Welt 13.01.2026
07:31 Uhr

Hintermänner, Logistik, Gewinne – So funktioniert das Milliarden-Geschäft mit illegalen E-Zigaretten


Illegale Vapes aus China überschwemmen den europäischen Markt. Die Billigprodukte gefährden Jugendliche und kosten den Staat Hunderte Millionen. WELT erklärt, wie das Milliarden-Geschäft funktioniert – und warum die Politik tatenlos zusieht.

Hintermänner, Logistik, Gewinne – So funktioniert das Milliarden-Geschäft mit illegalen E-Zigaretten

Am frühen Morgen des 26. November 2024 zeigt der Rechtsstaat Stärke: 500 Zollfahnder, Polizisten, Steuerfahnder und sogar THW-Mitarbeiter durchsuchen in Berlin 35 Wohnungen und Büros sowie zahlreiche Autos. Acht Männer zwischen 24 und 41 Jahren werden festgenommen. Sie sollen vor allem Jugendlichen über soziale Medien illegale Einweg-E-Zigaretten verkauft haben. Die Ermittler finden ein Lager mit 400.000 E-Zigaretten sowie 600 Kilogramm unversteuertem Wasserpfeifentabak im Millionenwert. Schon einen Tag später beschlagnahmten Zoll und Polizei im Rheinland 650.000 E-Zigaretten auf 200 Paletten in einer Lagerhalle einer Neusser Firma. Im Januar dieses Jahres werden in Saarlouis 210.000 illegale Vapes mit einem geschätzten Steuerwert von 1,4 Millionen Euro sichergestellt, im April in Fürth 250.000 E-Zigaretten (ebenfalls 1,4 Millionen Euro). Im Mai stellen Zollfahnder in Neuss 212 Paletten mit Vapes im Wert von dreieinhalb Millionen Euro sicher; im November und Dezember folgen weitere Polizeiaktionen. Auch im Ausland häufen sich Razzien gegen illegale E-Zigaretten: In den letzten zwei Jahren in Großbritannien, Australien, Singapur, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, auf den Philippinen, Thailand, Italien, USA und Neuseeland. Vor allem China überschwemmt den Markt mit knallbunten Produkten wie „Al Fakher“, „Tornado“ oder „Vozol“. Problematisch ist, dass der Inhalt der Zusatzstoffe bzw. Substitute unbekannt ist – eine mögliche gesundheitliche Gefahr. Außerdem überschreiten viele Produkte die zulässige Füllmenge: In Deutschland sind maximal zwei Milliliter erlaubt, chinesische Produkte enthalten ein Vielfaches mehr. Dadurch sind deutlich mehr Züge möglich – und die Ware ist deutlich billiger als geprüfte E-Zigaretten von Konzernen wie Philip Morris oder British American Tobacco, die europäischen Regulierungen unterliegen: Für rund zehn Euro gibt es dort rund 1000 Züge, bei chinesischen E-Zigaretten sind es für 15 Euro bis zu 30.000 Züge. Der Preisunterschied treibt die Nachfrage, vor allem bei jungen Menschen mit schmalem Geldbeutel. Zollkriminalamtschef Tino Igelmann warnte 2024: „Als ‚Life-Style‘-Produkt haben die E-Zigaretten und Vapes vor allem bei Jugendlichen – teils auch bei Kindern und jungen Erwachsenen – die Zigarette abgelöst, und daher ist es besonders wichtig, die Gesundheit gerade unserer minderjährigen Bevölkerung mit solchen Ermittlungen zu schützen.“ Extremer Anstieg beschlagnahmter Substitute Doch die chinesischen Billigmarken locken auch andere Zielgruppen. Gekauft wird unter dem Ladentisch in Vape-Shops, Spätis oder online. Websites bieten die Produkte offen an, werben mit bis zu 15.000 Zügen, 20-Prozent-Rabatt-Gutschein und Sätzen wie: „Sanfte, leicht süßliche Noten des Kaktus treffen auf eine eiskalte Frische, die bei jedem Zug belebt.“ Für Produzenten und Mittelsmänner ist das ein Milliarden-Geschäft, das trotz Kontrollen floriert. Ein Zollsprecher sagt WELT am SONNTAG, Schmuggel und Handel mit Einweg-E-Zigaretten hätten zwischenzeitlich ein großes Ausmaß angenommen; seit Einführung der Tabaksteuer auf Substitute im Juli 2022 sei die sichergestellte Menge enorm gestiegen: 2022 wurden rund 3,9 Millionen Milliliter beschlagnahmt, 2023 bereits 31 Millionen, 2024 über 48 Millionen Milliliter – ein neuer Höchststand. Das zeige, dass der Markt für nicht verkehrsfähige Produkte stark wachse und engmaschige Kontrollen wichtig seien. Denn der Vape-Schwarzmarkt ist äußerst lukrativ: Die Gewinnmarge bei illegalen E-Zigaretten liegt bei 80 bis 90 Prozent, bei legalen Produkten beträgt sie etwa die Hälfte. Kioske in Großstädten, die illegale E-Zigaretten anbieten, machen so 5000 bis 7500 Euro Gewinn – pro Woche. Und so blüht der Schwarzmarkt: In Europa und auch in Deutschland wird allein der Anteil von illegalen Einweg-E-Zigaretten am Gesamtmarkt auf rund 50 Prozent geschätzt; allein in Europa entspricht das mehreren Milliarden Euro. Und der Markt wächst: Der regulierte Markt erzielte 2025 laut eines Branchenverbands ein Umsatzwachstum von 25 Prozent. Produkte kommen vor allem aus China Ein Stopp ist kaum absehbar: Die Importwege nach Deutschland sind schwer zu überwachen. Laut Schätzungen der Tabakindustrie sind in China bis zu 170.000 Unternehmen in die Produktion eingebunden, offiziell sind seit 2022 jedoch weniger als 1000 lizenziert – das macht es dem Zoll schwer, Einfuhrwege zu kontrollieren. Nach Erkenntnissen des Zolls wird die illegale Ware fast ausschließlich in China bzw. Hongkong produziert und kommt per Schiff oder Flugzeug als Massenfracht nach Europa; von dort geht es auf dem Landweg in Zwischenlager und über Groß-, Einzel- oder Onlinehandel in Kioske und zum Endverbraucher. Teilweise werden Zollverfahren missbräuchlich genutzt oder Ware über andere Mitgliedstaaten ohne steuerliche Anmeldung im Inland eingeführt. Nach Informationen von WELT spielen neben dem Hafen im belgischen Antwerpen vor allem die Niederlande mit ihrem Hafen in Rotterdam eine wichtige Rolle. Dort treffen meist die Container mit der illegalen Ware ein, fällt aber kaum auf. Von dort geht es dann weiter in die Nachbarländer – darunter Deutschland: In Bielefeld stoppten Zollbeamte Anfang November auf einem Parkplatz der A2 ein Auto mit niederländischem Kennzeichen. Darin: 28 Kartons mit insgesamt 2780 unversteuerten Einweg-E-Zigaretten (Vapes) mit rund 50 Litern Liquid – angeblich für einen Freund, so der Fahrer. Die Hinterleute solcher Schmuggelaktionen sehen Zoll und die Tabakindustrie in der Organisierten Kriminalität (OK). Ein Zollsprecher: „Nach bisherigen Feststellungen des Zolls gehen die involvierten Tätergruppierungen strukturiert und organisiert vor, was eine etwaige Einbindung in OK-Strukturen zumindest möglich erscheinen lässt. So verfügen sie etwa über eigene Vertriebs- und Händlerschienen, um die inkriminierten Güter zu vermarkten.“ Kommt die Ware in Deutschland an, wird sie in Shisha-Shops oder Vape-Geschäften verkauft. Testkäufe des „Verbands des eZigarettenhandels“ zwischen März 2024 und Januar 2025 in 65 Geschäften in Berlin zeigen: Über 85 Prozent der Shops verstoßen gegen gesetzliche Bestimmungen. In 76,2 Prozent der getesteten Shops wurden E-Zigaretten an Minderjährige verkauft (verlinkt auf https://vd-eh.de/vdeh-veroeffentlicht-umfassende-untersuchung-zu-illegalen-vapes-in-shisha-shops-in-berlin/) . Nicht zuletzt angesichts möglicher Gefahren für den Jugendschutz wird von Experten eine flächendeckende Kontrolle zwar als nötig erachtet. Doch praktisch ist das schon allein aufgrund der Vielzahl solcher Geschäfte in Großstädten kaum möglich. Keine Termine für Lobbyvertreter Finanzierbar wären sie wohl in jedem Fall: Das Bündnis für Tabakfreien Genuss spricht von Steuerausfällen von 500 Millionen Euro pro Jahr. Die Steuer fällt laut Tabaksteuergesetz seit dem 1. Juli 2022 auf Liquids an, aktuell 0,32 Euro je Milliliter. Politisch hat das Thema bislang keine Priorität. Die regulierten Tabakkonzerne versuchen seit Langem, mit Spitzenpolitikern und Behörden ins Gespräch zu kommen, wie man die Flut illegaler E-Zigaretten in den Griff bekommt. Sie fordern mehr Aufklärung und intensivere Kontrollen, ohne Tabuisierung. Dafür würden die Konzerne auch ihrerseits Geld investieren. Doch mitunter bekommen Vertreter nicht einmal einen Termin in Ministerien. Zigaretten sind gesundheitlich schädlich, die entsprechende Industrie gilt als lobbyverseucht. Der florierende Schwarzmarkt wird da offenbar hingenommen. Lars Petersen ist Leiter National im Investigativ-Team von WELT, Business Insider Deutschland und Politico Deutschland und kümmert sich seit Jahren um Machtkämpfe und Affären hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik. Sie haben Hinweise für ihn? Dann melden Sie sich gerne beim Autor, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (WTJPZ7PN)