Welt 07.10.2026
07:18 Uhr

Ihn traf der Schlag, als er seine Krieger sah, denen die Augen ausgestochen worden waren


Unter Samuil erstreckte sich das Bulgarische Reich über weite Teile des Balkans. Aber in der Entscheidungsschlacht 1014 siegten die Byzantiner und nahmen entsetzliche Rache. Jetzt gab Griechenland die Überreste des Zaren an Bulgarien zurück.

Ihn traf der Schlag, als er seine Krieger sah, denen die Augen ausgestochen worden waren

Für die EU-Staaten Bulgarien und Griechenland war es ein historischer Tag. Nach mehr als tausend Jahren im griechischen „Exil“ kehrten die sterblichen Überreste von Zar Samuil (958–1014) nach Bulgarien zurück. Zahlreiche Menschen bejubelten in Sofia den Zug mit dem Sarg, der von einer Ehrengarde durch die Hauptstadt zur Sophienkirche getragen wurde, wo Samuil in einem weißen Marmorsarg seine letzte Ruhestätte findet. Kampfflugzeuge überflogen die Stadt, während 21 Salutschüsse abgefeuert wurden. Der bulgarische Ministerpräsident Rumen Radev dankte seinem griechischen Amtskollegen Kyriakos Mitsotakis für die „Weisheit und den Mut“, die das „historische Abkommen“ ermöglicht hätten. Im Gegenzug erhält Griechenland 48 Objekte zurück, die bulgarische Truppen im Ersten Weltkrieg aus Kirchen und Klöstern in Nordgriechenland geraubt hatten. In beiden Ländern ist Samuil eine legendäre Gestalt. In Bulgarien, weil er als Feldherr und ab 997 als Zar das Erste Bulgarische Reich auf den Höhepunkt seiner Macht führte und das Byzantinische Reich an den Rand einer Niederlage brachte. In Griechenland, weil am Ende Ostrom triumphierte und dessen Kaiser Basileios II. (958–1025) damit den einstigen Großmachtstatus restaurierte. Das macht Samuil zu einem tragischen Helden. Denn obwohl er 40 Jahre lang erfolgreich gegen die Byzantiner Krieg führte und die Grenzen seines Reiches bis an die Adria, die Donau und nach Mittelgriechenland ausdehnte, musste er sich 1014 einem Mann geschlagen geben, den der englische Historiker John Norwich als „hässlich, schmutzig, grob, bäurisch, engstirnig und fast krankhaft geizig“ beschreibt. Aber dieser Basileios, der das Kunststück fertigbrachte, 62 Jahre lang auf dem Thron von Byzanz zu sitzen, verband außerordentliche Tatkraft und praktische Intelligenz mit einem erstaunlichen Überlebensinstinkt. Von Samuil schwer bedrängt, schickte der Byzantiner eine Gesandtschaft zum Großfürsten Wladimir, der von Kiew aus das Reich der Rus beherrschte. Dabei handelte es sich um Wikinger aus Schweden, Waräger, die ab dem 9. Jahrhundert (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article135249141/Kiews-russische-Wurzeln-sind-ein-verlogener-Mythos.html) das riesige Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer entlang der großen Ströme als Tribut-Imperium organisiert hatten. Basileios machte Wladimir ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte und wollte: die Hand seiner Schwester Anna für militärische Unterstützung. So etwas hatte es noch nie gegeben: eine purpurgeborene Prinzessin, also eine Kaisertochter, für einen barbarischen Fürsten. Als Gegenleistung ließ sich Wladimir taufen, gab seinen vielköpfigen Harem frei und wurde ein „Heiliger“. Damit gewann Basileios das Reich der Rus für das orthodoxe Christentum und ein Heer von 6000 furchterregenden Kriegern (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article242449505/Wikinger-Mit-der-gefuerchteten-Breitaxt-beschuetzten-sie-den-Kaiser-von-Byzanz.html) . Mit ihnen entledigte sich der Kaiser zunächst seiner innenpolitischen Gegner. Dann nahm er den Kampf gegen die Bulgaren auf. Als deren Zar hatte sich Samuil 997 proklamieren lassen, nachdem sein Vorgänger in Gefangenschaft gestorben war. Wohl am 29. Juni 1014 kam es in der Schlucht von Kleidion zur Entscheidungsschlacht (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article252712172/Kaiser-Basileios-II-Er-stach-ihnen-die-Augen-aus-und-liess-sie-von-Einaeugigen-abfuehren.html) . Mit einer Mauer gelang es Samuil zunächst, den Vormarsch der Byzantiner zu stoppen. Aber mit einem Trick gewann Basileios die Initiative zurück. Ein Detachement seines vielleicht 20.000 Mann zählenden Heeres bahnte sich durch unwegsames Gelände den Weg in den Rücken des Gegners. „Durch den plötzlichen Angriff in Panik versetzt, wandten sich die Bulgaren zur Flucht, während der Kaiser die verlassene Mauer durchbrach“, berichtet der byzantinische Historiker Johannes Skylitzes: „Viele fielen und viele weitere wurden gefangen genommen; Samuil entkam der Gefahr nur knapp mithilfe seines Sohnes, der tapfer gegen seine Angreifer kämpfte und ihn auf ein Pferd setzte.“ Was folgte, hat Basileios den Beinamen „Bulgarenschlächter“ eingetragen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article157391301/Wie-Bulgarentoeter-Basileios-zu-seinem-Namen-kam.html) . „Der Kaiser ließ die bulgarischen Gefangenen – es sollen etwa 15.000 gewesen sein – blenden und befahl, dass jede Gruppe von hundert Männern von einem Einäugigen zu Samuil zurückgeführt werden sollte“, schreibt Skylitzes. Als der traurige Zug im Oktober vor dem Zaren erschien, soll diesen der Schlag getroffen haben. Wenige Tage später starb er. Seine Grabstätte wurde 1969 von griechischen Archäologen in einer Basilika auf der Insel Agios Achillios im Kleinen Prespasee im Grenzgebiet zwischen Griechenland und Albanien entdeckt. Zwar waren die Sarkophage, in denen Samuil sowie zwei seiner Vorgänger bestattet worden waren, bereits im Mittelalter ausgeraubt worden. Aber die sterblichen Überreste konnten geborgen werden und gelangten in die archäologischen Labore der Universität Thessaloniki. Seit 2007 verhandelten beide Staaten über die Rückgabe der Reliquien, was auch Kritiker auf den Plan rief. Denn die Identität des 1,60 Meter langen Skeletts konnte bislang nicht zweifelsfrei festgestellt werden, während die historischen Schriften und Objekte, die Griechenland erhält, real sind. Zudem hat auch die Republik Nordmazedonien Ansprüche auf den Toten erhoben. Schließlich hatte Samuil die Stadt Ochrid am gleichnamigen See zu seiner Zentrale ausgebaut. Der Zar gilt daher auch in Nordmazedonien als Nationalheld, und sogar im Nachbarland Albanien wird er als Symbol nationaler Identität verehrt. Die Karriere von Samuils Gegner Basileios endete übrigens auch tragisch. Zwar gelang es dem Kaiser, die Donaugrenze zu stabilisieren und in Süditalien gegen Sarazenen, Normannen und Langobarden in die Offensive zu gehen. Aber mitten in den Vorbereitungen zu einem großen Feldzug ist er im Dezember 1025 gestorben. Da er nie geheiratet hatte und keinen legitimen Erben hinterließ, schlugen Usurpatoren bald Lücken in sein Restaurationswerk. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article251320694/Byzanz-vs-Petschenegen-Ein-ganzes-Volk-wurde-an-einem-einzigen-Tag-vernichtet.html) Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.