Der Prozess um die spektakuläre Entführung der beiden Kinder von Christina Block (52) geht in eine entscheidende Phase. Am Donnerstag will das Landgericht Hamburg eine Zeugin hören, die im Umfeld der Familie als besonders nah gilt: die Sekretärin von Eugen Block (85), dem Gründer der Steakhaus-Kette „Block House“. Die Aussage der langjährigen Mitarbeiterin könnte, so heißt es in Justizkreisen, neue Hinweise liefern – und damit ausgerechnet den Großvater der entführten Kinder wieder in den Fokus rücken. Denn: Zeitweise hatte die Staatsanwaltschaft auch gegen Eugen Block ermittelt. Das Verfahren gegen den Unternehmer wurde zwar eingestellt, die Vernehmung der Sekretärin zeigt jedoch, dass die Rolle des Familienoberhaupts juristisch keineswegs vollständig aus der Akte verschwunden ist. Neben der Sekretärin sollen am Donnerstag zudem ein Mitarbeiter einer Bankfiliale sowie eine Kriminalbeamtin aussagen, die an den ersten Ermittlungen nach der Entführung in der Silvesternacht 2023/24 beteiligt war. Entführung in der Silvesternacht Kern des Prozesses ist der Vorwurf gegen Christina Block: Sie soll die Entführung ihrer beiden Kinder aus Dänemark in Auftrag gegeben haben. Die Kinder – ein damals zehnjähriger Junge und ein 13-jähriges Mädchen – lebten zu diesem Zeitpunkt beim Vater, dem geschiedenen Ehemann Stephan Hensel. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft seien die beiden Minderjährigen in der Silvesternacht 2023/24 von einer israelischen Sicherheitsfirma gewaltsam nach Süddeutschland gebracht worden. Von dort habe Christina Block sie später nach Hamburg geholt. Am 5. Januar 2024 ordnete das Hanseatische Oberlandesgericht an, dass die Kinder nach Dänemark zurückkehren müssen. Block weist die Vorwürfe zurück. Sie bestreitet, eine Entführung beauftragt zu haben. Namen wie aus einem Agententhriller Wie professionell und konspirativ die mutmaßlichen Entführer agierten, zeigte bereits die jüngste Vernehmung von Zeugen: Im Luxushotel „Elysée“, das zur Block-Gruppe gehört, sollen die Beteiligten unter Pseudonymen eingecheckt haben – nicht etwa als „Herr“ oder „Frau“, sondern als „Doris White“, „George Blue“ oder „John Black“. Ein früherer Empfangsmitarbeiter berichtete vor Gericht, die Hintergründe seien im Hotel „strikt unter Verschluss“ gehalten worden. Über die Gäste habe ein „Schleier“ gelegen. Von Vorgesetzten habe er nur gehört, es handele sich um Bekannte von Christina Block. Das Gericht versucht nun zu klären, ob und wie diese Unterbringung mit der späteren Entführung zusammenhing – und wer sie in Wahrheit organisierte. „Doris White“ als Schlüsselfigur Besonders brisant ist die Rolle einer Frau, die unter dem Alias „Doris White“ – zeitweise auch als „Olga“ – bekannt wurde. Laut Staatsanwaltschaft soll es sich um die rechte Hand des Chefs der israelischen Sicherheitsfirma gehandelt haben. Sie soll im Hotel eine zentrale Rolle gespielt haben: Sie habe Gäste gebracht, Zimmerkarten entgegengenommen und am Empfang auf Englisch kommuniziert. Lange wurde nach dieser Frau gefahndet – nun gibt es eine überraschende Entwicklung: Die Vorsitzende Richterin teilte mit, dass die Beschuldigte am 8. und 12. Januar von der Hamburger Staatsanwaltschaft vernommen wurde. Ein Protokoll liege noch nicht vor. Nach Angaben der Anklagebehörde hatte die Verteidigung der Frau im Dezember Kontakt aufgenommen. Die Fahndung sei aufgehoben worden, die Frau habe sicheres Geleit erhalten – begründet mit „hohem staatlichen Interesse an der Aufklärung erheblicher Straftaten“. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie als Zeugin geladen wird. Schaden von mindestens 200.000 Euro? Parallel rückt auch eine finanzielle Nebenfront in den Blick: Ein ehemaliger Hoteldirektor sagte aus, dass im Frühjahr 2023 eine Frau und ein Mann unter falschem Namen und ohne Meldeschein eingecheckt hätten – und über längere Zeit geblieben seien. Schon nach wenigen Wochen seien mehrere tausend Euro Kosten aufgelaufen. Christina Block habe sich regelmäßig mit der Frau getroffen. Der mitangeklagte Anwalt der Familie Block soll als Aufsichtsratsvorsitzender der Elysée Hotel AG beschwichtigt haben. Die Vorsitzende Richterin Isabel Hildebrandt hatte ihm bereits im Dezember einen rechtlichen Hinweis erteilt: Er könne wegen Untreue verurteilt werden, weil er die Anweisung gegeben haben soll, die Israelis über Monate kostenlos unterzubringen. Der Schaden: mindestens 200.000 Euro. Christina Block könnte wegen Beihilfe oder Anstiftung belangt werden. Tochter verweigert Aussage Für die Aufarbeitung des Falls ist auch die Frage entscheidend, was die Kinder selbst berichten können und wollen. Doch das Gericht muss auf eine Aussage verzichten: Die inzwischen 15-jährige Tochter wird nicht aussagen und macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Beide Kinder sind im Prozess als Opfer Nebenkläger und werden anwaltlich vertreten. Der Prozess läuft seit dem 11. Juli und ist auf zahlreiche Verhandlungstage angelegt. Bis Ende Juni sind weitere Termine vorgesehen – der nächste findet am Donnerstag, 15. Januar, statt. Mit der Aussage von Eugen Blocks Sekretärin könnte dabei ein neues Kapitel beginnen: Denn der Prozess dreht sich längst nicht mehr nur um die Frage, wer die Entführung plante – sondern auch darum, welche Strukturen, Ressourcen und Kontakte im Hintergrund möglicherweise genutzt wurden.