre unterschiedlichen Perspektiven ein und wollen ein breites Publikum motivieren, dabei zu sein. Tanztriennale Hamburg, vom 14. bis 21. Juni auf diversen Bühnen