Dietmar Woidke (SPD) greift nach dem Flaschenöffner. Zack — Kronkorken ab, Sprudelflasche offen. Brandenburgs Ministerpräsident gießt Jan Redmann, der gerade in der Landespressekonferenz im Potsdamer Landtag über den schwarz-roten Koalitionsvertrag spricht, jetzt ein Glas Wasser ein. Falls der CDU-Landeschef plötzlich husten muss. Und mal eben schnell einen Schluck braucht. So viel Fürsorge war selten in Potsdam. Aber jetzt geht es ja auch um eine ganze Menge: Darum, dass in Potsdam weiter ohne die AfD regiert werden kann. „Sehr hart“ seien die Verhandlungen gewesen, sagt Woidke gleich zu Beginn. Und wirkt doch irgendwie gelassen. Dieser Sozialdemokrat, der — sobald der Grüne Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg im Ruhestand ist — Deutschlands dienstältester Ministerpräsident wird, war in der Vergangenheit nicht immer Sanftheit und Freundlichkeit in Person. Er kann robust vorgehen, wenn es darum geht, die eigene Macht zu sichern. Der 1,96-Meter-Sozialdemokrat wirkt manchmal wie der Machiavelli von Potsdam: machtbewusst. Mit allen Wassern gewaschen. Woidke schaltete jedenfalls blitzschnell, als im Januar die Koalition mit der Wagenknecht-Partei BSW scheiterte (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus695b8345c83d5f8e0659cad8/ploetzlich-rot-schwarz-was-das-bsw-beben-fuer-ministerpraesident-woidke-bedeutet.html) und manche schon dachten, er stehe am Abgrund. Er traf sich mit Jan Redmann, dem Chef der brandenburgischen CDU. Nicht etwa in Potsdam, sondern „inkognito“ in Berlin: in einem kleinen französischen Restaurant im Ortsteil Charlottenburg. Es war der Abend, an dem sich die beiden aufeinander zubewegten: Woidke, der wegen der Implosion der Wagenknecht-Fraktion auf einmal im Landtag keine Mehrheit mehr hatte. Redmann, der 2024 im Wahlkampf Negativ-Schlagzeilen machte, weil er mit 1,3 Promille auf dem E-Roller durch Potsdam gedüst (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article252495364/Jan-Redmann-Brandenburgs-CDU-Spitzenkandidat-fuhr-betrunken-E-Scooter.html) war. Und bei der Landtagswahl im September 2024 für die CDU gerade einmal 12,1 Prozent holte (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article253612534/Brandenburg-Wahl-Ergebnis-der-Landtagswahl-SPD-knapp-vor-der-AfD.html) . Vor der blauen Wand der Landespressekonferenz wirken die beiden wie die neue Brandenburg-Bromance, wenn auch eine sehr spezielle. „Es gab da so einen Moment, in dem wir beide über unsere Familien sprachen“, berichtet Redmann vom Geheimtreffen in Berlin-Charlottenburg. „Ich habe von meiner Tochter berichtet, du hast von deinen Enkelkindern berichtet.“ Plötzlich hätten da nicht mehr der Fraktionsvorsitzende und der Ministerpräsident gesessen: „Da saßen Papa und Großvater.“ Und diese beiden Duzfreunde, die wollen jetzt also was hinkriegen für Brandenburg. Sie seien beide „Landeier“, sagen sie, der eine aus der Lausitz, der andere aus der Prignitz. Woidke und Redmann sind zum Erfolg verdammt. Und sie beschwören die gemeinsame Verantwortung. Es gehe darum, Vertrauen zurückzugewinnen. Man habe „ein gemeinsames Ziel“, sagt Woidke. Es gehe darum, die sehr großen Erwartungen an diese Regierung zu erfüllen. Von einem agilen Koalitionsvertrag spricht Redmann: Vereinbarungen also, die fortlaufend aktualisiert, nicht einfach nur abgearbeitet werden. Er sei nicht dafür, die AfD zu verbieten: „Man muss sie wegregieren.“ Redmann macht den Klingbeil Böse Zungen behaupten, man sei sich bei den Inhalten sofort einig gewesen. Die größten Schwierigkeiten habe das Personaltableau gemacht. In den vergangenen Wochen hörte man in der CDU in Brandenburg, dass sich Redmann nicht mit dem Wirtschaftsministerium abspeisen lassen dürfe. Er müsse unbedingt auch das Innenressort für seine Partei reklamieren. Das alles wurde begleitet von Zweifeln, ob der eigene Spitzenmann das wohl durchsetzen könne. Schlechtes Wahlergebnis, starke Ministerien — das erinnert schon fast an das Agieren der SPD nach der Bundestagswahl. SPD-Bundeschef Lars Klingbeil erkannte, dass Friedrich Merz (CDU) bei der Ressortverteilung zu einer Reihe von Zugeständnissen bereit sein würde, um Kanzler zu werden. Und Redmann erkannte wohl auch, dass Woidke vor allem eine Priorität haben würde: Ministerpräsident bleiben. Wirtschaft, Bildung und Inneres sollen nun in Brandenburg also an die CDU gehen. Drei Ministerien. Die Namen dazu will Redmann erst nach Ende der Mitgliederbefragung über seine Partei verraten. Nur dass er selbst das Innenressort übernehmen werde, wenn alles so kommt wie geplant, bestätigt er indirekt. Seinen Platz räumen muss dort René Wilke, früherer Linke-Politiker, inzwischen Mitglied der SPD. Manche sehe den Ex-Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) als möglichen Woidke-Kronprinzen und als jemanden, der der AfD Paroli wirklich bieten könne. Wilke wird nun Minister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt, was das Thema Migration einschließt. Woidke ist überzeugt, Wilke werde in Zukunft eher mehr als weniger sichtbar sein. So schwer es wohl war, dieses Personaltableau hinzubekommen, so unumstritten erscheinen auf den ersten Blick die inhaltlichen Festlegungen von Rot-Schwarz in Brandenburg: 250 zusätzliche Lehrerstellen soll es geben, Brandenburg will sich von den Berliner Rahmenlehrplänen abkoppeln, zumindest in den Kernfächern wie Deutsch, Mathematik und Englisch eigene Curricula entwickeln. Bei der inneren Sicherheit möchte Rot-Schwarz einen Schwerpunkt setzen: 9000 Polizisten soll es im Land bald geben, eine zusätzliche Hundertschaft ist verabredet. Ganz ohne Zumutungen scheint es in Potsdam aber nicht zu gehen — jedenfalls lässt sich das aus dem schließen, was Woidke und Redmann bei ihrem Auftritt zumindest andeuteten: Dass man keinesfalls mehr Geld werde ausgeben können. Und dass die neue Regierung, wenn sie denn im Amt ist, wohl Einschnitte auf den Weg bringen muss. Der Konsolidierungsbedarf bleibt erheblich. Bei der SPD muss am 14. März noch ein Parteitag sein Okay zu dieser Koalition geben, in der CDU läuft bis zum 13. März ein Mitgliedervotum. Am 18. März könnten die Minister des neuen Kabinetts ins Amt eingeführt werden. Mit ihrer Zwei-Stimmen-Mehrheit im Landtag wollen SPD und CDU nun bis 2029 zusammen regieren. Unklar jedoch, wie lange Dietmar Woidke noch weitermacht. Will er womöglich vorzeitig seinen Platz räumen für einen Jüngeren? Oder gar beim nächsten Mal doch noch einmal antreten? Darauf angesprochen, lässt Woidke nichts durchblicken. Er hält sich alles offen. Seine Macht ist ja erst einmal gesichert. Rasmus Buchsteiner (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/rasmus-buchsteiner/) ist Chief Correspondent Berlin bei „Politico“ Deutschland.