Welt 04.02.2026
21:39 Uhr

„Ich wurde gerade mitten im Kriegsgebiet entlassen“ – Radikaler Sparkurs bei „Washington Post“


Die dem Amazon-Gründer Jeff Bezos gehörende „Washington Post“ entlässt zahlreiche Mitarbeiter und baut ihre Redaktion um. Das traditionsreiche Blatt kämpft mit sinkenden Einnahmen und strukturellen Problemen.

„Ich wurde gerade mitten im Kriegsgebiet entlassen“ – Radikaler Sparkurs bei „Washington Post“

Die US-Zeitung „Washington Post“ des Amazon-Gründers Jeff Bezos entlässt ein Drittel ihrer Belegschaft. Die Kündigungen beträfen alle Abteilungen und nicht nur die Redaktion, teilte Chefredakteur Matt Murray in einer Videokonferenz mit den Mitarbeitern mit. Die Zeitung begann am Mittwoch mit umfangreichen Sparmaßnahmen, darunter die Auflösung der Sportredaktion und die Reduzierung der Anzahl ihrer Auslandsjournalisten. Eine Gesamtzahl der Kündigungen wurde nicht genannt. Murray räumte ein, dass die Kürzungen ein Schock seien, aber das Ziel sei es, eine Zeitung zu schaffen, die wieder wachsen und erfolgreich sein könne. Die Entlassungen sind ein schwerer Schlag für die „Post“, die mit ihren Watergate-Enthüllungen in die Geschichtsbücher einging und zuletzt ausführlich über die Kürzungen von Präsident Donald Trump bei den Bundesbediensteten berichtete. Den Mitarbeitern der Redaktion wurde mitgeteilt, dass sie E-Mails mit einer von zwei Betreffzeilen erhalten würden, die darüber informieren, ob ihre Stelle gestrichen wird oder nicht. Die genaue Zahl der Entlassungen wurde in der Telefonkonferenz nicht genannt, und die „Washington Post“ gab auch keine Auskunft über ihre aktuelle Mitarbeiterzahl. Die Zahl der Abonnenten ist ebenso wenig bekannt, ausgegangen wird jedoch von rund zwei Millionen. Die Zeitung schließt ihre Abteilung für Literatur; die Nachrichtenredaktion für den Großraum Washington sowie die redaktionelle Arbeit werden umstrukturiert, wie Murray den Mitarbeitern mitteilte. Der Podcast „Post Reports“ wird eingestellt. Mehrere Mitarbeiter machten ihre Schicksale in den sozialen Medien öffentlich. Lizzie Johnson, die Ukraine-Korrespondentin der Zeitung, schrieb auf X: „Ich wurde gerade mitten im Kriegsgebiet von der Washington Post entlassen. Mir fehlen die Worte. Ich bin am Boden zerstört.“ Dazu verlinkte sie Eindrücke von einem Energie-Blackout in Kiew durch russische Angriffe, über die sie vor einigen Tagen berichtet hatte. „New York Times“ steigert Zahl der Mitarbeiter Die Maßnahmen waren seit einigen Wochen erwartet worden, nachdem durchgesickert war, dass die Zeitung keine Sportreporter zu den Olympischen Winterspielen in Italien entsenden wolle. Nachdem das Vorhaben öffentlich bekannt geworden war, ruderte die „Post“ zurück und kündigte an, ein kleineres Team zu entsenden. Die Schwierigkeiten der Zeitung stehen im Gegensatz zu ihrem langjährigen Konkurrenten, der „New York Times“, die in den vergangenen Jahren florierte, vor allem dank Investitionen in ergänzende Angebote wie Spiele und Produktempfehlungen. Die „Times“ hat die Zahl ihrer Mitarbeiter im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. In den vergangenen Wochen haben sich viele Mitarbeiter der „Washington Post“ direkt an den Eigentümer gewandt, den Milliardär Jeff Bezos, der die Zeitung 2013 gekauft hatte. Die Zeitung verliert auch aufgrund seiner Entscheidungen Abonnenten. So lehnte er 2024 eine Unterstützung der Zeitung für die demokratische Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris ab und lenkte die liberalen Meinungsseiten in eine konservativere Richtung. Die Mitarbeitergewerkschaft, die Washington Post Guild, hatte die Öffentlichkeit aufgerufen, Bezos eine Botschaft zu senden: „Es reicht! Ohne die Mitarbeiter der „Washington Post“ gibt es keine „Washington Post“.