Der Name klang wie eine Verhöhnung: Ausgerechnet im Stadtviertel „Frohe Zukunft“ im Norden von Halle lag 18 Jahre lang, von 1971 bis zum Ende der DDR, das größte Gefängnis für straffällige Jugendliche. Natürlich hielten die Insassen das für puren Zynismus, auch wenn die Bezeichnung in Wirklichkeit auf eine 1845 bis 1958 betriebene Braunkohlegrube zurückging. Eine „Frohe Zukunft“ allerdings sah kaum jemand vor sich, der hier eingeliefert wurde. Keine Gesellschaft kommt ganz ohne Gefängnisse aus, und weil Jugendliche (nicht nur, aber vor allem: männliche) immer mal Regeln verletzen, gibt es in allen entwickelten Staaten Jugendarrestanstalten. Entscheidend ist allerdings, wie man in diesen Strafvollzug gerät und wie er konkret aussieht. Gefängnisse in einem Rechtsstaat haben in beiden Hinsichten wenig gemein mit den Haftorten in Diktaturen. Im „Jugendhaus Halle“ (so die offizielle Bezeichnung des Gefängnisses im Stadtviertel „Frohe Zukunft“) herrschten schlimme Zustände. Das Wachpersonal, das eigentlich die meist zwischen 800 und 1200 jungen Insassen „zu bewusster gesellschaftlicher Disziplin, Verantwortung und Arbeit“ erziehen sollte ( DDR-Strafgesetzbuch, (verlinkt auf https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00048149/BS_Strafgesetzbuch_DDR_193141604_1968.pdf) Paragraf 77), überließ ihre Aufgabe weitestgehend zu längeren Haftstrafen verurteilten Jugendlichen, die als „Chefs“ für Häftlingsgruppen, Trakte oder ganze Station zuständig waren. Ein Art „Selbstverwaltung“ mit schlimmen Folgen, denn bei den „Chefs“ handelte es sich oft um durchsetzungsfähige, also rücksichtslose junge Straftäter, die selbst entschieden, mit welchen Methoden sie ihre Aufgabe erfüllten. Die Folge war physische und psychische Gewalt gegen Schwächere und Unerfahrene. Das nahm Ausmaße an, dass selbst die DDR-Staatssicherheit nicht umhinkam, das kritisch zu registrieren: „Grundsätzlich jeder ‚Neue‘, der in eine Gruppe kommt, wird auf Anweisung eines ‚Chefs‘ durch die entsprechenden Schläger der jeweiligen Gruppe brutal zusammengeschlagen und sofort zur Unterordnung aufgefordert“, hieß es in einem Bericht des SED-Geheimpolizei 1984. Sogar der Leiter des „Jugendhauses“ Halle, ein Oberstleutnant namens Werner Fittke, musste Mängel einräumen. Er habe „Zweifel am humanen Charakter des Strafvollzuges“ und verlangte von seinen Mitarbeitern, „Konflikte in den Gruppen“ zu kennen und „gezielt darauf Einfluss“ zu nehmen. „Strafvollzug war eine tragende Säule der SED-Diktatur“, schreibt der Historiker Steffen Alisch (verlinkt auf https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/227634/zwischen-kontrolle-und-willkuer-der-strafvollzug-in-der-ddr/) : „Gegner der SED und andere Abweichler vom Idealbild des ,sozialistischen Menschen‘ wurden inhaftiert und isoliert, die Menschenrechte und -würde der Inhaftierten fundamental verletzt.“ Das galt auch für Jugendliche. Jetzt gibt erstmals eine umfassende Ausstellung Einblicke in die Realität der DDR- „Jugendhäuser“, auf dem Campus für Demokratie, dem Hauptsitz des früheren Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg. Der Verein Zeit-Geschichte(n) Halle (verlinkt auf https://www.zeit-geschichten.de/) hat sie in Kooperation mit der Gedenkstätte Roter Ochse ebenfalls in Halle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und dem nach dem 1983 in Stasihaft verstorbenen Regimegegner Matthias Domaschk (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244352521/Stasi-Wie-die-Geheimpolizei-Matthias-Domaschk-in-den-Tod-trieb.html) benannten Thüringer Archiv für Zeitgeschichte in Jena erarbeitet. Bisher lag die Aufmerksamkeit fast nur bei den „Jugendwerkhöfen“ und speziell beim „Geschlossenen Jugendwerkhof“ in Torgau an der Elbe, wo eine verdienstvolle Gedenkstätte an die Leiden der jungen Insassen erinnert. In diesen nach den Prinzipien des sowjetischen Pädagogen Anton Makarenko, tatsächlich eher eines Menschenschinders, geführten Erziehungsanstalten wurden Jugendliche ohne rechtskräftige Urteile seelisch bewusst gebrochen, um dann in den „real existierenden Sozialismus“ eingefügt zu werden. Dagegen kamen in die „Jugendhäuser“ angeblich oder tatsächlich straffällige junge Leute, jedenfalls in aller Regel nach Urteilen. Darunter waren echte Straftäter, jedoch ebenso Menschen, die allein nach den Maßstäben des Unrechtsstaats DDR Regeln gebrochen hatten. Etwa, eines der Beispiele in der Ausstellung, ein hier „Jens“ genannter Jugendlicher. Er war schon in der Schule angeeckt, hatte sich offen gegen den Sozialismus und den Militarismus der SED-Diktatur ausgesprochen, den Unterricht geschwänzt. Deshalb drohte ihm die Einweisung in einen Jugendwerkhof. Doch weil er im November 1980 erfolglos versuchte, über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik zu flüchten, wurde „Jens“ zu acht Monaten Haft im Jugendhaus Halle verurteilt. Er sah, wie andere neue Häftlinge brutal misshandelt wurden, entging diesem Schicksal selbst aber, indem er mit einem „Chef“ Schach spielte und zudem einen Schwarzhandel mit Seife, Deos und ähnlichem aufzog. Vor einem für die „Chefs“ und ihre Leute inszenierten „Schaukampf“ mit einem anderen inhaftierten Jugendlichen konnte er sich jedoch nicht drücken. Nicht nur junge Männer, auch Mädchen (wenngleich zahlenmäßig deutlich weniger) traf das Schicksal „Jugendhaus“. Für sie steht in der Ausstellung „Connie“. Sie gehörte Anfang der 1980er-Jahre zur kleinen Punkszene in der DDR, die der SED und Stasi ein besonderer Dorn im Auge war. Im August 1983 beteiligte sich die 17-Jährige an einer nächtlichen Protestaktion in Leipzig-Grünau, bei der Parolen für die Befreiung inhaftierter Punk-Musiker an Häuserwände gesprüht wurde. Einen Tag später wurde sie festgenommen und wegen „öffentlicher Herabwürdigung in Tateinheit mit Rowdytum“ verurteilt. Ihre Strafe musste sie im thüringischen Hohenleuben antreten, dem „Jugendhaus für weibliche Jugendliche“. Ab 1984 leistete sie hier Zwangsarbeit für den einen „volkseigenen“ Textilbetrieb (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article252589032/Zwangsarbeit-in-der-DDR-Aldi-und-die-Strumpfhosen-zum-Kampfpreis.html) , nähte unter anderem Parkas zusammen. Auch in Hohenleuben gab es die „Selbstverwaltung“ der Häftlinge. „Die Chefin forderte mich auf, ihre Füße zu küssen“, erinnerte sich Connie und fuhr fort: „Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Ich war völlig überfordert und fragte: ‚Kommst du dir nicht komisch vor?‘ Da klopfte sie mir auf die Schulter und sagte: ‚Du bist in Ordnung.‘“ In der Regel saßen Jugendliche mit rechtskräftigen Urteilen in „Jugendhäusern“ ein, auch wenn das in der SED-Diktatur natürlich etwas völlig anderes bedeutete als in einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik. Doch deshalb blieb das Unrecht, das ihnen hier widerfuhr, nach der Deutschen Einheit lange unterbelichtet. Dass sich das änderte, liegt wesentlich an Ralf Steeg. Geboren 1961 in einer brandenburgischen Kleinstadt, stellte sein Vater 1975 einen Ausreiseantrag, der natürlich zu massiven Schikanen führte. 1977 versuchte der 16-Jährige, auf eigene Faust zu flüchten, und wurde festgenommen. Es schlossen sich Monate in verschiedenen Gefängnissen an, auch im „Jugendhaus Halle“. Steeg musste unter anderem Zwangsarbeit für Lieferanten des schwedischen Möbelhauses Ikea (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254239122/SED-Diktatur-Ikea-zahlt-an-den-Haertefallfonds-fuer-fruehere-DDR-Zwangsarbeiter.html) leisten. „Reiner Terror“, nennt er die Haft rückblickend: „Es herrschte ein Wolfsregime.“ Als – gescheiterter – „Republikflüchtling“ galt er als „Politischer“ und stand damit in der Hierarchie der Insassen ganz unten. Doch er wehrte sich gegen die Prügel, die ein „Chef“ angeordnet hatte; die uniformierten Wärter schauten ohnehin weg. Nach zehn Monaten hatte Ralf Steeg Glück: Die Bundesregierung kaufte ihn frei und er durfte in den Westen ausreisen. Obwohl viele Insassen der DDR-„Jugendhäuser“ wohl auch im Rechtsstaat in den Strafvollzug geraten wären (gerade „Jens“ und „Connie“ sowie Ralf Steeg jedoch eher nicht), war ihre Behandlung aufgrund staatlicher Willkür menschenrechtswidrig. Mit diesem Dilemma muss jeder umgehen, der sich mit Gefängnissen in Diktaturen befasst: Auch in gewaltsam beherrschten, unfreien Gesellschaften gibt es Menschen, die zu Recht im Gefängnis sitzen. Doch wenn ihnen die Mindestmaßstäbe menschenwürdiger Bestrafung vorenthalten bleiben, werden aus kriminellen Tätern Opfer staatlicher oder anderer Willkür. „Connie“ brachte es auf die Formel: „Ich saß immer mit dem Rücken zur Tür und hatte ganz doll Angst. Wirklich richtig dolle Angst.“ Jugendstrafvollzug in der DDR. Campus für Demokratie, Haus 22, Berlin-Lichtenberg. Bis 11. Februar 2026. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Hauptthemen zählen neben dem NS-Regime und der Bundesrepublik auch die DDR. Besonders mit Flucht, Fluchthilfe sowie der Stasi hat er sich intensiv befasst.