Nach dem Sonntagsgottesdienst am 9. Oktober 1831 verließ der Präsident St. Spyridon in Nafplion, damals die Hauptstadt Griechenlands. Vor der Kirche erwarteten ihn die Brüder Konstantin und Georg Mavromichalis. Ihren Pistolenkugeln fiel mit Johann Kapodistrias (verlinkt auf https://www.welt.de/welt_print/kultur/article6630124/Erzieher-werden-erschossen.html) das Oberhaupt des jungen griechischen Nationalstaats zum Opfer. Westliche Beobachter deuteten das Attentat als Reaktion auf den autoritären Regierungsstil des Präsidenten. Tatsächlich war das Motiv jedoch familiärer Natur. Kapodistrias hatte das Oberhaupt des Clans festnehmen lassen, was nur mit Blut gesühnt werden konnte. Das zumindest verlangte das Gesetz der Mani. Die Halbinsel Mani ist der Mittelfinger (verlinkt auf https://www.welt.de/reise/nah/article217695750/Peloponnes-Griechenland-unbekannt-Urlaub-auf-der-Halbinsel-Mani.html) der Peloponnes mit dem südlichsten Punkt des griechischen Festlands. Ihr zerklüftetes Binnenland war seit jeher ein Rückzugsgebiet für Menschen, die mit dem Rest der Welt wenig zu tun haben wollten. Selbst das Osmanische Weltreich respektierte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article159307886/Osmanisches-Reich-Dieses-Imperium-ist-Erdogans-grosses-Vorbild.html) diesen robusten, mit Waffen gesicherten Lebensstil, der sich auch im Gen-Pool niedergeschlagen hat. Wie eine aktuelle Studie (verlinkt auf https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/wissenschaft_nt/article69831c4ed23aaa4b0d2d76bb/mal-jemand-von-auswaerts-niemals-clans-blieben-unter-sich.html) zeigt, stammen die meisten der heute lebenden Manioten in väterlicher Linie von Bewohnern der Region im 4. bis 8. Jahrhundert ab. Wie das Team um den Anthropologen Leonidas-Romanos Davranoglou (verlinkt auf https://oumnh.ox.ac.uk/people/leonidas-romanos-davranoglou) von der Universität Oxford im Fachjournal „Communications Biology“ (verlinkt auf https://www.nature.com/articles/s42003-026-09597-9) ausführt, stammt mehr als die Hälfte der heute in der Inneren Mani – dem südlichsten, abgelegensten Teil der Halbinsel – lebenden Menschen sogar nur von einem einzelnen männlichen Vorfahren ab, der im 7. Jahrhundert n. Chr. lebte. Das ergab der Vergleich des Erbguts von 102 Manioten aus bedeutenden Familienclans mit dem von mehr als einer Million moderner Individuen aus aller Welt. Es gab fast keine Übereinstimmungen mit anderen Populationen. Die Bevölkerung der Inneren Mani habe sich über einen außergewöhnlich langen Zeitraum kaum mit Menschen anderer Regionen vermischt, schließen die Wissenschaftler. Nur wenige Frauen seien integriert worden. Ihre Abstammungslinien verweisen auf den Balkanraum, die Levante und Westeurasien. Damit stellten die Manioten eine der genetisch einzigartigsten Bevölkerungsgruppen Europas dar. „Unsere Studie zeigt, wie Geografie, soziale Organisation und historische Umstände alte genetische Muster in bestimmten Regionen bewahren können, lange, nachdem sie anderswo verändert wurden“, sagte Davranoglou. Als weitere Beispiele dafür gelten unter anderem die Sorben in Deutschland und die Samen im Norden Skandinaviens. Das Ergebnis ihrer Studie deute darauf hin, dass die Bevölkerung der Inneren Mani am Ende der Antike auf sehr wenige Familien schrumpfte, schreibt das Team. Zu den möglichen Ursachen zählten Seuchen oder kriegerische Konflikte. Damals zogen wiederholt gotische Kriegergruppen durchs Land, Slawen setzten zur Landnahme an, arabische Flotten plünderten die Küstenregionen. In der Antike war die Mani alles andere als ein Rückzugsgebiet gewesen. Wichtige Seerouten führten an ihr vorbei. Ihre Südspitze, Kap Tainaron (heute Kap Tenaro), war im 4. und 3. Jahrhundert ein wichtiger Söldnermarkt, auf dem Warlords wie der flüchtige Schatzmeister Alexanders des Großen, Harpalos , militärischen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article245994492/Alexander-der-Grosse-Ermordet-mit-dem-Gift-von-Aristoteles.html) Anhang rekrutierten, um die Kyrenaika zu erobern. Im frühen Mittelalter begann offenbar die selbst gewählte Isolation der Manioten. Während sich das schwer bedrängte Byzanz in ein Seereich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article240831671/Griechisches-Feuer-So-scheiterte-die-arabische-Invasion-Europas.html) verwandelte, das seine verstreuten Provinzen mit der Flotte zusammenhielt, zogen die Manioten in die Berge. Dort errichteten ihre Clans bis zu 20 Meter hohe Wohntürme, die noch heute die Dörfer prägen. In diesen Festungen verteidigten sich ihre Bewohner gegen Invasoren und Nachbarn. Denn das Gesetz der Blutrache galt hier bis ins 20. Jahrhundert. Die Genanalyse bestätige viele mündliche Überlieferungen in der Region über gemeinsame familiäre Abstammungen, von denen einige hunderte Jahre zurückreichten, erklärt Mitautor Athanasios Kofinakos: „Die geografische Isolation und die begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen der Inneren Mani haben den kriegerischen Charakter der Einheimischen gefördert. In einer so rauen Umgebung wurden Familienbündnisse für das individuelle und kollektive Überleben von größter Bedeutung.“ Das mussten auch Leute erfahren, die sich nach dem griechischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen (1821–1827) anschickten, Griechenland in ein modernes Staatswesen zu verwandeln. Um die Manioten zu disziplinieren, ließ Präsident Kapodistrias ihren Paten Peter Mavromichalis einkerkern, obwohl er während der Revolution gegen die Türken gekämpft hatte. Der Anschlag in Nafplion war die Quittung dafür. Ähnliches mussten auch die Bayern und andere Mitteleuropäer erfahren, die ab 1833 nach Griechenland zogen, um dem Wittelsbacher Prinzen Otto I. ein zivilisiertes (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246447182/Otto-I-von-Griechenland-Fuer-diese-Krone-musste-Bayern-bluten.html) Königreich zu errichten. Der Versuch, die Bewohner der Mani zu folgsamen Untertanen zu machen, provozierte einen Aufstand, dem Tausende zum Opfer fielen. Gefangene bayerische Soldaten wurden entkleidet, ihnen wurden Nasen und Ohren abgeschnitten, „ja man steckte sie zugleich mit Katzen, gegen die sie sich nicht wehren konnten, in einen Sack und hatte seine Freude an der Verzweiflungsqual der Sterbenden“, schrieb der Historiker Karl Mendelssohn Bartholdy (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Mendelssohn_Bartholdy) , denn sie sahen sich „durch die Civilisations-Maßregeln der Baiern in ihren liebsten Neigungen bedroht.“ Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die osteuropäische Geschichte zu seinem Arbeitsgebiet.