Ein Gebäude, das selbst misst, vibriert, Störungen erkennt und sie im Idealfall sogar ausgleicht: Dieses Konzept soll in Hamburg in den kommenden Jahren Realität werden. Auf dem Campus der Science City Bahrenfeld hat der Bau des Hamburg Fundamental Interactions Laboratory (Hafun) begonnen. Das Hafun wird ein Forschungsbau, der nach Angaben der Universität Hamburg so angelegt ist, dass er nicht nur Experimente beherbergen, sondern selbst in deren Messprozesse eingebunden werden soll. Geplant ist ein Laborhaus, dessen Wände, Decken und Fundamente mit Sensorik durchzogen sind, das bis zu 18 Meter tief ins Erdreich reicht und in Teilen so entkoppelt wird, das Störungen von außen – selbst kleine Erschütterungen im Erdreich – reduziert werden können. Mit diesem Ansatz wollen Universität, Wissenschaftsbehörde und die beteiligten Forschungseinrichtungen Bedingungen schaffen, die für besonders empfindliche Messungen gebraucht werden – etwa für Untersuchungen zu Dunkler Materie, Gravitationswellen oder grundlegenden Kräften im frühen Universum. Der nun gestartete Bau soll diese Forschungsmöglichkeiten in Hamburg künftig bündeln. Das Hafun entsteht im Westen Hamburgs auf dem Gelände der Science City Bahrenfeld, einem großen neuen Stadtviertel, das universitäre Physik, Großforschungseinrichtungen und technologieorientierte Unternehmen räumlich zusammenführt und später auch Wohnungen für mehrere Tausend Forscher und Studenten bieten soll. Ins Hafun, das eins der speziellsten Gebäude der Science City werden wird, sollen acht Arbeitsgruppen der Experimentalphysik einziehen, um dort zu Themen der modernen Teilchenphysik, also zu den kleinsten bekannten Bausteinen der Welt, und zu Fragen der Kosmologie zu arbeiten. Beim Spatenstich betonte Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) die Bedeutung des Projekts aus Sicht der Stadt. „Dieses Gebäude wird selbst zu einem Teil der Wissenschaft, indem es als Präzisionsinstrument neue Wege für die Forschung eröffnet“, sagte sie. Das transparente Erdgeschoss und die geplante Dachkuppel mit Observatorium für Freiluftforschung seien zudem Ausdruck des Anspruchs, Forschung sichtbar zu machen. Die technische Ausstattung des Gebäudes gehört nach offiziellen Angaben zu den aufwendigsten Elementen des Projekts. Etwa die Hälfte der Fläche liegt unter der Erde. In bis zu 18 Metern Tiefe sollen besonders störungsarme Bedingungen für empfindliche Messungen geschaffen werden. Dort werden sogenannte Gravity Boxen errichtet, also schwingungsentkoppelte Laborräume. Sensoren, die laut Projektunterlagen im gesamten Gebäude installiert werden sollen, erfassen Vibrationen, Temperatur- und Luftdruckschwankungen. Dieses Netzwerk soll es ermöglichen, experimentelle Störungen besser zu identifizieren und auszugleichen. In einem Labor ist zudem ein rund neun Meter hohes Präzisionspendel geplant, das auf einem luftgefederten Tisch steht und für Messungen in der Gravitationsphysik genutzt werden soll. Forschung, die bisher nur an wenigen Orten auf der Welt möglich ist Universitätspräsident Hauke Heekeren sagte beim Spatenstich beim Hafun werde „das Gebäude selbst zum Messinstrument für physikalische Präzisionsexperimente.“ Nach seiner Darstellung ermöglicht die Infrastruktur Experimente, die bislang nur an wenigen Orten auf der Welt durchgeführt werden können. Das Projekt ist in die langfristige Entwicklung der Science City Hamburg‑Bahrenfeld eingebettet, einem über Jahre entstehenden Wissenschafts‑ und Innovationsquartier auf rund 125 Hektar Fläche. Dort sollen neue Gebäude für die Universität Hamburg, Forschungseinrichtungen wie DESY und European XFEL sowie Flächen für technologieorientierte Unternehmen und neue Wohnquartiere entstehen. Ziel ist es, Forschung, Lehre und wirtschaftliche Nutzung näher zusammenzuführen. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) verwies angesichts der Baukosten auf die langfristigen Auswirkungen für den Haushalt. Vom Beginn der konkreten Planung mit einem Letter of Intent im Jahr 2022 bis zum Ende der Vorplanung stiegen die Kostenschätzungen für das Projekt von 184 auf 247 Millionen Euro. Ein Teil davon wird vom Bund übernommen. Doch die Stadt trägt den größeren Anteil. „Wir prüfen, inwieweit wir neben der bestehenden Bundesförderung weitere Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur nutzen können“, sagte Dressel und machte deutlich: Die Stadt müsse künftig verstärkt über standardisierte und modulare Bauweisen nachdenken, um Hochschulbauten schneller und kosteneffizienter realisieren zu können. Das Hafun sei aufgrund seiner technischen Spezifikationen jedoch ein Sonderfall. Die städtische Sprinkenhof GmbH verantwortet das Projekt im Rahmen eines Mieter‑Vermieter‑Modells. Geschäftsführer Martin Sowinski erklärte, der Neubau solle bestehende Physikgebäude ergänzen und die Forschungsinfrastruktur am Standort erweitern. Forscherin Erika Garutti, Sprecherin des Exzellenzclusters Quantum Universe, sagte: „Hier schaffen wir die Voraussetzungen, fundamentale Fragen der Physik zu erforschen – von der Dunklen Materie bis zu Gravitationswellen.“ Der siebenstöckige Neubau umfasst drei unterirdische und vier oberirdische Geschosse. Die Fertigstellung ist für Ende 2029 vorgesehen.