Welt 17.01.2026
07:20 Uhr

„Hofdamen, die schwanger wurden, bekamen 60.000 Gulden und einen Garde-Offizier“


Nachdem Napoleon Bayern 1806 zum Königreich erhoben hatte, setzten die Wittelsbacher auf Modernisierung. Ihr Spiegelbild wurde der Hofstaat, der keineswegs das „nutzlose Relikt aus dem alten Reich“ war, als das er lange galt.

„Hofdamen, die schwanger wurden, bekamen 60.000 Gulden und einen Garde-Offizier“

Mehr als 600 Jahre hatten die Wittelsbacher vergeblich auf diesen Erfolg gewartet. Dann endlich, im Jahr 1806, erhielt die Dynastie die Königskrone. Zweimal hatten sie zuvor d ie Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches errungen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article239560469/Oesterreichischer-Erbfolgekrieg-So-wurde-der-Kaiser-aus-Bayern-nackt.html) und wieder verloren, sich in blutigen Familienfehden erschöpft und mit Frankreich vergeblich gegen die Habsburger in Wien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253245730/Sendlinger-Blutweihnacht-1705-Die-Aufstaendischen-stuermten-Muenchen-und-wurden-zurueckgeschlagen.html) paktiert. Doch erst die Französische Revolution und ihr Vollender, Kaiser Napoleon I., eröffneten mit Maximilian I. Joseph (1756–1825) dem Spross einer Nebenlinie die Chance, sich in den Kreis der gekrönten Häupter Europas einzureihen.  Mit der Krone allein war es allerdings nicht getan. Ein König musste der Welt seinen Rang auch durch seine Hofhaltung vor Augen führen. Das bedeutete für Max Joseph, dass er sich nicht mehr an den Kurfürsten ein Beispiel nehmen konnte, sondern nun in eine „Prestigekonkurrenz“ zum kaiserlichen Hof in Wien und zum königlichen in Berlin treten musste. Wie er das tat, hat Maximilian Vissers (verlinkt auf https://www.geschichte.uni-wuerzburg.de/bayerische-landesgeschichte/personal/) jetzt in einer Dissertation untersucht („Der Hof Max I. Joseph von Bayern“. C. H. Beck, 754 S., 69 Euro). Darin widerspricht der Würzburger Historiker der lange geltenden These, nach der der bayerische Hof an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ein „mehr oder minder funktionsloses, aber dennoch kostenintensives Relikt aus der Zeit des Alten Reiches“ gewesen sei. Dass Bayern 1806 mit den beiden Großmächten Österreich und Preußen zumindest rangmäßig gleichziehen konnte, war pures Glück. Noch in den ersten beiden Koalitionskriegen gegen das revolutionäre Frankreich hatte sich das Land den deutschen Führungsmächten anschließen müssen. Aber als sich 1805 die Dritte Koalition um England (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6926cc6af60b758bebd57f88/austerlitz-1805-ich-hatte-keine-vorstellung-von-solch-einer-niederlage.html) , Russland und Österreich formierte, war Napoleons Macht schon groß genug, um den süddeutschen Staaten eine Wahlmöglichkeit zu bieten. Bayern, Württemberg und Baden erlagen den Verlockungen Napoleons, der den beiden erstgenannten Königskronen und dem dritten den Hut eines Großherzogs versprach. Das machte sie zu Mitbegründern des Rheinbundes, mit dem Bonaparte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article156962678/Unter-Napoleons-Aegide-entsteht-der-Rheinbund.html) zahlreiche deutsche Fürsten zu Satelliten machte und nebenbei das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in den Orkus schickte. Bayern hatte ein weiteres Mal Glück. Denn der Mann, der sich da am 1. Januar 1806 zum König von Bayern proklamieren ließ und sieben Monate später aus dem Reich aus- und dem Rheinbund beitrat, hatte wenig gemein mit den Wittelsbachern, die der Ehrgeiz zu desaströsen Machtspielen verleitet hatte. Als der bayerische Kurfürst Karl Theodor 1799 ohne männlichen Erben starb, brachten die Hausverträge der Familie mit Max Joseph den Herzog von Pfalz-Zweibrücken in die Münchner Residenz. Seine Herkunft aus einer Duodez-Herrschaft und die aktuelle Lage machten es dem neuen Kurfürsten leicht, mit alten Traditionen zu brechen und seinem führenden Minister Maximilian von Montgelas (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article175953219/Maximilian-von-Montgelas-Bayern-bekommt-eine-Verfassung.html) freie Hand bei einem Reformwerk zu geben, das aus dem von Krieg, Prunk und Geltungssucht ruinierten Fürstentum einen der modernsten Staaten Deutschlands machte. Justiz, Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen wurden im Geist der Aufklärung umgekrempelt, Feudalrechte entsorgt. Nur für seinen Hof forderte der Wittelsbacher ein geringeres Tempo: „Reformieren Sie alles bis auf meine Leute.“ Schließlich kannte Max Joseph die Geschichte seiner Familie gut genug, um die herausragende Rolle von Repräsentation einschätzen zu können. Gleichwohl konnte sich auch der Hof dem Reformschub nicht entziehen. So waren seit 1804 „nicht nur das Staats- und Privatvermögen des Monarchen in Bayern juristisch voneinander getrennt, sondern auch die Sphären der Hof- und der allgemeinen Staatsverwaltung organisatorisch wie finanziell voneinander geschieden“, schreibt Vissers. Damit waren Hofstaat und Hofhaltung dem Zugriff staatlicher Institutionen entzogen, was in der Verfassung, die Max Joseph 1818 seinem Land zugestand, auch festgeschrieben wurde. Das bedeutete, dass knapp neun Prozent des Staatsetats – 1819 waren das 22,809 Millionen Gulden – in den Hof flossen und damit dem Unterhalt von rund 1500 bis 1800 Personen einschließlich der Königsfamilie dienten. Das war deutlich weniger als im Ancien Régime, wo die Entourage eines Fürsten bis zu einem Drittel der Staatseinnahmen verschlingen konnte. Was damit gemacht wurde, hat Karl Heinrich Ritter von Lang süffisant beschrieben, der als hoher Beamter im bayerischen Staatsdienst diente: „Da der König nichts las und keine besondere Liebhaberei für irgendeinen Zweig der Künste oder Wissenschaften hegte, so wenig als für Jagd und Reiterei, dabei auch kein Schwelger und kein Trinker war, so blieb es eine schwere Aufgabe für die Höflinge, den Tag mit Spazierengehen, Liebeleien, verkappten Hofnarren, Stadthistorien und Kleinigkeitskrämereien aller Art auszufüllen. Aus solcher Geschäftslosigkeit des Königs gingen dann auch viele üble Launen hervor … Gleichsam als besonderer Ehrenpunkt galt es, dass die Hofdamen und Kammerzofen, wenn sie schwanger wurden, was sozusagen unter die gewöhnlichen Umstände gehörte, sich unter den höchsten Schutz flüchteten, wofür sie dann 60.000 Gulden Ausstattung aus der Schuldentilgungskasse und einen Garde-Offizier zum Gemahl erhielten. Die Leitung der Staatsgeschäfte war unter solchen Umständen ausschließlich dem Grafen Montgelas überlassen.“ Während der allmächtige Minister mit einem qualifizierten Stab Bayern in die Moderne trieb, zogen es viele Adlige vor, sich am Hof zum einen ein Auskommen und zum anderen in der Nähe zum Monarchen ihren Rang zu sichern. Sie bildeten den oberen Teil der Gesellschaft, in der wiederum Angehörige aus den großen Familien als Obersthofmeister, Stabschefs und Intendanten den Ton angaben. Sie standen einem zumeist männlichen Personal vor, das streng hierarchisch gegliedert war. Prinzenerzieher, Hofkapläne oder Leibärzte waren adlige Hofbeamte mit Leitungsfunktionen. Der Kantor der protestantischen Hofkirche oder der Aufseher der Gemäldegalerie bekleidete den Rang eines Oberoffizianten, Oberkapelldieners, Zimmerwärters oder des Leibschneidermeisters der Königin den eines Unteroffizianten.  Darunter rangierten die Livreebediensteten wie Hoflakaien, Kabinettsheizer, Hoftapezierer oder Kammermädchen. Während diese durch ihre Uniformen (Livree) erkennbar und in den Schlossräumen omnipräsent waren, blieben die dienstbaren Geister darunter „für den größeren Teil des Hofes im Alltag nicht sichtbar“, schreibt Vissers. Das waren Küchenjungen, Knechte, Mägde. Unter diesen rangierten noch die Tagelöhner, die bisweilen zu einfachen Arbeiten herangezogen wurden. Als Wäscherinnen, Spülerinnen oder in der Leinwandkammer blieben Frauen weitgehend unsichtbar. Nur in der Umgebung der Königin und ihrer Kinder bekleideten sie höhere Posten, die, wie bei Männern gleichen Ranges, mit erheblichen Privilegien verbunden waren: Sie erhielten eine Wohnung in der Residenz inklusive Holz und Licht, eine eigene Magd, freien Bezug von Medikamenten aus der Hofapotheke sowie kostenlose Behandlung durch die Hofärzteschaft. Anders als im Ancien Régime, das wie in Frankreich durch den Ämterkauf eine inflationäre Zahl von Hofchargen hervorgebracht hatte, setzte die „Staatsdienerpragmatik“ für eine Anstellung „erfüllte Qualifikationsbedingungen“ voraus. Darin war auch das Gehalt festgeschrieben, das einem Bediensteten für „die Befriedigung jener inneren Bedürfnisse und äußeren Formen, welche für das Individuum, als Funktionär in der Klasse seines Standes, entstehen“. Die Bediensteten des Hofes wurden damit zu Staatsdienern erhoben, aus dem Versorgungsversprechen gegenüber altgedienten Mitarbeitern wurde eine rechtliche Verbindlichkeit. Respektvoller Umgang war gefordert Die Pension setzte allerdings die Einhaltung zahlreicher Regeln voraus. So verlangte Max Joseph einen respektvollen Umgang der Bediensteten untereinander sowie ihren Vorgesetzten gegenüber. Höhere Chargen wurden vom König geduzt, niedere mit „Er“ angesprochen. Damals galt der Dienst am Hof als ein Privileg, das hohes Ansehen versprach und dessen man sich würdig zu erweisen hatte. Schließlich wirkte selbst ein einfacher Lakai am Wohl des Staates mit und hatte „mit Moralität, Treue, Redlichkeit“ zum „Glanz“ des Hofes beizutragen. Leistungsbereitschaft war gefordert. Weil der König bereits um sechs Uhr morgens sein Frühstück einzunehmen pflegte, musste die nötige Infrastruktur bis dahin schon bereitstehen. Da die Königin Caroline, mit der Max Joseph in zweiter Ehe immerhin acht Kinder gezeugt hatte, bis zehn Uhr schlief, ging es in ihrem Hoftrakt etwas ruhiger zu. Wenn abends ein Fest angesagt war, konnte der Arbeitstag bis in den nächsten Morgen dauern.                                   Frauen stellten den Pagen-Nachwuchs auf die Probe Stress, bedingt durch die langen Arbeitszeiten und beengten Wohnverhältnisse, konnte zu Konflikten führen. Wenn die Dienstinstruktion Selbstjustiz als Mittel zur Klärung ausdrücklich verbot, dürfte sie nicht unbekannt gewesen sein. „Unnöthige überflüßige Schwätzereien“ waren Livreebediensteten während des Dienstes ebenso verboten wie Fluchen, Rauchen oder das Trinken von Alkohol. Umso größer war der Bierkonsum in den Wirtshäusern der Nachbarschaft, wo nicht nur „unanständige Redensarten“ gepflegt wurden, sondern die Tugend des Pagen-Nachwuchses auch durch das weibliche Personal des Waschhauses auf die Probe gestellt wurde, wie es in einem Bericht des Oberstallmeisters hieß. Der Diebstahl von Lebensmitteln war ein strukturelles Problem innerhalb des Schlosses, das vor allem das Personal an der Tafel und in der Küche betraf. Denn während der endlosen Kriege Napoleons, an denen ab 1806 auch bayerische Truppen teilnehmen mussten, waren Lebensmittel knapp und teuer. Es kam vor, dass Köche nicht nur Mundraub aus den Vorratskammern begingen, sondern mit deren Inhalt einen schwunghaften Schwarzmarkt unterhielten. Um derlei auszutrocknen, wurde der Sold substanziell erhöht und die Naturalienabgabe an das Küchenpersonal, die zuvor noch ein Teil der Entlohnung gewesen war, abgeschafft; die Proviantkammer unterstand nun einer strengen Kontrolle. Ein weiteres Ärgernis waren Trinkgelder, die leicht als Schmiermittel der Korruption dienen konnten. An sämtliche Angestellten erging daher die Anordnung, „alle ihnen oder ihren Frauen gegeben wordenen Trinkgelder dem königlichen Administrator ohne allen Rückhalt, der Betrag mag so klein seyn, als er will“, auszuliefern. So wurde der Hof Max Josephs ein Spiegelbild der Reformen, mit denen sein Minister Montgelas die Grundlagen des modernen Bayern schuf. Politische Weitsicht kam hinzu. Als Napoleon nach der Katastrophe seines Russland-Feldzuges mit einer neuen Grande Armée 1813 um seine politische Existenz kämpfte, verließ das Königreich am 8. Oktober den Rheinbund und ging zu den Alliierten über. Elf Tage später verlor Napoleon die Völkerschlacht von Leipzig (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article169665959/Voelkerschlacht-bei-Leipzig-Wie-Napoleon-die-groesste-Schlacht-der-Geschichte-verlor.html) . Obwohl Bayern kurz darauf bei Hanau gegen die Franzosen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article170104878/Schlacht-bei-Hanau-Bayern-verliert-gegen-Napoleon-I.html) den Kürzeren zog, durfte es im Wiener Kongress als Sieger teilnehmen und sein Königtum behalten. Ihr Hof erwies sich dabei für die Wittelsbacher keineswegs als „nutzloses Relikt“ aus alten Zeiten. Visser resümiert: Der König verstand es „nicht zuletzt durch demonstrativ zur Schau gestellte Pracht und Größe seiner Hofhaltung in Bayern, seinen Anspruch als Oberhaupt der mächtigsten deutschen Mittelmacht nach Österreich und Preußen zu Geltung zu bringen“. Eine Tradition, die sich bis heute offenbar erhalten hat. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte das 19. Jahrhundert zu seinem Arbeitsgebiet.