Christian Busemann sitzt auf dem Oberdeck eines Moselkreuzers, als ihn ein Verwandter fragt, ob er in der Kirche sei. „Ja“, antwortet dieser. „Evangelisch oder katholisch“? Busemann zögert, sagt „Evangelisch“, und verstößt prompt gegen den All-Time-Klassiker der christlichen zehn Gebote. Er hat gelogen, für ihn ist der Tag gelaufen. Den Tränen nahe verabschiedet er sich in seine Kajüte. Über Wochen wird er sich fragen, warum er beim Konfessions-Outing so kläglich scheiterte, warum er nicht die Wahrheit sagte. Schließlich liegt hinter ihm ein Jahr, indem er sich intensiv mit dem katholischen Glauben auseinandersetzte. Er fastete, pilgerte, beichtete und ließ sich am Ende vom Erzbischof firmen. Er ist also Katholik. Warum zum Teufel bekennt er sich dann nicht dazu? Christian Busemann erzählt diese Begebenheit, weil sie ihn auf eine entscheidende Erkenntnis stieß, auf die er später noch zu sprechen kommt. Er hat am Esstisch seines Hauses, gelegen in einer ruhigen Straße von Blankenese, Platz genommen und berichtet, wie es zu dem Buch „Jesus, ich und mein verrücktes heiliges Jahr“ kam. Mit viel Selbstironie beschreibt er darin, was er alles unternahm, um in das Katholisch sein einzutauchen und sich am Ende firmen ließ. Und das, wo doch die katholische Kirche seit Jahren schrumpft und „die Kirche“ in Deutschland häufig als weltfremd, nicht mehr zeitgeistig oder gar pädophil abgekanzelt wird (verlinkt auf https://www.welt.de/iconist/gesellschaft/article69330589074aff6076810af5/glauben-in-einer-gottlosen-zeit-auf-einer-gottlosen-welt-auf-den-sohn-gottes-treffen.html) . An Weihnachten aber wird sie doch gern genutzt, als stimmungsvolle Kulisse, als Ort der Besinnung, während sich ansonsten alles um Geschenke und das richtige Essen dreht. Die Frage „Wer wird denn heutzutage freiwillig und mit wachem Verstand noch Katholik?“ Christian Busemann stellt sie zu Beginn des Gesprächs und gibt selbst die Antwort: „Äh, ja, ich.“ Busemann ist mit seiner Hinwendung zu einem der ältesten christlichen Glaubensclubs nicht allein. Vergleichbar mit den USA und Frankreich, wo vor allem junge Männer zu Scharen in die katholische Kirche eintreten, sind die Verhältnisse hierzulande nicht. Allerdings nehmen seit 2020 auch unter den Katholiken in Deutschland die Taufen von Erwachsenen zu, ebenso die Konversionen. In Social-Media-Profilen stößt man immer öfter auf „ Jesus Glow“, ein Label, mit dem sich meist junge Menschen als Christen outen (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article256094818/Warum-Glauben-wieder-glamouroes-ist.html) . Spiritualität wird gehypt, der Katholizismus als einer der ursprünglichsten aller Botschaften scheint im Besonderen davon zu profitieren. Dabei gab es von außen betrachtet keinen Grund für eine notwendige Sinnsuche im Leben von Christian Busemann. Auch schien er die Weichen seines Lebens richtig gestellt zu haben. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und als TV-Autor erfolgreich. „Tatsächlich war ich jedoch ziemlich lost“, also verloren, sagt er. Sein Leben fühlte sich an, als liefe er auf der Stelle. Aufträge stapelten sich, Ideenlosigkeit lähmte ihn, das Schreiben, das ihm sonst Spaß machte, quälte ihn, selbst zu einfachsten Erledigungen konnte er sich nicht aufraffen. Und kam er von einer mehrtägigen TV-Produktion nach Hause, fühlte er sich wie einer, der zwar durch seinen Job einen schönen Urlaub finanziell ermöglicht, ansonsten aber nicht viel zu melden hat. Er hätte bereits an diesem Punkt innehalten und eine Kurskorrektur vornehmen können. Stattdessen ging er im Internet auf Hundecasting. Sieht einen Rüden. Haselnussbraunes Fell, weiße Pfoten, weißer Latz, Knickohren, grüne Augen. Unfassbar süß. Busemann ist sich sicher: Ein Hund werde den Alltag auffrischen, für mehr Verbundenheit sorgen. Hund beißt DHL-Bote, Herrchen sucht Glauben Die Sache war allerdings die: Busemann überfiel seine Frau mit der Idee, einen Hund anzuschaffen. Die Kinder verliebten sich in ihn, doch Kalle entpuppte sich nicht als treuer Begleiter, nicht als Friedenstifter, der alle wieder enger zusammenbringt. Stattdessen rupfte er ein Huhn des Nachbarn und biss dem DHL-Boten ins Bein. Oder wälzte sich in Hundekot. Als Busemann von einem dieser missglückten Spaziergänge nach Hause kam und eiligst in eine wichtige Telefonkonferenz musste, blieb das Fünffache Einshampoonieren des stinkenden Vierbeiners an seiner Frau hängen. „Was ist bloß los mit dir?“, fragte sie und bestand zum ersten Mal im Laufe ihrer Beziehung auf einen Besuch bei einer Paarberatung. Es folgte Selbstreflexion und die Einsicht, sich selbst weiterentwickeln zu müssen. Letztlich ist es eine Coaching-Frau, die den damals 51-Jährigen darin bestärkt, seiner diffusen Sehnsucht nach dem Katholischen nachzugehen. Busemanns Vater war katholisch und pilgerte seit seiner Jugend regelmäßig nach Assisi. Er verstarb an einem Herzinfarkt, als sein ältester Sohn vier Jahre alt war. Der kann sich nur an einzelne Bilder erinnern. Wuchs Tür an Tür mit den Großeltern auf, zunächst ohne das Gefühl, anders zu sein als andere. Bis ein Lehrer in der Schule die Berufe der Eltern abfragte. „Jeder erzählte von einer Mutter und einem Vater, nur ich nicht.“ Da setzte ein Prozess in Gang. In den Sommerferien 1984 bekam er von seiner Mutter einen wichtigen Auftrag erteilt. „Christian, du kümmerst dich um Papas Grab, machst die Steine sauber und gießt die Blumen.“ Zwölf war er damals. „Ich fuhr zum Grab meines Vaters und ging danach immer in die Kirche. Ich saß da und betete. ‚Lieber Gott, mach, dass mein Papa wieder zurückkommt`.“ Einen Draht nach oben gab es seitdem schon. „Aber darüber kam nichts bei mir an.“ Über seine Frau kam Busemann später, mit Mitte 30, das erste Mal mit Meditation in Berührung und probierte vieles aus. Las sich in den Buddhismus ein, den ein Freund für sich entdeckt hatte, besuchte ein Ashram in Kitzbühel, übte sich in Karma-Yoga und baute schamanische Schwitzhütten in Brandenburg. Er lacht, wobei: „Ich fand da schon auch Antworten. Aber eben nicht die, die für mich nachhaltig waren.“ Später, viel später – das jüngste Kind, sein Sohn, war gerade drei Jahre alt –, richtete Christian Busemann den Draht nach oben neu aus und recherchierte nach Weggefährten seines Vaters in Assisi. Pilgerte den Franziskusweg, der von Florenz nach Rom führt und besuchte das auf der Mitte liegende Assisi und schrieb darüber das Buch „Easy nach Assisi“. Er folgte den Geschichten von Franz von Assisi, suchte die Kirchen auf, in denen sein Vater gebetet hatte, feierte die Messe, tauchte ein in eine Welt aus Weihrauch, Rosenkränzen und blattgoldverzierten Marienbildnissen. Und auf einmal brach etwas auf. „Ich weinte und weinte, es hörte gar nicht mehr auf. Aber es tat gut.“ Heute sagt er: Es waren die Tränen des vierjährigen Jungen in ihm. Im protestantisch kühlen Hamburg verflog diese Verbundenheit zu sich rasch. Er und seine Frau ließen die Kinder taufen, hin und wieder, etwa an Weihnachten, sah Busemann eine Kirche von innen. Man muss diese Vorgeschichte kennen, um zu verstehen, warum Busemann mehr oder weniger von heute auf morgen, genau genommen auf dem Höhepunkt seines familiären Chaos, beschloss, sich selbst eine Art Bootcamp des Katholizismus (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus236905591/Kirche-Dem-wahren-Katholiken-geht-es-um-anderes-als-um-Revolution.html) zu verschreiben. Er begann mit einem Glaubenskurs, zehn Abende à 120 Minuten. Zusammen mit 15 weiteren Katholisch-Aspiranten. Aber Busemann wollte es auf die harte Tour. Pilgerte darüber hinaus barfüßig drei Tage auf einer abgelegenen Insel in Irland (verlinkt auf https://www.welt.de/reise/nah/article247802428/Jakobsweg-Erst-mit-der-Zeit-verlor-ich-die-Angst-beim-Pilgern.html) , fastete im Kloster, übernachtete in einer Kirche. Vielleicht zeigt sich in diesem Drang nach Entbehrungen noch immer der Getriebene, den er nie ganz loswird. Was war dann der Grund, warum er auf die Frage eines Verwandten nach seiner Konfession log, dort auf dem Moselkreuzer. „Ich hatte Angst, mit meiner Hinwendung als spleenig zu gelten. Und ich hatte keine Lust darauf, mich ständig erklären zu müssen“, sagt er. Das sei heute anders: „Ich gehe raus mit meinem Glauben, will niemanden bekehren, aber auch nichts mehr verheimlichen oder abtun.“ Konkret bedeutet das: Zu einem Wochenende gehört bei den Busemanns, dass Papa die Messe besucht. Die beiden jüngeren Kinder sind interessiert, dennoch haben er und seine Frau sich auf ein Missionsverbot verständigt. Rosenkränze als Mitbringsel sind erlaubt, das Tischgebet einführen nicht. Was hat sich durch den Glauben verändert? Er habe mentale Leitplanken kennengelernt, die ihn durch den Alltag und den Stress führen (verlinkt auf https://www.welt.de/iconist/trends/plus255970730/Glaube-heute-Heilung-Lebenssinn-Gemeinschaft-der-Glaube-in-neuem-Licht.html) , auf die er sich berufen kann, „um klarzukommen in all dem Wahnsinn um mich herum. Besser sogar, weil ich mich an Gott festhalten kann, bei Entscheidungen und Zweifeln, beim Scheitern wie auch im Erfolg. Die Gewissheit, dass ich keiner Herausforderung allein begegnen muss, verändert alles. Und dass er mich liebt, so wie ich bin.“ Christian Busemann, „Jesus, ich und meine verrücktes heiliges Jahr“ ist erschienen im Adeo Verlag, zählt 238 Seiten und kostet 20 Euro. Eva Eusterhus (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/eva-eusterhus/) berichtet seit 2006 für WELT AM SONNTAG und WELT aus Hamburg (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) .