Zwischen Farbtuben, Pinseln und einer Weltkarte an der Wand sitzt Danny Schuhr im Kreativraum des Ganztags seiner Schule. Der Raum ist voller Spuren von Projekten, die Kinder hier gestalten. Für den 31-Jährigen ist dieser Ort mehr als ein Arbeitsplatz – er steht für das, was ihm selbst einmal gefehlt hat: Raum, Zeit und Unterstützung, um sich zu entfalten. Denn Danny Schuhr war früher das Kind, das man für „zu langsam“ hielt. Er kämpfte jahrelang mit einer Entwicklungsverzögerung, die vor allem die Feinmotorik betraf. Den Stift richtig zu halten, flüssig zu malen oder sauber zu schneiden fiel dem kleinen Danny viel schwerer als gleichaltrigen Kindern. In der Vorschule, die er deshalb zwei Jahre lang besuchte, fiel das besonders auf. „Ich bin nichts, und ich kann nichts“, sagte er einmal mit fünf Jahren zu seiner Mutter. Sie baute ihn auf und hielt unbeirrt daran fest, dass ihr Sohn mehr konnte, als seine Schrift vermuten ließ. Danny half das. Als andere Kinder Schwungübungen machten, erfand er eigene Lösungen: Eine Acht konnte er nicht schreiben, also setzte er zwei Nullen übereinander. „Kognitiv konnte ich viel“, sagt er heute, „aber mein Körper konnte nicht mithalten.“ Diese Diskrepanz prägte seine ersten Schuljahre – und führte dazu, dass er die erste Klasse wiederholen musste. Gute Inklusion? An der Gesamtschule kam die Ernüchterung Seine Mutter organisierte Ergotherapie und sorgte dafür, dass er Schritt für Schritt Fortschritte machte. „Sie hat mich nie überfordert, aber auch nie aufgegeben“, sagt Danny. Genauso erlebte er auch den Sonderpädagogen in der Grundschule. Vier „Integrationskinder“, wie es damals noch hieß, waren in der Klasse. Der Sonderpädagoge mühte sich, an deren Stärken zu arbeiten. „Er hat meinen Wert gesehen“, sagt Danny. Es folgte der Kontrast. An der Gesamtschule traf Danny auf Pädagogen, die vor allem auf Defizite blickten: vergessene Hausaufgaben, unordentliche Materialien, langsames Arbeiten. „Da wurde nicht gefragt, was in mir steckt“, sagt er. Ein Satz aus dieser Zeit hat sich eingebrannt: „Was soll bloß aus dir mal werden?“, fragte ein Sonderpädagoge in der siebten Klasse. Danny schaute ihn an und antwortete: „Alles, was ich will.“ Damals war das ein Satz mit viel Trotz – heute ist es Realität. Nach der zehnten Klasse wusste Danny Schuhr zunächst nicht, wohin sein Berufsweg führen sollte. Er machte ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kita. Dort entdeckte er, wie gern er mit Kindern arbeitet. Doch der Weg in die Kita war damals versperrt, Schuhrs Hauptschulabschluss reichte nicht für eine Ausbildung in dem Bereich. Also folgte er dem Rat seiner Mutter und begann eine Ausbildung zum Hauswirtschafter. „Eigentlich fand ich das doof“, sagt er, „Kochen, Reinigung, Bestände verwalten, das war nicht mein Traum.“ Trotzdem hielt er durch, schloss die Ausbildung ab und hatte damit nicht nur einen Berufs-, sondern auch den Realschulabschluss in der Tasche. Nach der Hauswirtschaftsausbildung arbeitete Schuhr zwei Jahre in der Gastronomie. Er hoffte auf eine Leitungsposition, doch die blieb aus – und ihm wurde klar: „Das war nicht mein Weg“. Die Arbeit in Küche und Service fühlte sich weit entfernt von dem an, was ihn wirklich interessierte: Kinder begleiten. Er kündigte und meldete sich kurzfristig für eine berufsbegleitende Erzieherausbildung an. Es folgte ein harter Weg mit langen Tagen zwischen der Arbeit beim Kita-Träger und Abendschule, aber er hielt durch. Zusammen mit dem Abschluss als staatlicher Erzieher erhielt er die Fachhochschulreife. Es folgte der nächste große Schritt: ein Studium der Sozialen Arbeit. Schuhr entschied sich für ein Fernstudium bei der IU Internationalen Hochschule, um weiter im Job zu bleiben. Zwei Jahre lang jonglierte er Vollzeitstelle und Vorlesungen, schrieb Hausarbeiten nach Feierabend und nutzte jede freie Stunde zum Lernen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal studieren würde. Früher habe ich mir das nicht einmal zu träumen gewagt.“ Für ihn war das mehr als ein Abschluss – es war der Beweis, dass Bildung Selbstermächtigung bedeutet. Heute arbeitet Schuhr im Rahmen der Kooperation zwischen Schule und einem Hamburger Schul- und Kita-Träger mit Schülern der Klassen null bis vier der Stadtteilschule Winterhude. Von der Frühbetreuung bis zur Nachmittagsgestaltung und im Unterricht begleitet er die Kinder durch den Schultag. Er unterstützt die Lehrer in den Lerngruppen – und sorgt dafür, dass niemand auf seine Schwächen reduziert wird. „Ich will der Pädagoge sein, den ich mir damals gewünscht habe“, sagt er. Wenn er heute im Kreativraum steht, zwischen Farben und Weltkarte, ist der Weg von damals kaum vorstellbar. Aus dem Kind, das sich selbst für „nichts“ hielt, wurde ein Mann, der Kindern zeigt, dass sie alles sein können. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Einer ihrer Schwerpunkte sind Bildungsthemen. Der Artikel stammt aus der Guest Edition der WELT AM SONNTAG von Andreas Gursky, einem der berühmtesten Fotografen der Welt. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück hier bestellen (verlinkt auf https://www.lesershop24.de/welt-am-sonntag/gursky) .