Dass Vulkane die menschliche Zivilisation massiv beeinflussen können, zeigen zahlreiche Beispiele. So wird der Niedergang der Minoischen Kultur auf Kreta im 2. Jahrtausend v. Chr. mit der Explosion des Vulkans Thera (Santorin) (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255340150/Thera-Explosion-Tsunamis-und-800-Grad-heisse-Stroeme-verwandelten-das-Mittelmeer-in-eine-Todeszone.html) in Verbindung gebracht. Die Asche, die der Vulkan Laki auf Island 1783/4 in die Luft blies (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article210589965/Vulkan-Katastrophen-Erst-verschwanden-Katzen-und-Hunde-Dann-kamen-die-Kannibalen.html) , hat die Sonneneinstrahlung derart verringert, dass es zu schweren Ernteausfällen und Hungersnöten kam, ein Grund für den Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Und das „Jahr ohne Sommer“, das 1816 auf die Detonation des indonesischen Vulkans Tambora (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article172024766/Science-Fiction-Das-Jahr-ohne-Sommer-gebar-entsetzliche-Monster.html) folgte, setzte globale Migrationen in Gang, deren Teilnehmer Hunger und Seuchen zu entfliehen suchten. Es geht noch größer. Offenbar wurde auch der Schwarze Tod, dem ab 1347 etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article230989795/Pest-im-Mittelalter-Der-Bruder-verliess-den-Bruder-die-Frau-den-Gatten.html) fiel, von einer oder mehreren gigantischen Vulkaneruptionen angetrieben. Aschen und Gase in der Atmosphäre reduzierten die Sonneneinstrahlung deutlich, was zu Kälte, Trockenheit und Unwettern führte und die Ernten ruinierte. Mit Getreideimporten, mit denen die italienischen Handelsmächte den Hunger bekämpften, sei das Bakterium Yersinia pestis , der Erreger der Pest, schließlich nach Europa gelangt, schreiben Ulf Büntgen (verlinkt auf https://www.researchgate.net/profile/Ulf-Buentgen) von der Universität Cambridge und Martin Bauch (verlinkt auf https://www.leibniz-gwzo.de/de/institut/personen/team-z/martin-bauch) vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas (GWZO) in Leipzig im Fachjournal „ Communications Earth & Environment (verlinkt auf https://www.google.com/search?q=Communications+Earth+%26+Environment+martin+bauch+&sca_esv=9c3862cfc17cffc5&sxsrf=AE3TifNkuZNgvYVHAJIuluEQ0W_Y6XMbhw%3A1764943540460&ei=tOYyaZjlG_q79u8P_tyjgAI&ved=0ahUKEwiYj5yGz6aRAxX6nf0HHX7uCCAQ4dUDCBE&uact=5&oq=Communications+Earth+%26+Environment+martin+bauch+&gs_lp=Egxnd3Mtd2l6LXNlcnAiMENvbW11bmljYXRpb25zIEVhcnRoICYgRW52aXJvbm1lbnQgbWFydGluIGJhdWNoIDIFEAAY7wUyCBAAGIAEGKIEMgUQABjvBTIIEAAYgAQYogRI-DJQaliQMXABeAGQAQCYAYQBoAH6C6oBBDIuMTK4AQPIAQD4AQGYAgygAvYJwgIKEAAYsAMY1gQYR8ICDRAAGIAEGLADGEMYigXCAgUQABiABMICCBAAGIAEGMsBwgIGEAAYFhgewgIFECEYoAHCAgcQIRigARgKmAMAiAYBkAYKkgcEMi4xMKAH5iyyBwQxLjEwuAfuCcIHBTEuNi41yAcj&sclient=gws-wiz-serp) “. Die Wissenschaftler analysierten Baumscheiben aus den spanischen Pyrenäen und verglichen sie mit historischen Aufzeichnungen. Sogenannte „Blaue Ringe“, die Phasen geringen Wachstums anzeigen, konnten für die Jahre 1345, 1346 und 1347 in Südeuropa nachgewiesen werden. Ein ungewöhnlich kaltes und nasses Jahr sei nicht ungewöhnlich, schreiben die Autoren, mehrere aufeinanderfolgende Sommer aber schon. Als die Ernten schlecht ausfielen, versuchten die italienischen Seerepubliken Venedig, Genua und Pisa, die Not mit Einfuhren zu lindern. „Seit mehr als einem Jahrhundert hatten diese mächtigen italienischen Stadtstaaten Fernhandelsrouten über das Mittelmeer und das Schwarze Meer etabliert, die es ihnen ermöglichten, ein hocheffizientes System zu aktivieren, um Hunger zu verhindern“, erklärt Bauch. Die Seemächte hatten den Niedergang des Byzantinischen Reiches genutzt, um sich Wirtschaftsprivilegien anzueignen. Damit verschafften sie sich den direkten Zugang zu dem Getreidehandel aus den Schwarzerde-Gebieten der Ukraine, der in der Antike bereits die Versorgung der Seemacht Athen gesichert hatte. Mit den italienischen Schiffen gelangten Flöhe als Wirte von Yersinia pestis nach Südfrankreich und Norditalien. Dort befielen die Insekten Ratten, von denen wiederum Menschen infiziert wurden. Eine der größten demografischen Katastrophen der Geschichte nahm ihren Ausgang. In immer neuen Wellen sorgte die Pest für Tod und Entsetzen. Die letzte große Epidemie in Europa wütete 1720 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article201411664/Pest-Vaeter-und-Muetter-vermieden-es-ihre-Kinder-zu-pflegen.html) in und um Marseille. Schon lange war bekannt, dass es ein Handelsschiff aus Kaffa (Feodossija) auf der Krim gewesen ist, mit dem der Schwarze Tod Südeuropa im Jahr 1347 erreichte. In einem Bericht heißt es allerdings, dass die Mongolen der Goldenen Horde damals den genuesischen Stützpunkt belagerten und dabei Pestleichen mit Katapulten über die Wälle geschleudert haben sollen. Das würde als Motiv für die Fahrt eher auf Flucht und nicht auf regelmäßigen Getreidetransport verweisen. 2018 kam eine Studie zu dem Schluss, dass der Handel mit Pelzen für das Eindringen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article184760046/Seuchen-Mit-diesem-Luxusgut-kam-die-Pest-nach-Europa.html) des Pest-Bakteriums gesorgt hat. Wenn statt einer Luxusware ein existenzielles Massengut für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich gewesen ist, würde das der Pest etwas von ihrer moralischen Wucht nehmen, die einst die Opfer ihr zuschrieben. Sie wussten sich keinen anderen Rat, als die Pandemie als Strafe Gottes für ihre Sünden zu deuten. Neue Genom-Untersuchungen haben gezeigt, dass der Ursprung von Yersinia pestis in Zentralasien gesucht werden muss, wo das Bakterium noch heute in Seuchenreservoirs rund um das Tian Shan-Gebirge im Grenzgebiet zwischen Kasachstan, Kirgisistan und China heimisch ist. Über die Routen der Seidenstraße gelangte es bereits in der Spätantike nach Westen. Neue Analysen haben ergeben, dass die Seuche, die unter dem oströmischen Kaiser Justinian I. in den 540er-Jahren weite Teile des östlichen Mittelmeergebiets verwüstete, ebenfalls von Yersinia pestis hervorgerufen wurde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article181722470/Untergang-Roms-Klima-und-Pest-zerstoerten-das-Roemische-Weltreich.html) . Man schätzt, dass durch diese „Justinianische Pest“ rund ein Viertel der Bevölkerung ums Leben gekommen ist. Das Land verödete, die Äcker lagen brach. Und mit der Wirtschaft kollabierte der Staatshaushalt. Ausgrabungen in Israel haben unlängst gezeigt, wie die öffentliche Ordnung in den Städten zusammenbrach, denn der Müll wurde nicht mehr entsorgt. Die Heere, die das Reich der Ostgoten in Italien erobern sollten, konnten nicht mehr bezahlt werden, was ihre schweren Rückschläge erklären würde. Weil sich zudem Ostrom und das persische Reich der Sasaniden in permanenten Kriegen erschöpften, trafen die Araber im 7. Jahrhundert bei ihren Eroberungszügen im Orient und Nordafrika nur auf geringen Widerstand. Soviel zur Wirkmacht von Vulkanen. Ungewöhnliche Trübungen und ein verdunkelter Mond Büntgen und Bauch zitieren zeitgenössische Berichte aus dem 14. Jahrhundert, in denen von ungewöhnlichen Trübungen und einem verdunkelten Mond die Rede ist, was auf vulkanische Aktivität hindeute (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204706164/Byzanz-536-Das-schlimmste-Jahr-der-Menschheitsgeschichte.html) . So schrieb die Medizinische Fakultät der Universität Paris von Paris nach Ausbruch der Seuche in einem Gutachten (verlinkt auf https://www.dasanderemittelalter.net/news/wetterkapriolen-die-wissenschaft-und-der-schwarze-tod-1348/) : „Seit einiger Zeit sind die Jahreszeiten nicht mehr in richtiger Weise aufeinandergefolgt. Der letzte Winter war nicht so kalt wie er hätte sein sollen, mit viel Regen; der Frühling war windig und zuletzt nass. Der Sommer kam spät, war nicht so heiß wie er hätte sein sollen und extrem nass – das Wetter war von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde sehr wechselhaft. Die Luft war oft unruhig und dann immer wieder so, als würde es regnen, aber dann regnete es nicht. Auch der Herbst war sehr regnerisch und neblig.“ Ähnliche Beobachtungen sind von dem Gelehrten Cassiodor aus dem Jahr 536 überliefert: „Wir wundern uns, dass mitten am Tag die Körper keine Schatten werfen und dass jene Kraft der stärksten Hitze nur bis zu einer äußerst lauen Mattigkeit gelangt ist ... Wir hatten also einen Winter ohne Stürme, einen Frühling ohne mildes Wetter, einen Sommer ohne Hitze.“ Nach neuesten Datenauswertungen fielen die durchschnittlichen Sommertemperaturen in Europa damals um bis zu 2,5 Grad und in den 540ern noch einmal um bis zu 2,7 Grad. Als Urheber für diesen dramatischen Rückgang der Sonneneinstrahlung machen Wissenschaftler die Eruptionen eines Vulkans auf der Nordhalbkugel, wahrscheinlich auf Island, verantwortlich. Büntgen und Bauch verweisen auf eine andere Weltgegend. Sie vermuten den Antreiber der mittelalterlichen Pestwelle in den Tropen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.