Welt 11.02.2026
07:17 Uhr

Fünf Minuten in Moskau – so tauchten die beiden Top-Verräter wieder auf


Die Einladung klang mysteriös: Am 11. Februar 1956 sollten zwei britische Korrespondenten kurzfristig in ein Hotel der sowjetischen Hauptstadt kommen. Dort trafen sie die beiden meistgesuchten Ex-Diplomaten der Welt.

Fünf Minuten in Moskau – so tauchten die beiden Top-Verräter wieder auf

Selbst das Geständnis war eine Lüge. Genauer: So gut wie kein Wort stimmte an dem, was die beiden ehemaligen englischen Diplomaten Guy Burgess (verlinkt auf https://www.wired-gov.net/wg/news.nsf/print/File+release+Cold+War+Cambridge+spies+Burgess+and+Maclean+26102015101500) und Donald Maclean (verlinkt auf https://www.bbc.co.uk/history/historic_figures/spies_cambridge.shtml) am 11. Februar 1956 in einem Moskauer Hotelzimmer von sich gaben. Sie seien fünf Jahre zuvor in die Sowjetunion gegangen, um für ein besseres Verständnis zwischen Ost und West zu arbeiten, teilten sie beispielsweise mit. Denn durch ihre Insiderkenntnisse seien sie davon überzeugt gewesen, dass weder die britische noch die amerikanische Regierung sich ernstlich für eine friedliche Kooperation mit der Sowjetunion interessierten. An diesem Samstagabend waren zwei britische Korrespondenten in Moskau, Richard Hughes von der „Sunday Times“ und Sidney Weiland von der Nachrichtenagentur Reuters, durch einen Anruf der sowjetischen Agentur Tass kurzfristig ins Zimmer 101 des Hotels National gebeten worden. Eine Erläuterung, was sie dort vorfinden würden, gab es nicht. Außer ihnen waren noch je ein Vertreter von Tass und des KPdSU-Organs „Prawda“ anwesend. Der Termin dauerte gerade einmal fünf Minuten. Hughes und Weiland standen zwei mit schweren russischen Mänteln und Filzhüten bekleideten Männer gegenüber, die sie zuerst nicht erkannten. „Die sahen nicht mehr aus wie britische Diplomaten, sondern wie Russen“, fand Weiland. Auf Hughes machten beide einen gesunden und entspannten Eindruck. Dabei wurde seit 1951 auf der ganzen Welt nach ihnen gesucht. Die beiden wieder aufgetauchten Engländer überreichten den Journalisten eine dreiseitige Erklärung, die kurz darauf auch auf Radio Moskau verlesen wurde. Weil westliche Botschaften den sowjetischen Rundfunk routinemäßig mithörten, kam die Nachricht unabhängig von Hughes und Weiland in London und Washington an. Beim Treffen im Hotel ging es also einzig darum, die Journalisten stellvertretend davon zu überzeugen, dass Burgess und Maclean sich aus freien Stücken so äußerten. In der Erklärung bestritten beide energisch, sich bereits vor ihrem Abtauchen als sowjetische Agenten betätigt zu haben. Allerdings räumten sie ein, „schon immer“ mit der sowjetischen Politik sympathisiert zu haben. Sie seien nach Moskau gegangen, da allein dort gewisse Möglichkeiten zu bestehen schienen, „die Überzeugungen, die wir immer gehabt haben, in irgendeiner Form in die Wirklichkeit umzusetzen“. In der Erklärung hieß es weiter: „Als Ergebnis des Aufenthaltes in der Sowjetunion sind wir überzeugt, dass wir mit dem, was wir taten, recht gehandelt haben.“ Doch daran stimmte, wie sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zeigte, so gut wie nichts. Tatsächlich nämlich hatte der Kunsthistoriker Anthony Blunt in den 1930er-Jahren an der britischen Universität Cambridge (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article666818/Erfolgreiche-Doppelagenten-Die-Cambridge-Five.html) die etwas jüngeren Burgess und Maclean angeworben – er war nach einer Reise in die Sowjetunion 1933 als Talentsucher für die stalinistische Geheimpolizei NKWD tätig geworden. Neben den beiden Studenten ließen sich von dem hochintelligenten, gesitteten und – damals offiziell verpönt und sogar strafbar – homosexuellen Nachwuchs-Dozenten mit dem Decknamen „Tony“ weitere junge Männer für den Stalinismus gewinnen, darunter Kim Philby und John Cairncross sowie der amerikanische Gaststudent Michael Straight. Während Cairncross 1951 vom britischen Inlandsnachrichtendienst MI5 umgedreht und zum Doppelagenten gemacht wurde, konnte Philby 1963 in der Sowjetunion abtauchen, während Straight seine Verstrickung angesichts einer drohenden Überprüfung selbst gestand. Wenn sich Geheimnisträger als Verräter entpuppen, ist die wichtigste Frage immer: Wie groß ist der Schaden? Das hängt ab von den Aufgaben, die ein gegnerischer Agent hatte – und von seinem Geschick, mehr herauszufinden. Maclean war 1935 in den diplomatischen Dienst eingetreten; da sein gleichnamiger Vater als zeitweiliger Oppositionsführer im Unterhaus und Kopf der liberalen Partei hoch angesehen war, genoss der Sohn einen (unberechtigten) Vertrauensvorschuss. Zudem perfektionierte er einen perfiden Trick: Immer wieder sprang er für erkrankte, erschöpfte oder privat verhinderte Diplomaten ein: „Keine Aufgabe war ihm zu schwer, keine Stunde zu lang“, erinnerte sich Jahrzehnte später sein zeitweiliger Bürokollege R obert Cecil (verlinkt auf https://www.independent.co.uk/news/people/obituary-robert-cecil-1426496.html) : „So gelang es ihm, sich Zugang zu geheimen Bereichen zu verschaffen, die für den NKWD von größtem Interesse waren.“ Zwei Informationen hätten den MI5 jedoch aufschrecken lassen müssen: Erstens entwickelte sich Maclean zum schweren Alkoholiker, was immer als großes Sicherheitsrisiko galt. Zweitens lieferte der wegen des Großen Terrors aus der UdSSR geflohene GRU-General Walter Germanowitsch Kriwitzki (verlinkt auf https://www.hgwst.de/die-memoiren-von-walter-g-krivitsky/) 1940 Hinweise auf den Verrat eines britischen Diplomaten. Doch bevor Details ans Licht kamen, starb der Überläufer im Bett seines Hotels in Washington – an einer Kugel im Kopf. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Mordanschlag des NKWD. Trotz der Hinweise arbeitete Maclean von 1944 bis 1948 an der britischen Botschaft in Washington und stieg dort zum Ersten Sekretär auf – eine extrem relevante Position. Zuletzt fungierte er zudem als Sekretär der anglo-amerikanischen Atomkommission. Dann wurde er wegen seines Alkoholproblems nach Kairo versetzt, in eine immer noch wichtige Position, und schließlich zurück nach London; hier leitete er die Amerika-Abteilung im Foreign Office. Erst nachdem er 1950 das hochgeheime Protokoll eines Gipfels von US-Präsident Harry S. Truman und dem britischen Premier Clement Attlee weitergegeben hatte, kam der MI5 ihm auf die Schliche. Burgess hatte zunächst einen anderen Weg eingeschlagen: Von 1936 bis 1944 arbeitete er für die BBC, parallel damit ab 1939 zwei Jahre lang für den MI5. Erst 1944 wechselte er ins Foreign Office, passenderweise zur Abteilung Intelligence. 1950 ging er als zweiter Sekretär an die britische Botschaft in Washington D.C. – nach dem Abzug von Maclean hatten die Sowjets nun wieder einen hochrangigen Spion dort. Burgess sollte die britischen und US-Nachrichtendienste im beginnenden Kalten Krieg koordinieren, doch wegen „wiederholten Fehlverhaltens“ wurde er bald zurückbeordert. Am 25. Mai 1951, einem Freitag, fuhr Maclean wie üblich nach Hause, wo kurz darauf Burgess auftauchte. Später am Abend machten sie sich auf den Weg nach Southampton, bestiegen dort eine Fähre nach Frankreich – und verschwanden spurlos. Schon nach wenigen Tagen verursachte dieses Untertauchen und das (angesichts des nun in die Öffentlichkeit lancierten Verdachts) fast sichere Überlaufen der beiden bei der Presse großes Aufsehen. Doch Burgess und Maclean blieben verschollen. Und nicht nur das: Melinda Maclean verschwand zusammen mit ihren drei Kindern im September 1953 aus der Schweiz, ebenso spurlos. Gegenüber Hughes und Weiland bestätigte Maclean jedoch, dass seine Familie bei ihm in Moskau wohnte. Nach dem kurzen Treffen im Hotelzimmer verabschiedeten sich Burgess und Maclean von den vier Journalisten und verließen das National. Weiland eilte ihnen hinterher und fragte sie auf der Straße, ob sie irgendeine Botschaft an ihre Verwandten in England übermitteln wollten. Burgess sagte, er möge Grüße an seine Mutter senden; er denke immer an sie und hoffe, ihr so bald wie möglich schreiben zu können. Maclean erklärte kurz, er werde sich mit seinen Verwandten in Verbindung setzen. Was bezweckte die sowjetische Führung mit dem inszenierten Wiederauftauchen der beiden Verräter? Parteichef Nikita Chruschtschow hatte nur zwei Wochen zuvor noch heftig bestritten, dass Maclean in Moskau lebe, nachdem er dort von einem britischen Besucher erkannt worden war. „Amtliche Kreise in London sind der Auffassung, dass die Sowjetführer das Thema Burgess–Maclean noch vor ihrem bevorstehenden Englandbesuch aus der Welt schaffen wollten“, berichtete WELT. Anderseits gebe es auch die Meinung, dass der Kreml sich nach dem Misserfolg einer Initiative des Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin gegenüber US-Präsident Dwight D. Eisenhower nun wieder auf Großbritannien konzentrieren könnte. In Washington werde die Aufklärung des Falls als Startschuss Moskaus für eine neue Kampagne verstanden, die einen Keil zwischen Großbritannien und die USA treiben solle. Knapp sieben Jahre nach dem eigenwilligen Termin im Hotel National floh auch Kim Philby, der dritte Mann der Cambridge Five, nach Moskau. Hier begann er ein Verhältnis mit Melinda Maclean, die ihres alkoholsüchtigen Ehemanns längst überdrüssig war. Burgess war schon im August 1963 gestorben; Donald Maclean hielt eine Rede vor der Einäscherung und lobte seinen Mitverräter als „einen begabten und mutigen Mann, der sein Leben dem Ziel einer besseren Welt widmete“. Maclean selbst starb 1983 und Philby 1988, beide in der Sowjetunion. Anthony Blunt, auch Direktor der königlichen Gemäldesammlung, wurde 1964 enttarnt, doch sein Verrat blieb geheim. Erst 1979 wurde seine Arbeit für den NKWD öffentlich, sogar erst zwölf Jahre später die Rolle von Cairncross. Ihre letzten Lebensjahre verbrachten beide als Verfemte, aber in guten finanziellen Verhältnissen; verurteilt wurden sie nie, ebenso wenig wie die anderen der Cambridge Five. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Spionage und die Vergangenheit von Nachrichtendiensten gehören zu seinen Hauptarbeitsfeldern. Mit Bernd von Kostka veröffentlichte er das Buch: „ Hauptstadt der Spione (verlinkt auf https://www.deutsches-spionagemuseum.de/shop/buch-hauptstadt-der-spione) “ über Berlin im Kalten Krieg.