Welt 02.03.2026
12:55 Uhr

„Ich weiß nicht, was ich sagen darf“ – Dubais Glitzer-Fassade bekommt Risse


Während Raketen aus dem Iran Richtung Dubai fliegen, versuchen Influencer, das Bild als sichere Luxus-Glitzer-Welt aufrechtzuhalten. Doch zwischen den Zeilen wird die Verunsicherung spürbar.

„Ich weiß nicht, was ich sagen darf“ – Dubais Glitzer-Fassade bekommt Risse

Luxusvillen, Infinity-Pools, Supercars vor Wolkenkratzern – Dubai inszeniert sich seit Jahren als perfekte Kulisse für ein Leben im Dauer-Sonnenuntergang und wirbt ganz bewusst um Influencer. Für viele von ihnen ist das Emirat darum mehr als ein Wohnort: Es ist Bühne, Steuerparadies und Sicherheitsversprechen zugleich. Doch am Wochenende bekam diese Glitzer-Fassade Risse: Explosionen waren in Dubai zu hören, nachdem der Iran Vergeltungsschläge gegen die benachbarten Golfstaaten eingeleitet hatte. Über dem Hafen von Jebel Ali stiegen dunkle Rauchwolken auf. Durch herabfallende Trümmerteile von abgefangenen Drohnen wurden in Dubai zwei Menschen verletzt. Der Flughafen Dubai wurde geschlossen. >>>Lesen Sie hier die aktuellen Entwicklungen zum Krieg in Nahost<<< (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69a291a07c787f6a1cef1bc5/krieg-in-nahost-flammen-und-rauch-auf-gelaende-von-us-botschaft-mehrere-kampfjets-stuerzen-in-kuwait-ab-liveticker.html) Brisant daran: Darüber reden dürfen die dort ansässigen Influencer offenbar nicht – zumindest nicht offen. Zahlreiche Postings, die Schäden zeigten, wurden gelöscht oder als sogenannte Storys gepostet, die nach einiger Zeit wieder von selbst verschwinden. Denn wer als Influencer in Dubai lebt, muss sich an Gesetze halten. Und die besagen: Man darf nicht schädlich über das Land sprechen. „Bei uns ist alles den Umständen entsprechend in Ordnung. Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf“, erklärte etwa die ehemalige „Berlin – Tag & Nacht“-Darstellerin Nathalie Bleicher-Woth (verlinkt auf https://www.instagram.com/nathalie_bw/?hl=de) mit fast 917.000 Followern in einer Story. „Deshalb hatte ich auch die anderen Sachen gelöscht.“ Zugleich zeigte sie ein Bild, das belegen sollte, dass die Familie im Bad übernachtet habe, weil dort keine Fenster seien. Offener ging Zara Secret (verlinkt auf https://www.instagram.com/zara_secret/?hl=de) (350.000 Follower) mit der Situation um: „Wir dürfen nichts posten! Ich musste alles löschen!“ Später veröffentlichte sie Teile eines Augenzeugen-Videos noch einmal – nun jedoch mit einem großen Traurig-Smiley dort, wo zuvor eine Rauchsäule in den Himmel gestiegen war. „Ich checke nicht, wie man mir unterstellen kann, dass wir labern würden?! Wie krank ist das bitte“, heißt es weiter. „Ich bekomme nur mit, dass wir nichts posten dürfen wegen hoher Strafen, wenn wir Brände oder Ähnliches zeigen.“ Marija Bratucha (230.000 Follower) widersprach dagegen Spekulationen (verlinkt auf https://www.instagram.com/stories/marija_bratucha/3843360906374052863/?hl=de) über einen „Maulkorb“ durch die Regierung. Man solle keine Fake-News von Clickbait-Influencern glauben. Nur: Supermärkte liefern nicht mehr, aber zum Glück gebe es ja Restaurants. Ja, die Situation sei unangenehm – aber posten dürfe man, solange man keinen „Bullshit“ rede. Zudem sei die Lage für die Menschen im Iran weitaus schlimmer. Sie verwies dabei auf ein Gesetz, das die Verbreitung von Gerüchten verhindern soll (verlinkt auf https://u.ae/en/information-and-services/justice-safety-and-the-law/cyber-safety-and-digital-security) . Marcus von Anhalt (7,8 Millionen Follower) (verlinkt auf https://www.instagram.com/stories/prinzmarcus/3843845590950792260/?hl=de) spielte die Situation ebenfalls herunter. Alles sei okay, alles super, so der Tenor. Raketen würden abgefangen werden, es knalle mal und das Fenster wackle – insgesamt gehe es ihnen aber gut. Dazu postete er Storys, die ihn beim Tennistraining zeigen. „Dubai ist schon sehr sicher … Der künstliche Regen hat hier mehr Schaden verursacht als der Israel-Iran-Krieg“, sagte der 59-Jährige und schwimmt demonstrativ in einem Pool. Auch Aleks Petrovic (verlinkt auf https://www.instagram.com/aleks_petrovic/) (368.000 Follower) erklärte, man dürfe nicht alles glauben, was derzeit im Internet zu sehen sei, es gebe sehr viele KI-Fakes. Die ehemalige GNTM-Teilnehmerin Fiona Erdmann (verlinkt auf https://www.instagram.com/fionaerdmann/?hl=de) (450.000 Follower) blieb demonstrativ loyal. Sie vertraue Dubai, dem „Government“ und dem Militär. Alles sei unter Kontrolle. Es handle sich nicht um einen Krieg gegen Dubai, sondern um Angriffe auf US-Stützpunkte. Man müsse einen „Kollateralschaden“ hinnehmen. Sie glaube an Dubai und an die Sicherheit. Das Posting ist inzwischen wieder ganz verschwunden. Beobachter verweisen auf die strengen Social-Media-Regeln in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Account „ lets.talkabout.influencer (verlinkt auf https://www.instagram.com/lets.talkabout.influencer/?hl=de) “ wies in einer Story darauf hin: „Ja, in Dubai gibt es spezifische Gesetze für Social-Media-Aktivitäten, die du als Influencer unbedingt kennen und einhalten musst.“ Genannt werden unter anderem eine „Genehmigungspflicht“ für kommerziell tätige Influencer („Advertiser Permit“) sowie klare Vorgaben zu „verbotenen Inhalten“. Untersagt sei die Verbreitung von Beiträgen, die als schädlich für „öffentliche Ordnung, Moral oder Religion“ gelten – darunter politische Kritik, die als diffamierend eingestuft werde, Blasphemie oder die Darstellung von Nacktheit und vulgärer Sprache. Häufig wurden Influencer nun gefragt, ob sie das Land als Reaktion auf die Angriffe verlassen wollten. Nathalie Bleicher-Woth verneinte dies (verlinkt auf https://www.instagram.com/nathalie_bw/?hl=de) : „Wir sind nach Dubai gezogen, weil ich möchte, dass mein Sohn (und auch ich) sicher und unbeschwert aufwachsen kann.“ Sie betonte, dass dort alles Mögliche getan werde, um Raketen und Drohnen abzufangen. Natürlich sei es erschreckend, wenn man Raketen am Himmel sehe und laute Knalle höre. Zum Glück verfügten die VAE jedoch über ein sehr gutes Abwehrsystem. Dass sich Influencer ihre erste Reaktion auf die Angriffe selbst zensieren, sehen wiederum einige ihrer Kollegen kritisch. So etwa Özlem Roegels aka „Elahelo“ (verlinkt auf https://www.instagram.com/elanhelo/) : „Voll viele haben ihre Story gelöscht und haben jetzt ein ,Statement‘ gepostet“. Wenn man aber ein wenig Profi sei, dann verstehe man, dass man die „eigenen Worte“ dafür nutze, um dasselbe zu sagen. „Das ist eine andere Art von Gefängnis. Ist es Dir das wert? Schwierige Fragen. Auf jeden Fall: Dubai ist tricky.“