Die Weisung aus Paris hatte es nicht an Deutlichkeit fehlen lassen: „Wir werden die Wälder (der Vendée) abhauen, die Behausungen der Banditen abbrechen, die Felder abernten und das Korn hinter die Linien der Armee schaffen, das Vieh wegtreiben. Frauen, Kinder und Greise werden in das Innere Frankreichs verbracht werden“, beschloss der Französische Nationalkonvent Anfang August 1793. Die Männer, junge wie alte, sollten an Ort und Stelle getötet werden. Ende Dezember konnte General François-Joseph Westermann dem Wohlfahrtsausschuss melden: „Es gibt die Vendée nicht mehr, Bürger der Republik. Unser freies Schwert hat sie getötet mit ihren Frauen und Kindern.“ Der Aufstand der Vendée, der Region zwischen Loire (verlinkt auf https://www.welt.de/reise/nah/plus244805244/Frankreich-In-der-Vendee-ist-die-Geschichte-noch-lebendig.html) und La Rochelle, war sicherlich die gefährlichste und längste Erhebung gegen die Französische Revolution. Seit März 1793 hatte ihre „katholische und königliche Armee“ den Truppen der Republik wiederholt schwere Niederlagen zugefügt. Zwar rekrutierten sich die bis zu 60.000 Kämpfer zumeist aus Bauern und den ländlichen und städtischen Unterschichten. Auch schlossen sich ihnen Chouans, Gruppen royalistischer Widerstandskämpfer aus der Bretagne, an. Aber die Kompetenz adliger Führer, die zum Teil ihre Ausbildung im Ancien Régime genossen hatten, und vor allem ihre intime Kenntnis der heimatlichen Geografie machten den Mangel an militärischer Erfahrung wett. „Ihre Art zu kämpfen war immer dieselbe. Die Hecken und Unebenheiten des Bodens benützend, umzingelten sie den Feind und schossen sicher treffend aus dem Hinterhalt. Wie sie auf diese Weise die Republikaner durch ein furchtbares Feuer in Unordnung gebracht hatten, benützten sie den ersten Augenblick der Bestürzung derselben, stürzten sich mit wildem Geschrei auf sie hin, warfen ihre Reihen um, entwaffneten sie und schlugen sie mit Stöcken nieder“, beschrieb der Historiker Adolphe Thiers (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Adolphe_Thiers) die Taktik der „Vendéen“. Wenn der radikale Jakobiner Bertrand Barère, auf dessen Antrag hin der Nationalkonvent am 1. August den eingangs zitierten Befehl beschloss, von der „unerklärlichen Vendée“ sprach, dann hat das einiges für sich. Denn auch im fernen Westen Frankreichs waren die Errungenschaften der Revolution – Bauernbefreiung, Abschaffung der Feudalrechte – durchaus mit Beifall aufgenommen worden. Den Anstoß zum Widerstand lieferte dagegen das Rekrutierungsgesetz, das Anfang 1793 vom Nationalkonvent verabschiedet wurde, um der Armee 300.000 neue Rekruten für den Kampf gegen die Erste Koalition (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article216079756/Kanonade-von-Valmy-Die-Operettenschlacht-Preussens-schrieb-Weltgeschichte.html) (Großbritannien, Österreich, Preußen u.a.) zuzuführen. Wirtschaftskrise und Inflation hatten die Begeisterung für das revolutionäre Regime in Paris zuvor bereits erodiert. Hinzu kam die Zivilverfassung des Klerus, der seit 1790 von allen Kirchenleuten den Eid auf Nation und König verlangte; wer dies nicht tat, wurde verfolgt. Nachdem Ludwig XVI. Anfang 1793 hingerichtet worden war, verfing die Agitation eidverweigernder Priester, die damit alte Ressentiments der Landbevölkerung gegen das Bürgertum der Städte, zumal von Paris, schürten. Die lokalen Milizen bekamen Zulauf, Adlige boten ihre Unterstützung an. Das Todesurteil des Konvents über den König gab dem Widerstand einen griffigen Nenner, machte ihn zu der royalistischen Gegenrevolution, als die er der republikanischen Führung in Paris erschien. Die Inkompetenz ihrer Truppen tat ein Übriges. Denn die Versuche, mit einigen tausend Mann unter dem Kommando von unerfahrenen Revolutionären den Aufstand niederzuschlagen, scheiterten allesamt. Diese Erfolgserlebnisse ermöglichten es Männern wie Henri de La Rochejaquelein und Louis de Salgues de Lescure, ihre durchaus disparaten Kämpfer zusammenzuhalten und über Monate hinweg erfolgreich Krieg zu führen. Der Angriff auf das reiche Nantes, dessen Vorräte lockten, scheiterte Ende Juni allerdings am Widerstand der Nationalgarde. Auch die nahende Ernte dürfte zahlreiche Aufständische zum Rückzug bewogen haben. Auf der Gegenseite setzte der Wohlfahrtsausschuss unter dem Druck der Pariser Massen den Terror auf die Tagesordnung (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article231704575/Robespierre-Henker-mussten-die-Guillotine-im-Akkord-benutzen.html) . Mit dem rücksichtslosen Vorgehen gegen alle „Verräter“ sollten die wankenden Fronten im Norden und Osten stabilisiert und die Rebellionen im Inneren ausgetreten werden. Zu diesem Zweck wurde die „Levée en masse“ (Massenaushebung) eingeführt, die die gesamte Nation zum Kriegsdienst verpflichtete. Zum Einsatz in der Vendée formierte der Wohlfahrtsausschuss die „Armée de l’Ouest“. Geführt von erfahrenen Generälen wie Jean-Baptiste Kléber und Westermann und mit einem Blankoscheck für den Einsatz von Gewalt ausgestattet, machte sie sich an die Befriedung des Westens (verlinkt auf https://www.welt.de/welt_print/article2168373/Die-dunkle-Seite-der-Revolution.html) . Auf beiden Seiten eskalierte die Gewalt. „Der Bauer in der Vendée mordete mit Lust den revolutionären Bürger, ... den Herrn, dessen lässige Verachtung er empfand, den Ungläubigen, der den satanischen Klub besuchte, den Ketzer, der an den falschen Messen teilnahm“, schreibt der Historiker Martin Göhring (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_G%C3%B6hring) . Dagegen setzten die Generäle der Republik auf die Strategie der verbrannten Erde: Das Land sollte so verwüstet werden, dass seinen Bewohnern nichts mehr blieb als der Tod. Systematisch wurden Ernten und Wälder zerstört, Höfe und Dörfer gingen in Flammen auf. Rund 60.000 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, fanden sich Anfang Herbst unter der Führung von Rochejaquelein zusammen, um sich vor den Republikanern in Sicherheit zu bringen. Fernziel war die Bretagne. Zwar konnten die Aufständischen in mehreren erfolgreichen Gefechten die Gegner auf Distanz halten. Aber die Einnahme von Städten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article189210981/Koalitionskriege-Die-letzte-gelungene-Invasion-Englands-endete-im-Suff.html) wie Granville oder Angers scheiterte an deren Widerstand. So irrte der Treck auf der Suche nach sicheren Winterquartieren buchstäblich durch den Nordwesten Frankreichs. Als er am 10. Dezember Le Mans erreichte, hatten Krankheiten, Hunger und Kälte das Heer auf 25.000 Köpfe reduziert. Die kleine republikanische Garnison wurde vertrieben. Obwohl Rochejaquelein darauf drängte, Verteidigungsstellungen anzulegen, machte sich das Gros seiner Leute über die Vorräte her; Alkohol soll in Strömen geflossen sein. Einen Tag später erreichten Klebers und Westermanns Truppen die Stadt. Eine Zeitlang konnten Rochejaquelein und einige tausend Chouans Widerstand leisten, mussten sich aber schließlich zurückziehen. Im folgenden Häuserkampf sollen 15.000 Aufständische getötet worden sein. In seinen Memoiren schrieb Kleber: „Das Gemetzel wird grauenhaft. Überall sieht man nur noch Leichenberge.“ Die Schlacht bei Schlacht von Savenay elf Tage später markierte das militärische Ende des Aufstandes. Stolz berichtete Westermann nach Paris: „Gemäß den Befehlen, die Sie mir gegeben hatten, habe ich die Kinder unter den Hufen der Pferde zermalmt und die Frauen massakriert, die zumindest keine Räuber mehr gebären werden. Ich habe keinen einzigen Gefangenen, den ich mir vorwerfen könnte. Ich habe alles ausgerottet. Die Straßen sind mit Leichen übersät. Es sind so viele, dass sie an mehreren Stellen Pyramiden bilden ... Mitleid ist nicht revolutionär.“ Der Hinweis auf die Pflichtmäßigkeit seines Blutbades rettete den General übrigens nicht vor der Guillotine des „Großen Terrors“, mit dem der Wohlfahrtsausschuss um Maximilien de Robespierre die Revolution und ihre Macht zu verteidigen suchten. Als Gefolgsmann von George Danton starb Westermann am 5. April 1794 auf dem Schafott. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Französische Revolution zu seinem Arbeitsgebiet.