Der Mann, dem die Stimme aus dem Radio gehörte, zählte 65 Jahre – ein Alter, in dem kaum ein Mensch seine grundlegende Weltsicht mehr ändert. Doch Thomas Mann war eben nicht irgendwer. Als er sich im Herbst 1940 mit seinem BBC-Format „Deutsche Hörer!“ an das Publikum im Nazireich (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/nationalsozialismus/) wandte, sprach er Sätze, die noch 25 Jahre zuvor von ihm als Anhänger des Kaiserreichs undenkbar gewesen wären; enthusiastische Hymnen auf die Demokratie waren genauso zu vernehmen wie die Hoffnung auf eine freiheitliche Weltregierung, wenn das Grauen des Kriegs einst vorbei sei. Man muss die Disziplin bewundern, mit der Mann seine Ansprachen durchzog – und es gab immerhin einige Deutsche, die das Radio anstellten, wenn die BBC das Format einmal monatlich sendete. Das erforderte Mut: Feindlicher Propaganda zuzuhören, das konnte in Gestapo-Haft enden. Es fanden sich noch dazu erstaunlich viele Volksgenossen, die keinerlei Hemmungen vor Verrat hatten. So gibt es belegte Fälle von Müttern, die noch im April 1945 vor den Schergen der Geheimpolizei knieten, um nicht ganz kurz vor dem Ende mit ihren Kindern im Zuchthaus zu landen. Aus Sicht der braunen Herrscher war das nur konsequent. Nichts zerpflückte die Propaganda des Joseph Goebbels gnadenloser als die Fakten des Auslandsdiensts der BBC. Thomas Mann wiederum war der wohl härteste Gegner all der Lügen und Mythen, die deutsche Stellen in die Welt setzten, um ihrem Volk bis ganz zuletzt vorzugaukeln, die Weltherrschaft der arischen Herrenmenschen stehe kurz bevor. Dass bei viel zu vielen Deutschen kein Wille vorhanden war, sich anderweitig zu informieren, gehört im Rückblick zu den vielen bitteren Erkenntnissen der Jahre 1933 bis 1945 (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/nationalsozialismus/) . Der Schriftsteller passte seinen Stil dem Medium an: Keine Spur von den ziselierten Satzgirlanden, die er aufs Papier brachte, Mann sprach direkt und klar. Natürlich fand er auch so Formulierungen, die ihm niemand nachmachen konnte, etwa, wenn er den Nationalsozialismus im Vorbeigehen als „Teufelsdreck“ bezeichnete. Inhaltlich beschäftigte sich Mann je nach militärischer Lage mit wiederkehrenden Grundthemen. Die Stimme leicht schnarrend, die Sätze sorgsam zu Kadenzen arrangiert, analysierte der Nobelpreisträger in den ersten Sendungen vor allem, was diesen Krieg von allen vorigen unterschied. Bei den Passagen, die sich auf Adolf Hitler (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/adolf-hitler/) und seine Speichellecker bezogen, meint man den Lübecker Patrizier sprechen zu hören, einen Großbürger, der partout nicht begreifen konnte, dass die Deutschen jemanden von einem derartig jämmerlichen Format zum „Führer“ auserkoren hatten. Ein weiterer Bezugspunkt war die Frage, inwieweit die Deutschen in ihrer Gesamtheit für die Verbrechen ihres Regimes verantwortlich zu machen seien. Und auch an den politischen Repräsentanten der Alliierten arbeitete der Schriftsteller sich ab – Franklin D. Roosevelt machte er zu Hitlers Antipode. Die Analyse des Kriegsgeschehens liest sich hellsichtig: Thomas Mann wusste, dass dies kein Konflikt mehr war, den in erster Linie Soldaten austrugen. Dagegen mussten die Lager in noch größerem Maß als von 1914 bis 1918 die gesamte Volkswirtschaft mobilisieren, um nicht von vornherein chancenlos zu sein. Mann machte deutlich, dass Deutschland, und nur Deutschland allein, das Inferno losgetreten hatte. Zumindest die westlichen Demokratien wollten den Krieg nach den Erfahrungen der Jahre nach 1914 vermeiden. Ebenso deutlich prognostizierte Mann bereits im Herbst 1940, dass die Deutschen den Krieg verlieren würden. In dieser Phase war das keine Selbstverständlichkeit. Selbst ein Historiker wie Friedrich Meinecke, der dem Nationalsozialismus standhielt, wunderte sich, wie viel schneller es unter dem „Führer“ zu militärischen Erfolgen kam als unter dem Kaiser. Thomas Mann warnte seine Landsleute immer eindringlicher, je länger der Krieg dauerte – und nach dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Kriegseintritt der USA 1941 war die Sache für ihn entschieden. Eng verknüpfte der Autor die Figur Adolf Hitlers mit dem Geschehen an den Fronten. Zur Charakterisierung des Diktators führte er seinen Aufsatz „Bruder Hitler“ aus dem Jahr 1938 fort. Mann hatte allen Grund dazu; dieser Text war eine präzise rhetorische Hinrichtung des Mannes gewesen, der sich in den 40er-Jahren als „Größter Feldherr aller Zeiten“ begriff. In „Bruder Hitler“ hatte es geheißen: „Dazu das Schuldgefühl, die Wut auf die Welt, der revolutionäre Instinkt, die unterbewusste Ansammlung explosiver Kompensationswünsche … der Drang zur Überwältigung, Unterwerfung, der Traum, eine in Angst, Liebe, Bewunderung, Scham vergehende Welt zu Füßen des einst Verschmähten zu sehen …!“ „Nach Hitler wird es keine Eroberer mehr geben“ Dieser pervertierte Künstler war es, für den Mann 1942 Worte fand, die sich irgendwo zwischen realistisch und prophetisch bewegten: „Das Phänomen, dessen Zeugen wir sind, indem wir Hitler erleben, ist der Verfall, das hoffnungslose Auf-den-Hund-gekommen-Sein des Eroberertums … Seine Verkommenheit beweist, dass er nicht mehr zeitgemäß ist. Nach Hitler wird es keine Eroberer mehr geben.“ Der Diktator habe dieses „Handwerk“ so heruntergebracht, dass die Menschheit endgültig fertig damit sein werde. Zur Methode des Schriftstellers gehörte es schließlich, dass er Verbrechen – auch den Massenmord an den Juden – direkt mit Hitlers Person zusammenbrachte. Das lässt nur einen Schluss zu: Wer wissen wollte, was den Juden angetan wurde, der konnte es tausende Kilometer entfernt von der Heimat wissen. Zur Erinnerung: Zur gleichen Zeit kam in Deutschland die Redewendung „Wenn das der Führer wüsste“ auf. Sie besagte nichts anderes, als dass Adolf Hitler korrigierend eingegriffen hätte, wenn er Kenntnis von den Schandtaten seiner Landsleute gehabt hätte. Die Demokratie machte Thomas Mann zu seiner politischen Projektionsfläche. Die Wucht seiner Parteinahme für diese Staatsform überrascht vor dem Hintergrund, dass der Autor in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ 1918 wütende Angriffe gegen sie mit abscheulichen Attacken auf seinen Bruder vermengte. Thomas Mann betitelte Heinrich Mann als „Zivilisationsliterat“, der sich das hohle Pathos der Demokratie zu eigen mache. So schrieb Thomas Mann mit Blick auf die Französische Revolution: „Entschiedene Menschenliebe – das Wort gehört dem Zivilisationsliteraten – entschiedene Menschenliebe ist nicht blutscheu. Ebenso wie das Wort gehört die Guillotine zu ihren Werkzeugen.“ Bereits in den 20er-Jahren hatte der Autor diese Ausführungen revidiert, doch im Sommer 1942 erblickte er in Freiheit und Menschenrechten den einzigen Weg zur Rettung der Menschheit: „Was Sie, meine deutschen Hörer, Freiheit nennen, das hat in Wahrheit nur die Demokratie hervorzubringen vermocht. Wo sie herrscht, herrscht auch das Recht!“ Bei der Frage, was den Beitrag des deutschen Volkes zur Katastrophe betraf, blieb Mann bis zu seiner letzten Sendung am 8. November 1945 nicht völlig eindeutig. Immer wieder hatte er betont, dass beispielsweise auch die Bombennächte gerechtfertigt seien, weil die Deutschen sich nicht aus eigener Kraft vom Nationalsozialismus befreien könnten. Trotzdem wollte er die Menschen in seiner Heimat nicht in Gänze verdammen. Im November 1945 gab es in Deutschland bereits wieder Stimmen, die den Exilanten vorwarfen, sich die Zerstörung ihres Herkunftslandes von Logenplätzen aus angesehen zu haben; die gleichen Leute forderten Thomas Mann zur Rückkehr auf. Das aber lehnte er ab – und die letzten Worte an seine deutschen Hörer lauteten: „Man gönne mir mein Weltdeutschtum, das mir in der Seele schon natürlich war, als ich noch zu Hause saß, und den vorgeschobenen Posten deutscher Kultur, den ich noch einige Lebensjahre mit Anstand zu halten versuchen werde.“ Das Wort „Anstand“ lässt aufhorchen. Nur wenige Jahre zuvor hatte es der SS-Chef Heinrich Himmler in einer Rede verwandt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article181758370/Holocaust-Was-es-heisst-wenn-1000-Leichen-beisammenliegen.html) , die er vor den Massenmördern in den deutschen Vernichtungslagern hielt: Es sei eine schwere Aufgabe, die Welt von menschlichem Ungeziefer zu befreien, proklamierte Himmler. Dabei anständig geblieben zu sein, dürfe jeder Zuhörer als großes Verdienst begreifen. Ob Thomas Mann im November 1945 diese Rede im Hinterkopf hatte? Das lässt sich nicht rekonstruieren. Zu danken ist ihm aber auch im Jahr 2025 noch: Diesen Begriff nicht den Nationalsozialisten überlassen zu haben, ist schon für sich eine große Leistung. Denn Thomas Manns Vorträge für deutsche Hörer zeigen nur zu deutlich, dass das Heimatland zusammenbricht, wenn man es Rechtsextremen ausliefert. Ganz egal, wie harmlos sie sich gaben, bevor sie an die Macht kommen. Mit Thomas Mann hat Philip Cassier (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/philip-cassier/) seit seiner Schulzeit immer wieder zu tun. Mit jedem Lebensjahr bewundert er den Schriftsteller ein wenig mehr. Nur die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ wird er nie mehr aufschlagen – da hat ihm die einmalige Lektüre gereicht.