Unzählige mit KI-Instrumenten erstellte „Fotos“ zu historischen Themen fluten die sozialen Netzwerke, insbesondere zum Holocaust (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6970ac52707d4aa20757bb30/ki-faelschungen-zum-holocaust-wie-kuenstliche-bilder-die-geschichte-verzerren.html) . Noch ist es relativ einfach, sie zu identifizieren, denn die rein technische Qualität ist meist sehr hoch, während echte historische Aufnahmen oft mehr oder minder unscharf sind. Doch irgendwann werden die KI-Manipulateure ihren Tools beibringen, derartige Fehler zu vermeiden. Wie gehen Archive mit diesen neuen Gefahren um? Michael Ruprecht ist der Vorsitzende des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare (verlinkt auf https://www.vda.archiv.net/aktuelles.html) (VdA) sowie im Hauptberuf Chef des Stadtarchivs Leipzig (verlinkt auf https://stadtarchiv.leipzig.de/) , das unter anderem 14 laufende Kilometer Akten sowie 350.000 Fotos vorwiegend zur Lokalgeschichte zugänglich macht. WELT: Archive sind so etwas wie Gedächtnisse von Gesellschaft. Kann man sich darauf verlassen, dass alles echt ist, was bisher schon hier verwahrt wird? Michael Ruprecht: Jedes Stück im Magazin hat eine Geschichte, die wir im Normalfall kennen. Bei amtlichen Akten wissen wir: Wer hat das Dokument wann angelegt? Da garantieren wir die Integrität. Bei privaten Stücken rekonstruieren wir die Herkunft, so gut es geht. Aber absolute Sicherheit gibt es nie. Auch früher gab es Fälschungen, Irrtümer, bewusste Täuschung. Archive arbeiten mit Quellenkritik, nicht mit blindem Glauben. Entscheidend sind Kontext, Herkunft, Überlieferung und Nutzungsgeschichte. Ein Dokument ist nicht wahr, weil es alt ist; es ist überprüfbar, weil es eingeordnet ist. Das ist der Unterschied zu sozialen Netzwerken. WELT: Wie sieht die Prüfung aus, wenn ein Archiv nun Fotoalben zur Übernahme angeboten bekommt? Ruprecht: Zuerst klären wir die Provenienz: Wer besitzt das Album, woher stammt es, warum existiert es und warum wird es angeboten? Dann prüfen wir Inhalt, Materialität, Beschriftung und Begleitüberlieferung. Auf dieser Basis schaffen wir eine belastbare Datenlage, die bei einer späteren Nutzung und Auswertung verlässliche Informationen liefert. Das ist dann mitunter detektivische Arbeit: Passen Orte, Personen, Szenen zusammen und lässt sich ein verlässlicher Kontext herstellen? KI-Bilder würden dabei schnell auffallen. Sie haben keine nachprüfbare Geschichte, kein Vorleben und keine Spuren der Nutzung. WELT: Können Sie das konkretisieren? Gegenwärtig ist zum Beispiel nur ein einziges Foto (verlinkt auf https://atlas.lastseen.org/image/leipzig/450) bekannt, das die Deportation Leipziger Juden am 10. Mai 1942 zeigt. Wie würden Sie vorgehen, wenn Ihnen weitere Aufnahmen solcher Deportationen angeboten werden? Erst kürzlich sind ja unbekannte Fotos aus Breslau aufgetaucht. Ruprecht: Ihre Information stimmt, die Überlieferung ist extrem dünn. Das Foto aus dem LastSeen-Projekt (verlinkt auf https://atlas.lastseen.org/) ist bislang das einzige, das sich sicher zuordnen lässt – und selbst das ist nur ein heimlicher Schnappschuss. Sollten plötzlich neue Bilder auftauchen, wären wir zunächst sehr skeptisch. Entscheidend wäre der Abgleich mit dem bekannten Kontext: Ist der Ort identifizierbar? Passen Jahreszeit, Schattenwurf und Wetter? Gibt es Gebäude im Hintergrund, die damals schon so aussahen? Ein einzelnes Bild reicht heute nicht mehr als Beweis. Erst im Zusammenspiel mit anderen Quellen wird daraus ein belastbarer historischer Befund. Deshalb arbeiten Archive langsam: Gewissheit braucht Zeit. WELT: Allgemeiner gefragt – erst Trumps „alternative facts“, jetzt die KI-Herausforderung unseres Vertrauens in Fotos: Erleben wir eine Krise der Authentizität? Ruprecht: Wir stehen an einem echten Wendepunkt. Früher galt der Satz: „Bilder lügen nicht.“ Das ist vorbei. Wir können Authentizität heute nicht mehr blind voraussetzen. Aber Fotos waren nie Beweise an sich. Sie waren immer nur Deutungsangebote. Auch früher konnten Motive manipuliert sein. Neu sind Reichweite und Tempo der Täuschung. Deshalb erleben wir auch eine Krise der Bequemlichkeit. Archive erinnern daran, dass Wahrheit Arbeit macht. Man muss prüfen, vergleichen, zweifeln. WELT: Was können Archive dagegen tun? Ruprecht: Das Bild vom verstaubten Keller, in den man nur mit Benutzerausweis darf, ist längst überholt. Wir gehen heute aktiv dorthin, wo die Menschen sind: ins Netz. Bauen virtuelle Lesesäle auf, in denen man bequem von zu Hause aus recherchieren kann. Das senkt die Hemmschwelle massiv. Dazu trägt auch der von unserem Verband initiierte bundesweite Tag der Archive (verlinkt auf https://www.vda.archiv.net/tag-der-archive/startseite.html) bei, an dem alle zwei Jahre hunderte Einrichtungen ihre Türen öffnen und Archivarbeit erlebbar machen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Archivpädagogik: Wir verstehen historische Bildungsarbeit als Kernaufgabe. WELT: Was möchten Sie dem Publikum nahebringen? Ruprecht: Gerade junge Menschen müssen selbst in der Lage sein, Quellen kritisch zu prüfen. Archive sind keine Tresore, sondern Werkstätten. Sie sind Speicher des Wissens, die befragt werden wollen. Wer versteht, was Authentizität ausmacht, ist weniger anfällig für Fälschungen. Das ist unser Beitrag zum Schutz einer glaubwürdigen Erinnerungskultur. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Mit historischen Originalakten arbeitete er das erste Mal als Gymnasiast für ein Schulprojekt. Seit den 1990er-Jahren forscht er in zahlreichen Archiven in Deutschland, aber auch Österreich, der Schweiz und den USA.