Post vom Finanzamt lässt heute kaum einen Empfänger ungetrübt. Wenn er Glück hat, wird ihm eine Rückzahlung angekündigt. Aber oft genug ist es eine Nachzahlung, die zudem mit Vorauszahlungen verbunden ist. Wir können uns also vorstellen, wie gedrückt die Stimmung im Königspalast von Jerusalem war, als dieses Schriftstück aus Assyrien eintraf. Denn die Großmacht in Mesopotamien verlangte Steuern, viele Steuern. Die Tonscherbe, die die israelische Antikenbehörde jetzt präsentierte, ist zwar nur 2,5 Zentimeter klein, aber gleichwohl eine Sensation, in zweifacher Hinsicht. Denn es handelt sich um die erste assyrische Inschrift, die in Jerusalem gefunden wurde. Und ihr Inhalt wirft ein Licht auf das heikle Verhältnis zwischen Assur und dem Königreich Juda mit seiner Hauptstadt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article234232542/Jerusalem-Toilette-zeugt-vom-Aufstieg-des-altjuedischen-Staates-Juda.html) Jerusalem zur Zeit des ersten jüdischen Tempels (8./7. Jahrhundert v. Chr.). In dem Keilschrifttext geht es um eine Steuerschuld Judas gegenüber dem Assyrischen Reich, die offenbar nicht zum Beginn eines Monats beglichen wurde. Damit liefere die Scherbe einen direkten Beweis für die offizielle Kommunikation zwischen beiden Reichen, sagt die Grabungsleiterin der Behörde, Ayala Zilberstein (verlinkt auf https://antiquities.academia.edu/AyalaZilberstein) : „Die Entdeckung vertieft unser Verständnis der Präsenz der Assyrer in Jerusalem und des Ausmaßes ihres Einflusses auf die Angelegenheiten des Königreichs Juda.“ Die Materialanalyse des verwendeten Tons belegt, dass das verwendete Schreibmaterial – Keilschrifttexte wurden mit einem spitzen Griffel in den weichen Ton eingeprägt – nicht in Jerusalem hergestellt worden sei, sondern „höchstwahrscheinlich aus einem der Verwaltungszentren Assyriens wie Ninive, Assur oder Nimrud“ stamme, erklärt Ayala Zilberstein. Wahrscheinlich war das Fragment Teil eines königlichen Stempels – eines Siegelabdrucks, der zur Unterzeichnung eines Briefes oder einer offiziellen Depesche im Namen des assyrischen Königshofs diente. „Diese Inschrift erläuterte den Inhalt der Depesche oder deren Bestimmungsort. Sie unterscheiden sich in Größe und Form von den in Judäa bekannten lokalen Stempeln“, werden die Assyrien-Spezialisten Peter Silberg und Dr. Philip Wokosbowitz in der Mitteilung der Behörde zitiert (verlinkt auf https://www.iaa.org.il/page_news/page/%D7%9C%D7%A8%D7%90%D7%A9%D7%95%D7%A0%D7%94-%D7%91%D7%99%D7%A8%D7%95%D7%A9%D7%9C%D7%99%D7%9D-%D7%A0%D7%97%D7%A9%D7%A4%D7%94-%D7%9B%D7%AA%D7%95%D7%91%D7%AA-%D7%90%D7%A9%D7%95%D7%A8%D7%99%D7%AA-%D7%9E%D7%AA%D7%A7%D7%95%D7%A4%D7%AA-%D7%91%D7%99%D7%AA-%D7%A8%D7%90%D7%A9%D7%95%D7%9F) . Für den Charakter einer hochoffiziellen Post stehe auch der Fundort im Westen des Tempelareals, diente das Quartier doch „als Zentrum für die Aktivitäten hochrangiger Minister und Persönlichkeiten“. Obwohl der Name des Adressaten in dem Textfragment fehlt, macht der historische Kontext eine Datierung ins späte 8. oder frühe 7. Jahrhundert v. Chr. plausibel. Danach könnten die Juda-Könige Hiskia, Manasse oder Josias die Empfänger der Mahnung gewesen sein. Vor allem Hiskia rückt in den Fokus, sank Juda doch während seiner 29-jährigen Herrschaft (725 – 696 v. Chr.) zu einem folgsamen Vasallen Assurs herab. Ausführlich berichtet das zweite „Buch der Könige“ im Alten Testament davon. Danach schloss sich Hiskia einer Koalition von Fürsten in Syrien und an der Levanteküste an, die innere Unruhen in Assyrien zum Abfall von der Großmacht nutzen wollten. Aber im Jahr 701 v. Chr. „zog herauf Sanherib, der König von Assyrien, gegen alle festen Städte Judas und nahm sie ein“, heißt es im „Buch der Könige“. Was folgen würde, hatte um 722/20 v. Chr. das Schicksal des judäischen Nordreichs Israel gezeigt. Eine assyrische (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article135685975/Archaeologie-Der-Auszug-aus-Aegypten-war-alles-ganz-anders.html) Armee eroberte wiederholt die Hauptstadt Samaria und deportierte zahlreiche Bewohner. Einige Tausend konnten nach Süden fliehen; mit ihrer Ankunft erklären Archäologen die Bevölkerungszunahme Jerusalems in jener Zeit. Hiskia erkannte seine Chancenlosigkeit und unterwarf sich gerade noch rechtzeitig dem assyrischen Großkönig. Dessen Tributforderung war gewaltig: 300 Zentner Silber und 30 Zentner Gold. Auch wurden offenbar Tausende nach Mesopotamien deportiert. Seine politische Niederlage versuchte Hiskia zwar zu kaschieren, indem er und die Redaktoren der Bibel Sanheribs Verzicht auf eine Eroberung Jerusalems dem Eingreifen Jahwes zuschrieben, der seinen Engel ins Lager der Assyrer geschickt haben soll, wo er 185.000 Mann (mit einer Seuche?) tötete. Wegen dieser Katastrophe soll der Großkönig nach seiner Rückkehr ermordet worden sein. Historiker halten das jedoch für Propaganda. Alle Indizien sprechen dafür, dass der Kleinstaat Juda von da an ein folgsamer Untertan Assyriens war, das unter Sanheribs Nachfolgern sogar Ägypten seinem Imperium einverleibte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256113082/Assyrisches-Reich-Grosskoenig-Assurbanipal-hatte-gute-Gruende-sich-mit-den-Goettern-gut-zu-stellen.html) , auf dessen Unterstützung jeder Aufstand angewiesen war. Nach dem unerwartet schnellen Untergang Assurs ab etwa 620 v. Chr. konnte Juda zwar für kurze Zeit seine fragile Selbstständigkeit zurückgewinnen. Aber im Jahr 587 v. Chr. eroberten die Truppen des Neubabylonischen Reiches unter Nebukadnezar II. Jerusalem und deportierten seine Elite an den Euphrat (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article209383237/Die-grosse-Hure-Weinten-die-Juden-wirklich-an-den-Wassern-von-Babylon.html) . Die Steuermahnung aus Assyrien, von der das gefundene Textfragment zeugt, gibt eine Ahnung davon, wie schwer die Tribute auf Juda lasteten. Hiskia „musste all das Silber, das sich im Haus des Herrn und in den Schätzen des Hauses des Königs fand“, abliefern, heißt es im Buch der Könige. Um sie aufzubringen, musste das Goldblech an den Türen des Tempels herausgebrochen werden. Hiskia „zerbrach sogar die Türen am Tempel des Herrn und das Goldblech, das er selbst hatte darüber ziehen lassen, und gab es dem König von Assyrien“. Gerne hätte man sich im Jerusalem wohl von diesem Aderlass befreit. Aber die Großmacht herausfordern hieß, die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.