Welt 19.01.2026
11:21 Uhr

„Ich habe den Kofferraum geöffnet und Orangen und Pilsner Urquell an die Mitspieler verkauft“


Der 1. FC Union feiert seinen 60. Geburtstag. André Sirocks spielte für den heutigen Bundesligisten – und hat Höhen und Tiefen miterlebt. Er erzählt von alte Baracken, Punktprämien in Briefumschlägen – und einem Netzwerk in Zeiten von DDR-Mangelwirtschaft.

„Ich habe den Kofferraum geöffnet und Orangen und Pilsner Urquell an die Mitspieler verkauft“

Als wir ihn erreichen, ist er gerade auf Sizilien unterwegs. Auf der Insel am Fuße Italiens hat André Sirocks, ein ehemaliger Mittelfeldspieler des Bundesligisten 1. FC Union Berlin, seine Liebe für Olivenöl und Kaffee entdeckt. Beides vertreibt der 59-Jährige, der nach dem Ende seiner Karriere 1998 eine Ausbildung zum Finanz- und Versicherungsberater gemacht und eine eigene Agentur hat, über einen Onlineshop. Der Kontakt zum 1. FC Union, für den er von 1979 bis 1991 gespielt hat, ist nie abgerissen. Und so ist Sirocks am Dienstagabend auch Gast beim großen Festakt des 1. FC Union, der seinen 60. Geburtstag feiert. (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/article696ce7e84bea5ecfebee9f88/18-spieltag-union-erkaempft-sich-einen-punkt-in-stuttgart.html) WELT: Herr Sirocks, als Sie 1991 von Berlin nach Hannover gewechselt sind, ließ bei Union kaum etwas erahnen, dass es den Klub in die Bundesliga führen könnte. Das Stadion war heruntergekommen, umgezogen wurde sich in alten Baracken. André Sirocks: Das stimmt, umso bemerkenswerter ist es, dass es Union viele Jahre später dann doch geschafft hat. Ich wollte damals gar nicht weg. Mein Herz hing an Union – und hängt auch heute noch an Union, weil ich dort groß geworden bin. Ich kam als 14-Jähriger von der Kinder- und Jugendsportschule zu Union und habe mich bis in die Oberliga-Mannschaft hochgekämpft. Doch nachdem wir den Aufstieg in die 2. Liga verpasst hatten, war ich an einem Punkt, an dem ich an mich denken und überlegen musste, wie es weitergeht. So ist das im Leben. Und damals war das auch noch eine besondere Zeit. WELT: Zwei Jahre nach dem Mauerfall. Sirocks: Genau. Alles war plötzlich anders. Auch im Fußball standen uns plötzlich viele Türen offen. Doch da es mein Verein nicht in den Profi-Fußball geschafft hatte, ich aber Fußballer bleiben wollte, um damit Geld zu verdienen, habe ich das Angebot von Hannover 96 angenommen. Es fiel mir nicht leicht zu gehen, denn ich bin Berliner durch und durch. Doch in dem Fall musste ich eine Entscheidung treffen – und die fiel für Hannover aus. WELT: Zwei Jahre später wären Sie fast wieder bei Union gelandet. Sirocks: Union hatte Frank Pagelsdorf als Trainer verpflichtet und mit ihm 1993 sportlich den Aufstieg geschafft. Das war perfekt. Ich hatte den Vertrag schon unterschrieben. Doch dann bin ich im Urlaub und lese die „Bild“-Zeitung. „Lizenzbetrug, Lizenzentzug – Union steigt nicht auf.“ Das war ein Schlag ins Gesicht, denn ich hatte mit Hannover schon abgeschlossen, alles war auf die Rückkehr nach Berlin ausgerichtet. WELT: Und dann? Sirocks: Ich habe viel telefoniert und bin schließlich bei Unterhaching gelandet, wo ich mich unter Gerd Roggensack erst mal fit gehalten habe. Irgendwann rief mich Wolfgang Wolf an, der damals Trainer bei den Stuttgarter Kickers war und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, nach Stuttgart zu kommen. Und dort bin ich dann hängengeblieben. Aber ich habe Union nie aus den Augen verloren, dafür wie die Zeit dort einfach zu schön. WELT: Erzählen Sie. Sirocks: Union hatte es sportlich nicht immer einfach, aber Mitte der 80er-Jahre kam mit Karl Schäffner ein Trainer, der viel im Klub bewegt und für gute Bedingungen gesorgt hat. Union war in Bezug auf die Bezahlung seiner Spieler im Vergleich zu einigen anderen Vereinen in der DDR immer im unteren Bereich angesiedelt. Mit Karl Schäffner aber veränderte sich das. WELT: Inwiefern? Sirocks: Ich saß im vergangenen Jahr mit ehemaligen DDR-Fußballern wie Dirk Stahmann ( früher 1. FC Magdeburg, d. Red. ) und Matthias Döschner ( früher Dynamo Dresden, d. Red. ) in Magdeburg bei einer Talkrunde vor Fußballfans. Da sind wir nach unseren Gehältern gefragt worden – und wir haben ganz offen drüber gesprochen. In der DDR war es so, dass jeder Verein einen Trägerbetrieb hatte, bei dem die Spieler angestellt waren. Bei Union war es das Kabelwerk Oberspree. Ich hatte einen Vertrag als Kupferdrahtzieher und habe 1480 Ost-Mark verdient. Mein Vater beispielsweise hat in einem Kombinat im Drei-Schicht-System gearbeitet und 840 Ost-Mark nach Hause gebracht. Das heißt also, dass wir Fußballer richtig gut verdient haben. Und wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass an jedem Samstag ein Umschlag dazu kam, wenn wir gewonnen oder gepunktet haben, kann man sich vorstellen, wie gut es uns gegangen ist. WELT: Was gab es denn pro Punkt? Sirocks: 800 Ost-Mark. WELT: Aber was konnten Sie denn mit dem ganzen Geld anfangen? In der DDR herrschte Mangelwirtschaft – viele Dinge des täglichen Bedarfs waren nur schwer oder gar nicht erhältlich. Sirocks: Das war ja das Problem. Ich habe es gespart oder für besondere Dinge ausgegeben, wie etwa einen Fernseher, der zu DDR-Zeiten nicht so billig gewesen ist. Das waren schon krasse Zeiten, um so mehr habe ich mich ja dann auch gefreut, als die Mauer gefallen ist. Aus der krassen Zeit wurde eine spannende Zeit. Alles war neu. Plötzlich hatten Fußballvereine keine Betriebe mehr, von denen es Geld gab. Sie mussten selbst schauen, woher das Geld kommt. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mal bei einem Eishockeyspiel der Preußen Berlin war und mir im VIP-Raum ein Herr Brauer von Rohrfrei Brauer vorgestellt wurde. Er hatte Lust, auf die Trikotbrust von Union zu gehen und dafür Geld zu zahlen. Das habe ich unserem damaligen Manager Pedro Brombacher dann erzählt. Er hat sich bedankt – und ich glaube, Union war einer der ersten Ostklubs, der vorn einen Sponsor auf dem Trikot hatte. WELT: Ein Klub, der zu DDR-Zeiten eher eine untergeordnete Rolle gespielt hat. In Berlin wurde der Stasiklub BFC Dynamo von den Oberen protegiert. Sirocks: Wir waren ein Underdog, ganz klar. Wir hatten gute Spieler, aber nicht die Creme de la Creme, die spielte beim BFC, in Dresden, Leipzig oder Magdeburg. Aber Mitte der 80er-Jahre haben wir einige gute Spieler vom BFC bekommen – Olaf Seier, Norbert Trieloff, Mario Maek, Olaf Hirsch oder Ralf Strässer. Die haben uns besser gemacht, aber für ganz oben hat es nie gereicht, so ehrlich muss man sein. Aber das war in Ordnung. Ich will die Zeit nie missen, weil wir eine gute Atmosphäre in der Mannschaft hatten, eine gute Klubführung – und damals eine große Anhängerschaft. Eine Ultraszene gab es zwar noch nicht, aber die Stimmung war trotzdem genial. Schon zu meiner Zeit wurde die Mannschaft nicht ausgepfiffen. Wir sind immer unterstützt worden. Daheim und auswärts. Das gibt es nicht so oft im deutschen Fußball. WELT: Den Westfußball kannten sie quasi nur aus dem Fernsehen. Wie haben Sie ihn nach dem Mauerfall dann selbst erlebt? Sirocks: Dass er nicht so bunt und voller Glamour ist, wie es immer den Anschein hatte. Und die Spieler im Westen waren auch nicht alle besser als die im Osten. Natürlich gab es viele Vereine, die schon damals richtig gut aufgestellt waren, aber eben auch nicht alle. Dennoch muss ich sagen, dass ich ein bisschen stolz war, dass Hannover mich geholt hat, denn so viele Ost-Fußballer haben im Westen nicht Fuß gefasst. Ich bin happy mit dem, was ich erreicht habe. Ob nun im Fußball – oder im Anschluss an meine Karriere. Da hat mir sicherlich auch ein gutes Netzwerk geholfen, das ich schon zu DDR-Zeiten hatte. Was übrigens sehr hilfreich war, denn eigentlich gab es gar nicht so wenig bei uns. Du musstest halt nur die richtigen Leute kennen. Ich weiß noch, wie ich kurz vor Weihnachten immer mit einem vollbeladenen Trabant-Kombi auf den Parkplatz von Union gefahren bin, den es heute dort noch gibt. Dann habe ich den Kofferraum geöffnet, in dem einige Kisten mit Orangen lagen und einige Kästen mit Pilsner-Urquell standen. Ich habe dann meinen Mitspielern Bescheid gesagt und sie konnten mir das abkaufen. Das habe ich alles organisiert. (lacht) WELT: Gewusst wie. Sirocks: Wie gesagt, man muss nur die richtigen Leute kennen und sich kümmern. Das habe ich damals schon gemacht, und das mache ich auch heute noch. Wenn du dich nicht ausprobierst, kommst du nicht weiter. WELT: Um es mal auf den 1. FC Union zu projizieren: Der Klub hat lange gebraucht, um weiter und nach oben zu kommen. Wie ist das aus Ihrer Sicht zu bewerten? Sirocks: Das ist wie ein Märchen – und da übertreibe ich nicht. Was da an Ausdauer gezeigt und irgendwann auch an Professionalität hineingesteckt worden ist, ist beachtlich. Der Klub ist sich trotz vieler Rückschläge treu geblieben. Das ist ein unfassbarer Weg, den Union gegangen ist. Es spricht auch für die Verantwortlichen um Präsident Dirk Zingler oder einen der Geschäftsführer, Oskar Kosche, mit dem ich früher noch zusammengespielt habe. Sie sind seit vielen Jahren beim Klub und haben ihren Anteil an dem, was Union jetzt ist: erstklassig. Sie haben kontinuierlich ein Ziel verfolgt und sind nun dabei, die nächsten Schritte zu gehen. Das ist eine Geschichte, die auch Anklang außerhalb von Berlin findet. Natürlich wissen Menschen, mit denen ich über Fußball spreche, dass ich eine Union-Vergangenheit habe, aber sie loben Union dann nicht deshalb, sondern weil sie das ehrlich so meinen.