Mönchengladbachs Stürmer Haris Tabakovic hält Harry Kane für einen perfekten Mittelstürmer. Eine Eigenschaft des Bayern-Stars beeindruckt ihn besonders, wie er im Interview erklärt. Zudem gibt der Angreifer, der vor der Saison als Leihgabe aus Hoffenheim an den Niederrhein kam, Auskunft über das Wirken von Eugen Polanski – 29. Trainer in der Laufbahn des 31.-Jährigen. Frage: Herr Tabakovic, Sie mussten zu Beginn der Saison viel Kritik einstecken. Jetzt stehen Sie bei acht Treffern in zwölf Pflichtspielen. Wie erklären Sie sich Ihre Tor-Explosion? Haris Tabakovic: Wenn man als neuer Stürmer kommt und seine Tore nicht macht, gibt es Kritik von außen. Dass sie so schnell aufkam, hat mich schon etwas überrascht, aber nicht nervös gemacht. Ich definiere mich nicht nur über Tore, sondern über Konstanz, Durchhaltevermögen und harte Arbeit. Mit diesen Attributen kommt dann auch der Erfolg. Frage: Gladbach ist von Platz 18 auf Platz zwölf gesprungen. Wie hat die Mannschaft die Wende geschafft? Tabakovic: Aufgrund der negativen Ergebnisse und obwohl es auch in dieser Phase schon ordentliche Ansätze gab, ist am Anfang aus meiner Sicht vieles sehr negativ bewertet worden. Wichtig war, dass wir klar geblieben sind. Durch das 1:1 in Leverkusen ist schon ein extremer Ruck durch die Mannschaft gegangen. Es kamen zwar noch schlechte Spiele mit dem 4:6 gegen Frankfurt und dem 1:3 bei Union. Trotzdem haben wir gemerkt, dass unser Plan langsam aufgeht. Es war ein geiles Gefühl zu wissen: „Hey, wir können von hinten rausspielen, wir können Chancen kreieren und Tore erzielen, wir wachsen weiter zu einer Einheit zusammen.“ Das 3:1 im Pokal gegen Karlsruhe war schließlich der Brustlöser. Frage: Eugen Polanski ist bereits der 29. Trainer Ihrer Karriere. Was hat er verändert? Tabakovic: Meines Wissens habe ich tatsächlich noch keine Saison ohne Trainerwechsel erlebt. Ich habe gelernt, mich schnell zu adaptieren. Trotzdem würde ich mir teilweise wünschen, dass man Trainern mehr Zeit gibt. Zu Eugen: Er hat Einfachheit reingebracht. Es war wichtig in unserer Situation, dass es nicht kompliziert wird und wir nicht versuchen, etwas zu spielen, was wir nicht sind. Als ehemaliger Spieler, dessen aktive Karriere noch nicht sehr lange zurückliegt, ist er auch persönlich sehr eng an uns dran. Zudem hat er eine klare Idee, Ruhe und Emotionalität in den richtigen Momenten gezeigt. Frage: Ihren Schnitt von 0,7 Toren pro Spiel können in Europas Top-Ligen nur wenige Spieler überbieten, darunter Kane (1,27), Haaland (1,17), Mbappé (1,0) oder Lewandowksi (0,8). Welchen Stürmer-Typen bewundern Sie am meisten? Tabakovic: Harry Kane ist für mich aktuell die perfekte Verkörperung eines Neuners. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Stürmer so mitspielen kann, sich bis auf die Sechser-Position zurückfallen lässt und diese unglaublichen Diagonalbälle schlägt. Ich muss ehrlich sagen: Kane ist für mich eine riesige Motivation. Frage: Was meinen Sie genau? Tabakovic: Nachdem ich gesehen habe, wie er grätscht und am eigenen Sechzehner verteidigt, hat es in meinem Spiel Situationen gegeben, in denen ich gedacht habe: Ich kann jetzt nicht vorn stehen bleiben, ich muss auch den Sprint zurück machen und mitverteidigen. Auch wenn ich meine Szenen am Bildschirm analysiere und sehe, dass ich mal vorn stehen geblieben bin, habe ich mir gesagt: „Das muss jetzt in deinen Kopf rein – wenn ein Stürmer vom Format eines Harry Kane so engagiert nach hinten arbeitet, dann sollte das jeder Stürmer machen.“ Ich sehe mich auch als Typ Arbeiter, das ist meine Mentalität. Ich möchte vorangehen und Verantwortung übernehmen. Frage: Ihr großes Vorbild ist aber Ihr bosnischer Landsmann und Sturmpartner Edin Dzeko. Warum genau? Tabakovic: Edin ist ein Monster. Er wird nächstes Jahr 40. Dass er noch auf diesem Level spielt, kommt nicht von ungefähr. Wie er jeden Tag sein Programm durchzieht, ist vorbildlich – von ihm kann man definitiv lernen. Dass ich jetzt an seiner Seite für Bosnien stürme, ist für mich ein unglaubliches Gefühl. Wenn ich für Gladbach treffe, bekomme ich oft eine Nachricht von ihm. Wenn er für Florenz trifft, schreibe ich ihm. Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, (verlinkt auf https://open.spotify.com/show/7CX3rSNRL11YEnW7IzkWIS?si=82f337b82c6b4e32&nd=1&dlsi=56417d9ce6fc406c) Apple Podcasts (verlinkt auf https://podcasts.apple.com/de/podcast/weltmeister/id1852960967) oder direkt per RSS-Feed. (verlinkt auf https://weltmeister.podigee.io/feed/mp3) Frage: Ist eine Doppelspitze auch eine Option für Gladbach? Tim Kleindienst ist nach einer Knie-Operation wieder fit. Tabakovic: Vorstellen könnte ich es mir, das hat aber der Trainer zu entscheiden. Mit zwei großen Stürmern zu spielen macht Spaß: Die Verteidiger können nicht zu zweit auf mich draufgehen, weil neben mir noch so ein Brecher steht. Zu Tim habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Während seiner Reha sind wir oft zusammen ins Gym gegangen. Wir lachen viel zusammen, schreiben uns oft und ähneln uns mit unserer Arbeiter-Mentalität. Frage: Bei Austria Wien hatten Sie wegen Ihres Glaubens den Spitznamen „Jesus“. Bei Hertha hat man Sie wegen Ihres Nachnamens „Fluppe“ genannt. Wie werden Sie in Gladbach angesprochen? Tabakovic: Der Spitzname „Jesus“ war mir eher unangenehm. „Fluppe“ habe ich erst nicht so ganz verstanden. Ich fand ihn aber geil, nachdem man mir gesagt hat: „Wenn du einen Spitznamen bekommst, heißt das, sie lieben dich.“ In Gladbach habe ich noch keinen – einen Spitznamen und die Liebe der Fans muss man sich erst erarbeiten. Aber auch ohne Spitznamen spüre ich die Unterstützung unserer Anhänger und weiß sie sehr zu schätzen. Frage: Sie sind nach Stationen in der Schweiz, Ungarn und Österreich erst mit 30 Jahren in der Bundesliga gelandet. Tabakovic: Ich werde im Sommer 32 Jahre alt. Ich fühle mich zwar sehr jung, bin aber erst sehr spät Bundesliga- und Nationalspieler geworden. Daher ist mein Hunger nach Erfolg riesengroß. Mein größter Traum ist natürlich die WM mit Bosnien. Leider haben wir die direkte Qualifikation beim 1:1 gegen Österreich knapp verpasst. Jetzt müssen wir es eben über die Play-offs schaffen. Frage: Sie sind nur bis Saisonende von Hoffenheim ausgeliehen, Borussia besitzt keine Kaufoption. Haben Sie mit Sport-Boss Rouven Schröder schon über eine feste Verpflichtung gesprochen? Tabakovic: Das war bislang kein Thema. Natürlich könnte ich mir vorstellen zu bleiben, weil ich mich hier extrem wohlfühle. Frage: Haben Sie auf dem Platz ein bestimmtes Ritual? Tabakovic: Wenn wir zum Aufwärmen rauslaufen, bleibe ich kurz an der Seitenlinie stehen, spreche ein kurzes Gebet, in dem es um Gesundheit und Dankbarkeit geht, und gehe dann mit dem rechten Fuß auf den Platz. Ansonsten bleibe ich einfach meiner Linie treu. Ich ziehe mein Programm durch, versuche, keine Trainingseinheit zu verpassen. Ich führe eigentlich ein einfaches Leben, verbringe Zeit mit meiner Frau und genieße es, im Café zu sitzen, einen guten Kaffee zu trinken, Musik oder einen guten Podcast zu hören. Frage: Welche Themen hören Sie sich genau an? Tabakovic: Das geht in viele Richtungen: Gesundheit, Langlebigkeit, Führungspersönlichkeit, Unternehmertum. Da bin ich vielseitig interessiert. Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/) „Bild“ (verlinkt auf https://www.bild.de/sport/startseite/sport/sport-home-15479124.bild.html) , „Sport Bild“ (verlinkt auf https://sportbild.bild.de/) ) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.