Welt 18.02.2026
13:12 Uhr

„Gay Romance bietet die Möglichkeit, dass man Beobachterin am Seitenrand ist und zuschaut“


Liebesromane über Männer, die Männer lieben, werden zu Bestsellern. Die größte Lesergruppe: heterosexuelle Frauen. Was macht das Genre Gay Romance für viele Leserinnen reizvoller als die klassische Hetero-Romantik?

„Gay Romance bietet die Möglichkeit, dass man Beobachterin am Seitenrand ist und zuschaut“

Nach einem gemeinsamen Werbedreh stehen sich die Profi-Eishockeyspieler Ilya und Shane das erste Mal in der Dusche gegenüber. Sie können ihre Blicke nicht voneinander lösen. „Nicht hier“, sagt Shane. Kurz darauf landet er im Hotelzimmer seines Rivalen Ilya – und hat dann das erste Mal Sex mit einem Mann. Die Fernsehserie „ Heated Rivalry (verlinkt auf https://www.welt.de/iconist/trends/article6973507af5499fb954b6352b/heated-rivalry-warum-die-serie-vor-allem-frauen-so-begeistert.html) “ erzählt eine klassische „Enemies-to-Lovers“-Geschichte: Auf dem Eis stehen sich die beiden als Kapitäne gegnerischer Eishockeymannschaften gegenüber. Für die Öffentlichkeit sind sie Konkurrenten, vielleicht sogar Feinde. Über Jahre hinweg versuchen sie, ihre Beziehung in der Profisportwelt geheim zu halten. Die Geschichte um Shane und Ilya hat einen globalen Hype ausgelöst. Sogar New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani empfahl den Bürgern seiner Stadt die Serie. Auf der ganzen Welt treffen sich Fans zu Watch-Partys. In Berlin konnte zuletzt in einem Club zu Sex-Szenen der Serie getanzt werden. Vor allem heterosexuelle Frauen sind begeistert von der Show. Warum diese Liebesgeschichte gerade bei Frauen einen Nerv trifft Die Romanvorlage stammt von der 45-jährigen kanadischen Autorin Rachel Reid, die sich auf Liebesgeschichten zwischen männlichen Figuren spezialisiert hat. Bereits vor der Serienadaption war ihr Buch in der TikTok-Leseszene ein großer Erfolg: Auf der Plattform entwickelte sich der Titel zum viralen Hit. Insgesamt wurde die Reihe „Game Changers“ rund 650.000-mal verkauft. Ist es Zufall, dass „Heated Rivalry“ von einer heterosexuellen Autorin geschrieben wurde? Nein, sagt Sandra Balzer, eine deutsche Autorin, die selbst „Gay Romance“- und „Gay Fantasy“-Romane schreibt. „Ungefähr 85 Prozent dieser Bücher werden von Frauen geschrieben. Und rund 85 Prozent der Leser sind weiblich.“ Die Gründe dafür liegen auch in der Darstellung von Frauenfiguren in anderen Genres: „Die Darstellung von Frauen in vielen literarischen Genres ist so einseitig und enttäuschend, dass es schwerfällt, sich damit zu identifizieren.“ Entweder gebe es die „Super Power Badass Frauen“ oder die „hübschen, naiven Jungfrauen“ – beide bräuchten am Ende einen Mann, der sie rette. „Gay Romance bietet die Möglichkeit, dass man Beobachterin am Seitenrand ist und zuschaut – ohne sich identifizieren zu müssen. Viele Leserinnen, die früher ‚Hardcore Hetero-Romantik‘ gelesen haben, haben einfach keine Lust mehr auf die üblichen Klischees“, sagt die 49-Jährige. Dass solche Geschichten heute im Mainstream angekommen sind, beobachtet auch Verleger Simon Beck, der 1999 den auf „Gay Romance“ spezialisierten Verlag „Dead Soft“ gründete. Ein Erfolgsfaktor des Genres ist das große Interesse heterosexueller Frauen: „Es ist für viele weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit und daher etwas ganz Neues. Es bietet schöne Liebesgeschichten mit Happy End, ohne die typischen Klischees von Hetero-Romances.“ Gerade diese Klischees stehen in der Kritik. „Im klassischen Romance-Bereich, besonders bei Dark Romance, gibt es diese klischeebehafteten, toxischen Männer, die durch eine schwächere Frauenfigur geknackt werden müssen. Bei Gay Romance hat man das meistens nicht.“ Auch „Heated Rivalry“ folgt diesem Musterbruch: Beide Protagonisten sind erfolgreich, wohlhabend und sportlich ebenbürtig. „Wenn einem der eine nicht gefällt, dann gefällt einem der andere“ Autorin Kathrin Fuhrmann sieht darin einen zentralen Reiz: „Ich kann mir vorstellen, dass die Liebe auf Augenhöhe ein Grund für den Erfolg unserer Bücher ist.“ Gleichzeitig relativiert die 45-Jährige: „Ja, wir können hier eher zwei dominante Figuren haben. Aber es laufen tatsächlich auch hier die Geschichten besser, in denen es ein Machtgefälle gibt. Zwei wirklich gleichwertige Herren gibt es selten.“ Ein weiterer Aspekt: der männliche Blick als Projektionsfläche. „Bei Heated Rivalry geht es eben auch nur um Männer. Wenn einem der eine nicht gefällt, dann gefällt einem der andere.“ Leserinnen hätten ihr gesagt, dass sie es mögen, in den Büchern mehrere Kerle anschmachten zu können, „so wie bei Boybands“. Und ein weiterer wichtiger Punkt sei: „Man muss sich als Leserin in der Gay Romance nicht mit anderen Frauen vergleichen.“ Genau dieses Spiel mit Distanz und Perspektivwechsel scheint für viele Frauen den Reiz auszumachen. Es geht um Sexualität ohne Vergleich, um Begehren ohne die Erwartungen, die weiblichen Figuren oft auferlegt werden. Und um Beziehungen, in denen Macht, Verletzlichkeit und Leidenschaft neu verhandelt werden. „Das hat etwas mit Berührungsängsten von Männern zu tun“ Gay-Romance-Autorin Barbara Corsten erklärt die große weibliche Leserschaft pragmatisch: Generell würden mehr Frauen als Männer Bücher lesen. „Und Hetero-Männer lesen kaum schwule Literatur. Ich denke, das hat etwas mit Berührungsängsten von Männern gegenüber diesem Thema zu tun. Sie schrecken davor zurück, Frauen hingegen sind offener.“ Die 61-Jährige hat selbst aufgehört, klassische Hetero-Liebesromane zu lesen. „Mir ging auf den Senkel, dass die toughen Frauen einen Helfer treffen und sich dann direkt die Schürze umbinden wollen. Ich lese lieber über zwei Männer, statt die übliche Klischees.“ Kritiker werfen Gay-Romance-Romanen wie „Heated Rivalry“ mit ihren expliziten Sexszenen mitunter eine Fetischisierung schwuler Sexualität vor. Verleger Simon Beck hält dagegen: „Das sind Einzelstimmen“. Barbara Corsten weist den Vorwurf ebenfalls zurück. „Wenn Sie meine Bücher durchblättern, dann merken sie, dass das keine Fetischisierung von schwulen Männern ist.“ Auch Sandra Balzer wurde kritisiert, über schwule Männer zu schreiben. „Aber niemand muss sich dafür rechtfertigen, über Drachen oder Morde zu schreiben.“ Als Autorin gehe es darum, sich in Figuren hineinzuversetzen: „Ich schreibe eigentlich über Menschen, egal ob Männlein oder Weiblein.“