Ganz in der Nähe starten die Flugzeuge auf dem Airport Helmut Schmidt, doch hier in der Preetzer Straße ist zunächst nur das leise Surren von vier Luft-Wasser-Wärmepumpen zu hören, gespeist werden sie mit Strom aus der Fotovoltaikanlage auf dem Dach. 24 Wohnungen der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter bekommen so warme Heizungen und warmes Wasser. Auch 18 Wohnungen im benachbarten Helgaweg wurden energetisch auf dieselbe Weise runderneuert. Der Primärenergiebedarf der Häuser ist dadurch um 70 Prozent gesunken. „Da die Baugenossenschaft 100 Prozent Ökostrom bezieht, arbeiten die Anlagen nahezu Kohlendioxid-neutral“, erklärt Andreas Möller von der Bramfelder Firma Konzept54, die das Projekt in Fuhlsbüttel geleitet hat und den Energieverbrauch überwacht und optimiert. Henning Schulz vom Heizgerätelieferanten Stiebel Eltron nennt die Maßnahmen zur Dekarbonisierung beispielhaft: „Schon in einem klassischen Einfamilienhaus lassen sich durch eine Wärmepumpe bis zu sieben Tonnen Kohlendioxid im Jahr vermeiden. Keine andere Maßnahme spart in bestehenden Gebäuden auf einen Schlag so viele klimaschädliche Emissionen.“ Die Wärmepumpe, eben noch im Mittelpunkt der Politik, ist hier längst zum Alltag geworden. Das Projekt in Fuhlsbüttel zeigt zudem: In Hamburg tut sich etwas in Sachen Klimaschutz. Und das wird auch Zeit. 2023 war die Stadt laut Verursacherbilanz für den Ausstoß von 11,7 Millionen Tonnen CO₂ verantwortlich. 2030 sollen es nur noch 6,1 Millionen Tonnen sein und 2040 Null. Das haben die Hamburger im Volksentscheid am 12. Oktober vergangenen Jahres bestimmt. Für den Senat ist das bindend. Es gilt also, die Treibhausgasemissionen in Hamburg zu reduzieren. Instrumente gibt es viele: Gebäudesanierung, Elektrifizierung des Verkehrs, Umstellung auf Wasserstoff und E-Fuels in der Industrie, effiziente Kreislaufwirtschaft. Auch mehr Tempo 30 und eine Null-Emissions-Zone im Hafen sind denkbar. Ein Mammutprojekt, dessen Fäden in der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) zusammenlaufen. Für Details wie die energetische Gebäudesanierung ist die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen verantwortlich. Die Behörde für Verkehr und Mobilitätswende kümmert sich um den Verkehrssektor, die Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation um Maßnahmen in den Sektoren Industrie und Gewerbe. Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) fordert auf dem Weg zur Klimaneutralität Vollgas zu geben, „ohne Menschen oder Unternehmen zu überfordern“. Das Ziel sei erreichbar, „wenn alle an einem Strang ziehen“. In der Handelskammer ist man optimistisch. „Viele Hamburger Unternehmen, gerade industrielle, sind Vorreiter auf dem Weg zu klimaneutralem Betrieb“, sagt Präses Norbert Aust. Die Kammer nennt als Beispiel die Hamburger Energiewerke. Das städtische Unternehmen, das das Fernwärmenetz ausbauen soll, betreibt im Norden mehrere Windparks, auch den ersten im Hafen und die Power-to-Heat-Anlage Karoline, die seit März vergangenen Jahres Windstrom in Wärme umwandelt und so zur Stromnetzentlastung beiträgt. Die Handelskammer hat mit der Initiative „Hamburg Net Zero“ Vorschläge für übergreifende Projekte gemacht, die sowohl dem Klimaschutz als auch der Wettbewerbsfähigkeit dienen sollen. Die Palette reicht von Ladeinfrastruktur für E-Lkw im Hafen, über den gemeinsamen Energieeinkauf von Unternehmen und CO₂-freie Wärme aus Industrienebenprodukten bis zur Schaffung klimaneutraler Gewerbegebiete. Aust: „Es wäre sinnvoll, wenn der Senat diese Projekte schnell mit der Wirtschaft auf den Weg bringt.“ Handelskammer, Handwerkskammer und die Vereinigung der Unternehmensverbände warnen allerdings vor einem „umweltpolitischem Regulierungskorsett“. Laut Aust braucht die Wirtschaft statt Vorschriften und Zwang verlässliche Rahmenbedingungen und eine leistungsfähige Infrastruktur. Gerade erst hat die Handelskammer zur Tagung „Green Connect“ eingeladen, auf der sich Firmen präsentieren und Netzwerke knüpfen können. Einige Branchen auf dem Pfad weiter als andere Dabei spielte dann auch die Kapitalbeschaffung eine wichtige Rolle. „Ohne privates Geld sind Hamburgs Klimaziele nicht erreichbar“, ist Sebastian Spier überzeugt, Managing Director beim Family-Office Kontora am Jungfernstieg. Er und sein Investmentteam sehen das Vermögen wohlhabender Hamburger zunehmend in Projekte fließen, „die ökologisch sinnvoll sind und zugleich wirtschaftlich überzeugen“. Nachhaltigkeit sei für viele gut situierte Familien Teil ihres Selbstverständnisses, „weil sie über Generationen hinweg denken und handeln“. Spier: „Wir investieren nicht für den schnellen Effekt, sondern mit langfristiger Perspektive.“ Entscheidend sei, dass die Projekte und Unternehmen, in die Kapital fließt, professionell aufgesetzt sind und „echte Wirkung“ erzielen: „Die ökologische Transformation eröffnet langfristig attraktive Chancen. Wer heute in Dekarbonisierung investiert, stärkt die Widerstandsfähigkeit seines Portfolios.“ Fahrzeugflotten mit Elektro-Antrieb Bei der Transformation zu einer klimaneutralen Stadt sind einige Branchen naturgemäß weiter als andere. Etwa die Abfallwirtschaft. 2023 hat die Stadtreinigung Hamburg erste E-Müllfahrzeuge in Betrieb genommen, spätestens 2035 will sie klimaneutral arbeiten. Deshalb werden die beiden Müllverbrennungsanlagen in Altenwerder und Billbrook und das für 2027 geplante Zentrum für Ressourcen und Energie in Bahrenfeld mit einer Carbon Capture and Storage (CCS)-Anlage ausgestattet, die das CO₂ vom Rauchgas trennt und verflüssigt. Die Reinbeker Buhck-Gruppe will sogar schon 2030 emissionsfrei sein. Dafür sind 14 Lkw und drei Bagger mit Elektroantrieb angeschafft worden, die die CO₂-Emissionen pro Jahr um rund 390 Tonnen reduzieren. Der Einsatz von Ökostrom spart weitere 1500 Tonnen CO₂ ein. Solche Maßnahmen tragen nach Überzeugung von Geschäftsführer Henner Buhck nicht nur dazu bei, das Hamburger Klimaziel zu erreichen, „sondern lohnen sich gleichzeitig für das Unternehmen im Hinblick auf Motivation und Rekrutierung von Mitarbeitenden.“ Buhck hat einen Helfer im Hintergrund: Hanno von der Decken, Chef des IT-Unternehmens Conwin. „Wir entwickeln Software, die Recycling- und Entsorgungsbetriebe in die Lage versetzen, klimafreundlicher und gleichzeitig wirtschaftlicher zu agieren“, sagt von der Decken. Auf Conwin-Programme setzen auch die Entsorgungsfirmen Otto Dörner und Ernst Krebs-Gruppe, ein Familienunternehmen (420 Mitarbeiter), das außerdem im Erdbau und in der Rohstoffproduktion tätig ist. Abfälle werden durch die halbe Republik gefahren Mit der Telematik-Software von Conwin will Vertriebschef Tim-Ulrich Hündgen die Standzeiten seiner 70 Lastkraftwagen um bis zu 20 Prozent verkürzen und so jährlich rund 7700 Liter Diesel und mehr als 20 Tonnen CO₂ einsparen: „Bessere Routenplanung und eine Live-Standortverfolgung sorgen zudem dafür, dass wir unsere Lkw effizienter einsetzen können und seltener im Stau stehen.“ Hanno von der Decken: „Wir sehen, dass immer noch riesige Abfallmengen kreuz und quer durchs Land gefahren werden, was wirtschaftlich und ökologisch absurd ist, aber es wird damit Geld verdient.“ Er will seinen Kunden die Abfallströme transparent machen, „um Kosten und unnötigen Ressourceneinsatz zu vermeiden“. Auch so manches Baustoff- und Bauunternehmen verspricht, künftig klimafreundlicher zu arbeiten. So will Holcim die größte Zementfabrik Norddeutschlands in Lägerdorf durch die Nachrüstung mit einer CCS-Anlage bis 2030 ökologisch entschärfen. Die Aug. Prien-Gruppe und Drees & Sommer planen ebenfalls Klimaschutzmaßnahmen und die Firma Boden & Bauschutt am Sandtorkai setzt sogar auf KI, um Materialflüsse zu optimieren, CO₂-Emissionen zu reduzieren und die Recyclingquote zu erhöhen. Chef Hauke Harders hofft, dass Unternehmen durch seine Softwarelösungen befähigt werden, „ökonomisch- und ökologisch-schlaue Entscheidungen zu treffen“. Klimaschonung hat auch Oliver Fürstner im Auge. Der Projektentwickler aus der Neustadt will zunächst in Wismar rund 100 Zwei- bis Vierzimmerwohnungen in Hybridbauweise errichten. Bei der Erstellung der Gebäude werden laut Fürstner gegenüber einem Neubau in konventioneller Bauweise „etwa 1800 Tonnen CO₂, also 50 bis 60 Prozent eingespart“. Nach Bezug der Wohnungen Ende 2027 betrage die Einsparung auch durch Fotovoltaik, Wärmepumpen und Nahwärmenetz „im Vergleich zu einem herkömmlichen Wohnhaus aus den 2000er-Jahren 90 Prozent“. Mit dieser Bauweise könnten laut Fürstner auch in Hamburg Treibhausgasausstöße reduziert werden. Energieunternehmen können der Stadt zudem massiv helfen, ihr Ziel zu erreichen. So will der Ökostromanbieter Lichtblick in den kommenden Jahren 800 Millionen Euro in den Ausbau Erneuerbarer Energieanlagen und Speicher investieren. Und die Energiefirma 1Komma5Grad hat seit 2021 durch die Installation von Photovoltaikanlagen, Stromspeichern, Wärmepumpen und Wallboxen nach eigenen Angaben weltweit mehr als zwei Millionen Tonnen CO₂ eingespart. Gründer und CEO Philipp Schröder: „Durch den Ausbau und die Vernetzung dieser dezentralen Energiesysteme könnte unser Unternehmen erreichen, dass die CO₂-Emissionen in Hamburg bis 2040 um mehr als ein Drittel gesenkt werden.“ Herzstück des Systems: die vollautomatische Steuerung durch Künstliche Intelligenz (KI). „So können Strom aus Wind und Sonne gespeichert oder direkt verbraucht und Überschüsse aus Batterien bei hohen Preisen wieder ins Netz verkauft werden“, erläutert Schröder. „Das ist gut fürs Klima und kann die Energiekosten der angeschlossenen Haushalte um bis zu 50 Prozent senken.“ 2040 soll Hamburg zwar klimaneutral sein, laut Klimaschutzverbesserungsgesetz sind in diesem Zieljahr tatsächlich aber noch CO₂-Restausstöße in Höhe von 424.000 Tonnen erlaubt, die sich aber, das betont man immer wieder in der BUKEA, „ausschließlich auf die thermische Abfallbehandlung beziehen“. Für diese Emissionen seien zwei Methoden vorgesehen: Kohlenstoffbescheidung und natürliche Senken. Dabei werden Wälder, Moore und Ozeane genutzt, die CO₂ aufnehmen und speichern. Ideen, um den Rest der Emissionen zu kompensieren „Trotz aller Bemühungen wird es über die 424.000 Tonnen hinaus einen weiteren Restfußabdruck geben“, ist Nando Knodel sicher, Geschäftsführer der Firma CarbonConnect am Erdkampsweg. Er handelt mit CO₂-Zertifikaten, mit denen sich Unternehmen, Gemeinden, Städte und andere Organisationen, die ihre Klimaziele nicht erreichen, freikaufen können. Ein Papier, mit dem sich eine Tonne CO₂ kompensieren lässt, kostet derzeit im freien Markt 100 bis 200 Euro. Mit dem Geld werden Umweltschutzprojekte weltweit finanziert. CarbonConnect beispielsweise entwickelt und betreut in Simbabwe, Kamerun und Nigeria Projekte, bei denen Kohlenstoff aus Pflanzenresten, die sonst verrotten oder verbrannt werden, von Kleinbauern getrocknet, erhitzt und dann als Pflanzenkohle mit Biomasse vermischt als Düngerzusatz vergraben wird. Knodel: „Wenn wir eine Tonne einbringen, haben wir bis zu 2,5 Tonnen CO₂ für 1000 Jahre im Boden gespeichert.“ Auf Verkohlungstechnologie setzt auch das Cleantech-Start-up Novocarbo in der Hermannstraße: Biomasse wird unter Ausschluss von Sauerstoff in einem Reaktor auf etwa 700 Grad erhitzt, wodurch der in den Reststoffen enthaltene Kohlenstoff in Pflanzenkohle permanent gebunden wird. Das macht Novocarbo zum Beispiel im Carbon Removel Park in Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern). Die dabei gewonnene Wärme führt Novocarbo an die Stadtwerke ab. In den kommenden zwei Jahren plant das 20-Mitarbeiter-Unternehmen drei weitere Produktionsstandorte, um Energie für Industrie und Kommunen zu dekarbonisieren. Bis 2050 will man so eine Gigatonne CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Geschäftsführer Karl Kolmsee: „Weil Pflanzenkohle Wasser und Nährstoffe hält und den Boden auflockert, könnten wir, wie bereits in Skandinavien, auch in Hamburg einen starken Beitrag zu leistungsfähigen und klimapositiven Dachbegrünungen und Baumpflanzungen leisten.“ Hamburg als Hot-Spot für neue Klimaschutz-Start-Ups? Und Anne Lamp, Gründerin der Bioökonomie-Firma Traceless Materials in Hammerbrook, hat die Hoffnung, dass die durch den Volksentscheid notwendige Änderung des Klimaschutzgesetzes Hamburg zu einem Hotspot für junge, ökologisch-orientierte Betriebe macht. Ihr Betrieb, vor fünf Jahren als Ausgründung aus der TU Hamburg gestartet, von der Otto Group unterstützt, mit mehr als 36 Millionen Euro Risikokapital ausgestattet und mittlerweile 100 Mitarbeiter stark, hat eine Alternative zu Plastik entwickelt. Aus Agrarabfällen entsteht mit einer patentierten Technologie ein Granulat, das vollständig biologisch abbaubar und kompostierbar ist. Ebenfalls aus der Technischen Uni entsprungen ist das Impact-Start-up Colipi. Die Firma im Harburger Tempowerk, die vor zwei Jahren 4,1 Millionen Euro als höchste Einzelförderung aus dem EXIST-Programm des Bundes erhalten hat, entwickelt Technologien zur Umwandlung von CO₂ und Wasserstoff in sogenanntes Climate Oil. Das kann mit minimalem CO₂-Fußabdruck in Kosmetika, Lebensmitteln oder Biokunststoffen verwendet werden. „Klimaschutz ist Teil unserer DNA“, sagt Mitgründer Jonas Heuer. Das 15-köpfige Team will bis 2030 eine industrielle Demonstrationsanlage errichten, die jährlich etwa 4000 Tonnen CO₂ in nachhaltige Produkte umwandelt. So werden aus Deponie-Abfällen neue Bürostühle Selbst die Möbelbranche kann etwas fürs Klima tun. So verkauft Broders & Knigge in Hammerbrook Bürostühle, die aus Deponie-Abfällen, Altkleidern sowie Bio- und Recyclingmaterialien hergestellt sind. „Nicht Einzelstücke, sondern ganze Serien, nicht teurer, aber schonender und dadurch besser für alle“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Broders. „Unsere Produkte sind Teil einer Kreislaufwirtschaft, die Ressourcen schont und den Treibhausgasausstoß verringert.“ Während ein herkömmlicher Schreibtischstuhl über seinen gesamten Fertigungszyklus etwa 40 Kilo CO₂-Emission verursache, seien es bei einem Refurbishment-Produkt aus seinem Haus nur vier Kilo. Das hat eine Hamburger Technologiefirma überzeugt: Statt fabrikneue Stühle hat das Unternehmen 1250 aufbereitete gekauft – und so 50.000 Kilo CO₂ eingespart.