Welt 01.01.2026
07:53 Uhr

Fünf Tage hielt die Flut Köln im Griff – danach begann der Streit um die Ursachen


Schnee, Regen und ständiger Nachschub aus den Nebenflüssen ließen den Rhein am 1. Januar 1926 auf Rekordhöhe anschwellen. Der Sachschaden war enorm, doch gab es erstaunlich wenige Todesopfer. Manch alkoholisierter Kneipenbesucher allerdings ertrank.

Fünf Tage hielt die Flut Köln im Griff – danach begann der Streit um die Ursachen

Zu Beginn des neuen Jahres kannte der Pegel des Rheins nur eine Richtung: nach oben. Stündlich um rund vier Zentimeter legte der Wasserstand am Kölner Messpunkt zwischen Deutzer Brücke und Altstadtrand (verlinkt auf https://steb-koeln.de/hochwasser-und-ueberflutungsschutz/wasserstandsvorhersage/wasserstandsvorhersage.jsp) seit dem späten Abend des 29. Dezember 1925 zu, von 7,81 Meter über 9,45 Meter am Silvestermorgen bis auf 10,69 Meter am frühen Vormittag des Neujahrstages. Und obwohl pro Sekunde geschätzt 10.000 Kubikmeter abflossen, überflutete das Hochwasser insgesamt fünf Tage lange die Rheinpromenade, den Heu- und den Alter-Markt. Große Teile der Altstadt und der Ortsteil Riehl, aber auch am rechten Rheinufer der Rheinpark, Deutz und Teile der Vorstadt Mühlheim standen unter Wasser. Obwohl die Stadtverwaltung seit dem vergangenen katastrophalen Hochwasser Mitte Januar 1920 (verlinkt auf https://virtuellesbrueckenhofmuseum.de/vmuseum/historie/abfrage_sql.php?rolle=ja&serie=Hochwasser%201920) (maximaler Stand des Kölner Pegels 10,58 Meter und damit so hoch wie seit 1784 nicht mehr) viel für den Hochwasserschutz getan hatte, obwohl 14 Kilometer Stege in überfluteten Straßen beispielsweise von Deutz aufgebaut worden waren, blieb die Lage äußerst ernst. In vielen Ortsteilen Kölns fiel der Strom aus. Um Menschen aus der überfluteten Altstadt zu evakuieren, ruderten Helfer kleine Boote vom hochwassersicheren Hügel, auf dem die Römer knapp zwei Jahrtausende früher ihre Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246670618/Roemisches-Reich-Sex-in-den-Thermen-kostete-nur-wenige-Bronzestuecke.html) errichtet hatten, in die überfluteten Gassen und wieder zurück. In Merkenich nördlich der Stadt drohte der Rheindamm zu brechen, der als Deich den nördlichen Stadtrand links des Stroms schützte. Hunderte Freiwillige verstärkten den durchfeuchteten Wall mit Pfählen, Sandsäcken, Lehm und Dünger. Knapp gelang es, den Schaden auf einige wenige Löcher zu begrenzen. Die Ursache für die Katastrophe (der Schaden wurde später auf 100 Millionen Reichsmark geschätzt, nach Kaufkraft umgerechnet auf 2026 drei bis fünf Milliarden Euro) war anhaltend schlechtes Wetter. Genauer gesagt: ein mehrfacher, in dieser Art ungewöhnlicher Wetterwechsel (verlinkt auf https://undine.bafg.de/rhein/extremereignisse/rhein_hw1925_26.html#:~:text=Das%20Hochwasser%20des%20Rheins%20im%20Dezember%201925%20/%20Januar%201926) . In der letzten Novemberwoche 1925 hatte es in Westdeutschland stark geschneit; sogar im Rheingebiet war die Schneedecke über Tage geschlossen. Zu Beginn der zweiten Dezemberwoche setzte Tauwetter ein; bis hinauf in die Mittelgebirge schmolzen verstärkt durch leichten Regen die Schneemassen vollständig. Gleichzeitig setzte in den Alpen erneut Schneefall ein, bald auch südlich der Mosel, bevor es im nördlichen Rheingebiet ab dem 17. Dezember, im südlichen zwei Tage später stark zu regnen begann, am 22. Dezember auch in den Alpen. Am zweiten Weihnachtstag drang zudem von Süden her warm-feuchte Luft vor und traf zwischen den Gebirgen des Rheingebiets auf deutlich niedrigere Temperaturen – die Folge: extrem viel Regen. Diese Konstellation ließ Neckar, Mosel, Main und viele kleinere Nebenflüsse stark anschwellen – und alles Wasser drängte in den Rhein, der ab dem 27. Dezember stark zu steigen begann. Innerhalb weniger Tage nacheinander erreichten die Flutwellen von Neckar, Main, Mosel und Lahn den Strom. Damit drängte um den Jahreswechsel tagelang ungefähr so viel Wasser nach wie gleichzeitig abfloss: Der Pegel blieb stabil hoch. Mehr als 28.000 Häuser und 2500 Gewerbebetriebe wurden überflutet, viele mussten für eine Woche oder länger vollständig geräumt werden. In Köln waren 72.000 Menschen betroffen. Auch die Schäden für die Landwirtschaft waren beträchtlich: 74.000 Hektar Felder standen tagelang unter Wasser. Fruchtbare Äcker wurden vernichtet, weil der Mutterboden fortgeschwemmt, Kies und Sand aber abgelagert wurde. Immerhin: Die Zahl der Todesopfer blieb gering – und nicht immer ließ sich unterscheiden, ob tatsächlich die Wassermassen für den einen oder anderen Sterbefall wirklich ursächlich waren. In Köln etwa fiel ein stark alkoholisierter Kneipenbesucher auf dem Heimweg in knietiefes Wasser und ertrank. Wirklich viele derartige Beispiele aber gab es dank guter Vorbereitung am Rhein nicht; das extreme Hochwasser überraschte auch niemanden. Direkt nach dem Abklingen der Flut ab dem 3. Januar 1926 wurde in der Presse intensiv diskutiert, durch welche Maßnahmen eine Wiederholung verhindert werden könnte. Fachleute wunderten sich über die oft genug zusammengereimten Empfehlungen. So wurden mehr Talsperren gefordert – dabei war schon damals bekannt, dass solche Staumauern an geeigneten Stellen hauptsächlich dazu nützten, Wasser für Landwirtschaft und Industrie nutzbar zu machen sowie Wasserwege schiffbar zu machen. „Nur in vereinzelten Fällen dienen sie neben diesem Hauptzweck auch dem Schutz benachbarter Ortschaften gegen Hochfluten“, bemerkte der Stadtoberingenieur May vom Städtischen Tiefbauamt II in Düsseldorf in einer Analyse im Fachblatt „ Gesundheits-Ingenieur (verlinkt auf https://archive.org/details/gesundheitsingen4919unse/page/272/mode/2up) “, der Zeitschrift für alle Gebiete der Stadthygiene. Eine andere Kritik lautete, die Kanalisation der Städte an den Flüssen sei mitverantwortlich für das Ausmaß des Hochwassers. Doch einerseits hatte es 1784 eine noch deutlich höhere Flut am Rhein gegeben, mit dem höchsten Pegel von 13,55 Metern – eine Kanalisation aber hatte es seinerzeit nicht gegeben. Andererseits mussten Niederschläge in jedem Fall irgendwie abfließen, und sobald der Boden gesättigt war, blieb nur der Rhein, ob mit oder ohne Abwasserbauten. Ebenfalls erörterte man die Abholzung von Wäldern. Tatsächlich konnten sie große Niederschlagsmengen zeitweise zurückhalten, Laubwald stärker als Nadelwald. Allerdings waren die seit 1900 abgeholzten und nicht wieder aufgeforsteten Flächen im Einzugsgebiet des Rheins und seiner Nebenflüsse im Vergleich zu den weiterhin bestehenden Wäldern verschwindend klein. Ob die nach den deutlich zu warmen Jahren während des Weltkriegs 1914 bis 1918 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article149168932/Kleine-Eiszeit-Der-Klimawandel-hat-Europa-schon-einmal-zerstoert.html) Anfang der 1920er-Jahre wieder deutlich gesunkenen Temperaturen einen wesentlichen Einfluss gehabt hätten, sei nach Ansicht von Oberstadtingenieur May abzuwarten: „Mit der Tatsache dieser klimatischen Umwälzung muss vorläufig gerechnet werden“, schrieb er in seinem Aufsatz, der in der Ausgabe vom 1. Mai 1926 erschien. Als Vorbeugemaßnahme gegenüber ähnlichen Hochwassern werde „nichts anderes bleiben, als den Rhein und seine Nebenflüsse noch mehr zu regulieren und die Ufer zu befestigen, damit Wasser besser und schneller abgeht“. Weitere Eindeichungen und Schutzmauern sowie der Ausbau vorhandener Deiche ließen sich am schnellsten und billigsten verwirklichen, zumal damit vor Hochwasser geschützte, also künftig nicht mehr überflutete Areale gewonnen würden. Interessanterweise war das, nach dem 1926 besten Stand der Wissenschaft, genau das Gegenteil heutiger Empfehlungen. Ein Jahrhundert nach dem Neujahrshochwasser am Rhein 1926 sind sich Wasserbau-Ingenieure nämlich sicher, dass die Renaturierung möglichst großer Überflutungsflächen der beste Schutz vor Überschwemmungen von Siedlungs- und Nutzflächen sei. So können sich Prioritäten verändern. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Hauptthemen zählen neben NS-Regime und DDR auch die Weimarer Republik und die Bundesrepublik. Das Weihnachtshochwasser 1993 (Maximalpegel: 10,63 Meter) erlebte er in Köln.