Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordert mehr Zeit für eine gründliche Debatte über den Bau der Hafencity-Oper in Hamburg. Neben einem Moratorium brauche es eine Enquete-Kommission, teilte der Initiator der Initiative, Jürgen Zimmerer, mit. Ein externer Mäzen entbinde die Stadt nicht von ihrer Verantwortung, eine ordnungsgemäße Bedarfsprüfung und Machbarkeitsstudie unter Einbeziehung von Zivilgesellschaft und Wissenschaft durchzuführen, sagte der Hamburger Historiker. Der Milliardär Klaus-Michael Kühne will für den Bau der Oper am Baakenhöft bis zu 330 Millionen Euro zur Verfügung stellen, kürzlich wurde der Siegerentwurf vorgestellt. Die Forschenden kritisieren, dass zentrale Fragen nicht geklärt seien. Die Notwendigkeit eines neuen Operngebäudes, die Vor- und Nachteile des Ortes und verschiedener Lösungen seien nicht ausreichend geprüft worden. „Im Fall der Baakenhafen-Oper werden angesichts der Aussicht auf eine Großspende alle gebotenen Abwägungen unterlassen und die normalen Abläufe außer Kraft gesetzt“, kritisieren die Forschenden aus den Bereichen Architektur, Erinnerungspolitik, Städtebau und Theater. Der geplante Stiftungsbau werfe erinnerungspolitische Fragen auf: So sei der Baakenhafen einer der wenigen authentischen Täterorte für den Genozid an den Herero und Nama (1904-1908) im heutigen Namibia. Es müsse verhindert werden, dass eine angemessene Gedenkstätte durch einen Opernbau überschrieben werde. „Hier wird Geschichte weißgewaschen“, kritisierte Zimmerer. Problematisch sei zudem, dass der Stifter Kühne bisher die Vorwürfe intransparenten Umgangs mit der NS-Geschichte seines Unternehmens nicht ausräumen konnte, hieß es. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die Hamburger Linke. Anlässlich der morgigen Abstimmung über den Bau der Oper in der Hamburgischen Bürgerschaft überreicht die Partei gemeinsam mit Aktivisten dem Senat sowie Abgeordneten von SPD und Grünen 10.000 Unterschriften gegen den Bau der Oper durch Klaus-Michael Kühne und seine Stiftung am Baakenhöft. Ob Hamburg eine neue Oper braucht, dürfe nicht völlig ohne öffentliche Beteiligung und ohne eine echte Debatte entschieden werden, sagt Marco Hosemann, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Fraktion. „Dieses Hinterzimmer-Gemauschel des Senats mit Klaus-Michael Kühne schadet dem Vertrauen in Politik und Demokratie.“ Hinzu komme der heikle Ort für Kühnes Opernhaus, argumentiert Cornelia Kerth, Bundesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Und nicht zuletzt kritisiert sie: „Der Ursprung des gigantischen Kühne-Vermögens aus der ‚Arisierung‘ der Firma und der logistischen Unterstützung des Raubzugs an jüdischem Eigentum wird beiseite gewischt und im Lob des ‚Mäzenatentums‘ bagatellisiert.“