Welt 01.12.2025
07:18 Uhr

„Ich hatte keine Vorstellung von solch einer Niederlage“


Nach dem Scheitern der Invasion Englands stand Napoleon I. 1805 mit dem Rücken zur Wand. Die Kaiser von Russland und Österreich rückten vor. Mit einem genialen Feldzug manövrierte er sie aus und errang am 2. Dezember seinen berühmtesten Sieg.

„Ich hatte keine Vorstellung von solch einer Niederlage“

Das erste Jahr seiner Herrschaft als Kaiser der Franzosen hatte sich Napoleon Bonaparte sicherlich anders vorgestellt. Nach seiner Selbstkrönung am 2. Dezember 1804 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254655096/Napoleon-in-Notre-Dame-Seine-Selbsterhoehung-ging-ihm-spaeter-selbst-zu-weit.html) hatte er alles darangesetzt, mit England endlich seinen entschiedensten Gegner niederzuringen. Dafür wurde am Ärmelkanal die „Armée d‘ Angleterre“ zusammengezogen und für eine Landung auf der Insel trainiert. Aber das Unternehmen entwickelte sich mehr und mehr zu einem gigantischen Fehlschlag. Denn mit jedem Tag, den die Royal Navy den Kanal erfolgreich sperrte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article234514746/Horatio-Nelson-bei-Trafalgar-Sein-Touch-vernichtete-Napoleons-Flotte.html) , stiegen die finanziellen Kosten. Zugleich gelang es der britischen Diplomatie, im April mit dem russischen Zaren Alexander I. ein Bündnis zu schließen, das zum Kern eines neuen antifranzösischen Bündnisses werden sollte. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich auch Österreich, womöglich auch Preußen dieser sogenannten Dritten Koalition anschließen würden. „Dann werde ich mich in einer ziemlich kritischen Situation befinden“, musste Napoleon gegenüber seinem Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord Ende August 1805 bekennen: „Deshalb bin ich bereits jetzt zum Handeln entschlossen.“ Das Ergebnis war sein berühmtester Sieg über Russen und Österreicher in der „Dreikaiserschlacht“ bei Austerlitz am 2. Dezember 1805. Dass der mit so großem Aufwand betriebene Invasionsversuch scheitern würde, war Napoleon schon Monate vor der Schlacht vor Kap Trafalgar (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article126396201/Trafalgar-1805-In-vier-Stunden-gewann-England-die-Seeherrschaft.html) klar, in der der britische Admiral Horatio Nelson am 21. Oktober 1805 die französisch-spanische Flotte vernichtete. Denn die Blockade der französischen Häfen durch die Royal Navy drangsalierte die Wirtschaft des Kaiserreichs, dessen Finanzminister kaum noch in der Lage war, die Mittel für die 200.000 Mann der „Armée d‘ Angleterre“ aufzubringen. Je größer das Staatsdefizit wurde, desto mehr drohte der Banque de France der Kollaps. Die Einberufung von 80.000 Reservisten und eine schlechte Ernte, die den Brotpreis steigen ließ, sorgten darüber hinaus dafür, dass die Begeisterung der Untertanen für ihren neuen Kaiser ins Gegenteil umzuschlagen begann. Als Napoleon dann auch noch die Nachricht erhielt, dass seine Kriegsflotte von den Briten im Hafen von Cádiz eingeschlossen worden war und damit die aktuellen Invasionspläne zur Makulatur wurden, beschloss er, alle Probleme auf die Art zu lösen, die er am besten beherrschte: mit einem schnellen Sieg über die Heere, die auf dem Kontinent aufmarschierten. Österreich hatte inzwischen ein Bündnis mit England und Russland geschlossen, dem auch Schweden beitrat. Ihnen konnte Napoleon eine Armee entgegenstellen, die in der Normandie gründlich trainiert und hervorragend ausgerüstet worden war. Sie war in sechs Korps gegliedert, die über eigene Kavallerie-, Artillerie-, Pionier- und Spezialtruppen verfügten und daher in der Lage waren, unter der Führung von kompetenten Marschällen eigenständig Operationen durchzuführen. Und sie war hoch motiviert. Am 29. August erging der Befehl zum Abmarsch in die Bereitstellungsräume in Süddeutschland. Zugleich wurden die Armeen an den übrigen Fronten mobilisiert: in Hannover, Norditalien und Neapel. Parallel dazu gelang es Talleyrand, mit Bayern, Württemberg und Baden Bündnisverträge zu schließen, die zur Grundlage des Rheinbundes im folgenden Jahr werden sollten. Dass es sich nach Ausweis Napoleons bei der nunmehr „la Grande Armée“ genannten Armee um die beste handelte, die er bis dahin kommandiert hatte, mussten die Koalitionäre bald leidvoll erfahren. Denn schon Anfang Oktober erreichten die französischen Truppen in Gewaltmärschen die Donau, während der ahnungslose österreichische General Karl Mack von Leiberich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article182190750/Ein-General-kapituliert-vor-Napoleon.html) sie noch irgendwo am Rhein wähnte. Als ihm die Gefahr bewusst wurde, ließ er sich auf Ulm zurückfallen, wo er am 17. Oktober zur Kapitulation gezwungen wurde. „Seit Beginn der Kampagne habe ich eine Armee von 100.000 Mann auseinandergejagt“, meldete Napoleon stolz nach Paris: „Die Hälfte habe ich zu Gefangenen gemacht, der Rest ist tot, verwundet, desertiert oder völlig entmutigt.“ Der Finanzmarkt beruhigte sich. Macks russischer Kollege Michail Kutusow (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article239338491/Friedland-1807-Sein-Fehler-vollendete-die-Zerstoerung-des-altpreussischen-Staates.html) war vorsichtiger. Napoleon, dem wegen der drohenden Haltung Preußens an einer schnellen Entscheidung gelegen war, ließ München besetzen und begann von Braunau am Inn aus mit der Verfolgung des Russen. Dem aber gelang es, sich nach Polen zurückzuziehen, wo ihm eine weitere Armee entgegen rückte. Derweil ärgerte sich Napoleon über die Besetzung der unverteidigten österreichischen Hauptstadt Wien durch seinen Schwager Joachim Murat. Durch Detachierungen für Besatzungsaufgaben und Verstärkungen anderer Fronten war seine Armee inzwischen auf 73.000 Mann geschrumpft. Weiteren Aderlass konnte sich der Kaiser nicht mehr leisten. Zumal in seinem Hauptquartier in Brünn Ende November ein preußischer Diplomat auftauchte, der die Lage für einen möglichen Kriegseintritt des Hohenzollernstaates erkunden sollte. Napoleon hielt ihn hin, erkannte aber auch, dass ihm die Zeit weglief. Umgehend instruierte er seine Aufklärung, die Gegend nach einem geeigneten Schlachtfeld zu erkunden. Schließlich spielte ihm eine Entscheidung des Zaren in die Hände. Der hatte den vorsichtigen Kutusow gestoppt und selbst den Oberbefehl übernommen, um den Ruhm des Siegers einzustreichen. Selbstbewusst ließ Alexander I. seine Truppen wenden und in die Offensive gehen. Napoleon erkannte seine Chance für die erhoffte Vernichtungsschlacht. Virtuos lockte Napoleon den Gegner, der durch österreichische Verbände verstärkt worden war und mit 85.000 Mann zahlenmäßig deutlich überlegen war, in die Falle. So bot er dem Zaren eine auf 24 Stunden befristete Waffenruhe und ein Gipfeltreffen an, was dieser als Zeichen der Schwäche interpretierte. Zu diesem Schluss kam auch Fürst Peter Dolgorukow, den Alexander zu einem Sondierungsgespräch zu Napoleon schickte. Der junge Aristokrat, dessen ausgeprägter Standesdünkel im umgekehrten Verhältnis zu seiner militärischen Kompetenz stand, gehörte den Kriegstreibern im russischen Hauptquartier an. Dass er den Kaiser der Franzosen „sehr schmutzig und kein bisschen aufgeputzt“ in vorderster Linie vorfand, war für ihn der Beweis dafür, „dass Napoleon vor Angst zittere und dass unsere Vorhut ausreichen werde, ihn zu schlagen“. Um das zu verhindern, hatte Napoleon sein Zentrum auf dem Pratzen, einem hundert Meter über der Ebene gelegenen Plateau westlich des Dorfes Austerlitz (heute: Slavkov u Brna) konzentriert. Er rechnete damit, dass diese markante Position auch seinen Gegnern ins Auge fallen würde. Zugleich zog er weitere Truppen an sich, die seine Reserven (einschließlich der Garde) auf 20.000 Mann verstärkten. Mit ihnen ließe sich an jedem Punkt der Schlacht ein Übergewicht gewinnen. Auf der anderen Seite bestärkte seine blasiert-devote Entourage den 27-jährigen Zaren, nicht auf anrückende Verstärkungen zu warten, sondern den Feldherrenruhm an Ort und Stelle zu erringen, zumal die Stärke des Gegners nur auf 50.000 Mann geschätzt wurde. Auch die Warnungen des österreichischen Kaisers Franz I. (der an der Schlacht selbst nicht teilnahm) änderten daran nichts. Stattdessen interpretierte Alexander die Räumung des Pratzens durch Napoleon als weiteres Zeichen für dessen Rückzug. Am 1. Dezember ließ der Zar die Anhöhe besetzen. Von dort wollte er die Franzosen in die Flanken fassen. Am folgenden Morgen lag dichter Nebel über dem Schlachtfeld. Während die Verbündeten in dichten Kolonnen vom Pratzen in die verhangene Ebene zogen, begann das französische Zentrum mit dem Sturm auf das Plateau. Über dem brachte die berühmte „Sonne von Austerlitz“ Klarheit: In seinem großen Roman „Krieg und Frieden“ hat der russische Schriftsteller Lew Tolstoi (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article179371914/Lew-Tolstoi-Krieg-und-Frieden-in-Schecks-Kanon.html) den Augenblick der bitteren Erkenntnis beschrieben: „Der Nebel begann sich zu teilen, und in einer Entfernung von ungefähr zwei Werst konnte man bereits feindliche Truppen auf den gegenüberliegenden Anhöhen sehen. Links unten war das Schießen immer lauter zu hören. Kutusow machte halt und sprach mit dem österreichischen General. Fürst Andrej, der etwas weiter hinten stand, beobachtete sie und wandte sich dann an einen Adjutanten, um sich dessen Fernrohr auszubitten. ,Sehen Sie bloß, sehen Sie bloß‘, sagte dieser Adjutant und blickte nicht auf die fernen Truppen, sondern vor sich den Berg hinunter. ,Das sind ja Franzosen!‘“ Napoleons Kalkül ging auf (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204106260/Schlacht-von-Austerlitz-1805-Dieser-Krieg-vernichtete-das-Heilige-Roemische-Reich.html) . Durch seinen Sturmangriff gewann sein Zentrum den Pratzen, von dem es aus die geschwächte Front der Verbündeten aufrollen konnte, während die Franzosen auf den Flügeln hinhaltenden Widerstand leisteten und einen Durchbruch der Koalitionstruppen verhinderten. In seiner Not warf Alexander seine Garderegimenter, die ja auch der wichtigste Sicherungsposten seines Regimes waren, in die Schlacht. Napoleon antwortete mit dem Vormarsch seiner Garde. „Die Elitetruppen liefern sich ein Duell auf Biegen und Brechen“, schreibt der Historiker Günter Müchler. (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_M%C3%BCchler) Um 14 Uhr war die Schlacht entschieden. Tausende versuchten, sich über vereiste Seen im Süden in Sicherheit zu bringen. Aber französische Geschütze stoppten die verzweifelte Flucht, indem sie das Eis zum Bersten brachten. Tausende ertranken (in Ridley Scotts Film „Napoleon“ von 2023 (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/kino/article248448964/Ridley-Scotts-Napoleon-Ein-vollendetes-Schlachtengemaelde.html) wird die Szene fälschlicherweise zum Schlüsselmoment von Napoleons Falle stilisiert). Am Ende zählten die Verbündeten 16.000 Tote und Verwundete sowie 20.000 Gefangene und 186 Geschütze. Die Verluste der Franzosen betrugen 8000 Tote und Verwundete. „Ich habe schon öfter verlorene Schlachten erlebt“, schrieb der französische General Alexandre de Langeron, der in den Dienst des Zaren getreten war: „Aber ich hatte keine Vorstellung von solch einer Niederlage.“ Das sah auch Napoleon so, der seinen Triumph über die beiden höchstrangigen Monarchen Europas am ersten Jahrestag seiner Kaiserkrönung in einer Proklamation in Worte fasste, die noch Generationen von französischen Schülern deklamierten: „Soldaten, ich bin mit Euch zufrieden! Ihr habt am Tag von Austerlitz alles gerechtfertigt, was ich von Eurer Unerschrockenheit erwartete, und habt Eure Adler mit unvergänglichem Ruhm geschmückt ... Mein Volk wird Euch mit tausend Freuden wiedersehen, und falls nur einer von Euch sagt: ,Ich bin bei Austerlitz dabei gewesen‘, wird jeder sofort erwidern: ,Hier steht ein tapferer Mann.‘“ Die Zeche hatten Österreich und das Heilige Römische Reich zu zahlen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article162076842/Das-Deutsche-Reich-wird-neu-geordnet.html) . Im Frieden von Pressburg verlor das Habsburgerreich Venedig, Istrien und Dalmatien. Tirol, Vorarlberg und Salzburg gingen an Bayern, die Besitzungen in Südwestdeutschland an Baden und Württemberg. Zusammengenommen verlor die Donaumonarchie ein Sechstel ihrer Fläche und ein Siebtel ihrer Staatseinnahmen. Hinzu kamen 40 Millionen Francs an Reparationen. Bayern und Württemberg wurden zu souveränen Königreichen, Baden zum Großherzogtum erhoben. Mit anderen deutschen Staaten wurden die drei Mitglieder des Rheinbundes (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article156962678/Unter-Napoleons-Aegide-entsteht-der-Rheinbund.html) unter französischer Führung, was das Ende des Reiches bedeutete. Russland hatte sich auf seine Grenzen zurückzuziehen. Preußen bekam Hannover, erklärte Napoleon 1806 den Krieg und erlitt eine vernichtende Niederlage (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article158726074/Jena-und-Auerstedt-Die-Schlacht-in-der-das-alte-Preussen-unterging.html) . Napoleon verwarf den Rat seines Außenministers Talleyrand, der auf Mäßigung setzte, und degradierte „dieses hassenswerte Haus Österreich“, wie er es nannte, zu einer „Macht zweiten Ranges“. „Das war der Anfang vom Ende“, urteilte sein Biograf Johannes Willms (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Willms) und verglich den Vertrag von Pressburg mit den Pariser Vorortverträgen von 1919/20 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article199996636/Nach-dem-Ersten-Weltkrieg-Beim-Tee-zerstueckelten-sie-das-Habsburgerreich.html) , die den Ersten Weltkrieg beendeten. Denn Österreich konnte sich nicht mit der Demütigung und den Verlusten abfinden. Nur neun Jahre später sollte sein Außenminister Klemens Wenzel von Metternich die Schlüsselfigur in der Koalition (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article230954313/Napoleon-I-Der-groesste-Fehler-seines-Lebens.html) werden, die Napoleons Herrschaft über Kontinentaleuropa zerbrach. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.