Welt 04.02.2026
13:44 Uhr

„Glauben Sie, dass Sie der Teufel sind?“ – Die bizarre Selbstinszenierung des Jeffrey Epstein


Kurz vor seinem Tod hat Jeffrey Epstein ein langes Interview gegeben. Im Gespräch mit US-Journalist Steve Bannon inszeniert sich der Milliardär und verurteilte Sexualstraftäter als Intellektueller, der außerhalb moralischer Maßstäbe steht. Verantwortung für seine Taten lehnt er ab.

„Glauben Sie, dass Sie der Teufel sind?“ – Die bizarre Selbstinszenierung des Jeffrey Epstein

Unter den Millionen Seiten und Dateien, die das US-Justizministerium in der vergangenen Woche zum Fall Jeffrey Epstein veröffentlicht hat, findet sich auch ein besonders verstörendes Videointerview. Die Aufnahmen mit dem verurteilten Sexualstraftäter sollen 2019 entstanden sein, nur wenige Monate vor Epsteins Tod in einer New Yorker Gefängniszelle, und zählen zu den letzten Bewegtbilddokumenten seines Lebens. Nach Angaben von Epsteins Bruder Mark war das Interview Teil eines geplanten, „wohlwollenden“ Dokumentarfilmprojekts, berichtet der US-Sender MSNBC (verlinkt auf https://www.ms.now/news/epstein-discusses-jail-time-in-newly-released-audio-with-steve-bannon) . Epstein habe demnach versucht, sein öffentliches Bild zu rehabilitieren – mehr als zehn Jahre nach seiner ersten Verurteilung wegen Sexualverbrechen. Das Interview wird aktuell in den sozialen Netzwerken vielfach geteilt – offenbar aus Sorge, es könne bald wieder gelöscht werden. Auch Fotos wurden aus den Akten verbreitet. Besonders brisant daran: Geführt wurde das Gespräch ausgerechnet von Steve Bannon, dem ehemaligen Chefstrategen von US-Präsident Donald Trump. Insgesamt soll der US-Journalist (Ex-„Breitbart News“) nach US-Medienberichten über rund 15 Stunden Videomaterial verfügen. Schon zuvor war bekannt geworden, dass Bannon und Epstein bis kurz vor dessen Tod in engem, regelmäßigem Kontakt standen (WELT berichtete) (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/plus697f2e7afa531953d5217e62/brisante-veroeffentlichung-massagen-nicht-inbegriffen-was-die-epstein-akten-ueber-seine-kontakte-in-trumps-umfeld-verraten.html) . Inhaltlich kreist das Interview vor allem um Epsteins Selbstbild, seine Haltung zu Moral, Geld und Macht sowie seine erste Haftstrafe nach der Verurteilung wegen Sexualstraftaten. Dabei zeigt der Milliardär weder Reue für seine Taten noch Empathie für seine Opfer. Stattdessen inszeniert er sich als intellektuelle Ausnahmefigur jenseits von Schuld und Moral. Das Interview wurde offenbar aus zwei Sitzungen zusammengeschnitten. Denn zunächst ist Jeffrey Epstein in einem weißen Hemd und mit dunkler Hornbrille zu sehen, später trägt er ein schwarzes Hemd und eine randlose Brille. Auf Bannons Fragen antwortete er meist in einen fast schon emotionslosem Ton, auch bei heiklen Punkten – wie seiner Verurteilung im Jahr 2008, weil er minderjährige Mädchen systematisch sexuell missbraucht hatte. Die Verantwortung dafür lehnt er ab. Als Bannon mehrfach nachfragt, ob Epstein darüber nachgedacht habe, wie er im Gefängnis gelandet sei, antwortet dieser: „Nein, das würde wahrscheinlich bedeuten, dass ich zu selbstreflektiert wäre“, antwortet Epstein. „Das können Sie mir unmöglich erzählen“, entgegnet Bannon. „Ich weiß“, sagt Epstein. „Ich glaube es selbst nicht.“ Auch über seine 13-monatige Haftzeit spricht Epstein ohne Schuldeingeständnis. Zwar schildert er die Zelle – „acht mal zehn Fuß, ein Bett, ein Waschbecken mit Toilette“ –, doch die außergewöhnlich milden Haftbedingungen infolge eines Deals mit dem damaligen Staatsanwalt bleiben unerwähnt. Stattdessen schildert er seine Haft als eine Art verwaltungstechnischen Akt. Schließlich geht es in dem Gespräch darum, dass das MIT Media Lab (verlinkt auf https://www.newyorker.com/news/news-desk/how-an-elite-university-research-center-concealed-its-relationship-with-jeffrey-epstein) vor dem Hintergrund der Vorwürfe gegen Epstein Anfang 2019 seine hohe Geldspende ablehnt. Auf Bannons Frage „Ist Ihr Geld schmutziges Geld?“ antwortet Epstein knapp: „Nein, ist es nicht.“ „Warum ist es kein schmutziges Geld?“, fragt Bannon nach. „Weil ich es verdient habe“, antwortet Epstein. Dass er sein Vermögen durch die Beratung mächtiger Akteure aufgebaut habe, die „enorm schlechte Dinge“ getan hätten, bestreitet Epstein nicht. Er zieht sich stattdessen auf eine abstrakte Ebene zurück: „Ethik ist immer ein kompliziertes Thema.“ Auch sein Status als Sexualstraftäter wird im Interview nicht ausgeblendet: Als Bannon ihn als „Sexualstraftäter dritten Grades“ bezeichnet, verneint Epstein unter Verweis auf strafrechtliche Feinheiten: „Nein, ich bin der Niedrigste.“ Auf Bannons Feststellung „Aber ein Verbrecher?“ antwortet Epstein schlicht: „Ja.“ Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Taten bleibt auch hier aus. In den USA werden Sexualstraftäter für das „Sex-Offender-Register“ (verlinkt auf https://www.nsopw.gov/) in verschiedene Kategorien eingeteilt, die die jeweilige Dauer und Strenge der Melde- und Registrierungspflichten bestimmt. Besonders bizarr wird ein Dialog zum Ende des Interviews. „Glauben Sie, dass Sie selbst der Teufel sind?“, fragt Bannon. Epstein antwortet zunächst ausweichend: „Nein, aber ich habe einen guten Spiegel.“ Als Bannon den Vergleich mit Satan aus John Miltons Paradise Lost vertieft und auf dessen Brillanz verweist, reagiert Epstein neugierig, dann abwehrend. „Der Teufel macht mir Angst“, sagt er. Kurz darauf endet das Video abrupt.