Aus Sicht des Hamburger Polizeiforschers Rafael Behr ist bei der Bewertung der Ereignisse der Kölner Silvesternacht vor zehn Jahren ein Blick auf die Nationalitäten der Straftäter nicht ausreichend. Die Herkunft aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum sei aus kriminologischer Sicht allein „kein kriminogener Faktor“, sagte der ehemalige Professor für Polizeiwissenschaften am Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei Hamburg am Mittwoch im WDR5-„Morgenecho“. „Ich würde es zusammenfassen in einer radikal entwurzelten Männlichkeit, die uns da gegenüberstand.“ Begriffe wie nordafrikanischen Intensivtäter, „Nafris“, oder andere kollektive Zuschreibungen verengten den Blick, mahnte Behr. Es stehe ein stärkerer Erklärungsansatz dahinter, „wenn wir Männlichkeit als Motiv annehmen und nicht die Nationalität“. Die Migranten und Flüchtlinge hätten existenzielle Ängste ausgestanden und seien dann in eine Gesellschaft überführt worden, „in der sie nichts machen dürfen, noch nicht mal die Aussicht haben, hier bleiben zu dürfen“. Analysen von der Polizei und von Gewaltforschern deuteten darauf hin, dass in jener Nacht im und um den Hauptbahnhof etwas kompensiert wurde, das sich „explosionsartig entladen hat und eben nicht strategisch und geplant und als Kampf gegen den Staat oder die Polizei“. Lernprozess nach gescheiterter Einsatzstrategie Aus Sicht des Polizeiforschers spielt die Kölner Silvesternacht 2015/16 für das Bewusstsein der deutschen Polizei keine einzigartige Rolle. Doch habe die Polizei auch aus diesem Großereignis gelernt. Der Vorwurf an die Kölner Einsatzleitung, in jener Nacht nicht schnell genug reagiert und nicht alle Reserven aus NRW hinzugezogen zu haben, habe die Polizei sehr stark bewegt und erschüttert, sagte Behr und spricht von einem Lernprozess. 2017 habe es umfassende Untersuchungen gegeben, auch innerhalb der Polizei, unterstrich Behr. Stabsstellen hätten den gesamten Komplex unter Beteiligung wissenschaftlicher Expertise durchleuchtet. Gewaltforscher, Kulturmittler und auch Betroffene selbst seien befragt worden. Viele Stereotype und Vorurteile hätten über Bord geworfen werden können. „Und ich bin sehr dankbar dafür, dass endlich die Polizei hier einen Schritt in die Reflexivität gemacht hat und in das, was man dann Fehlerkultur nennt.“