Welt 23.01.2026
13:27 Uhr

„Es ist schön, der Welt zeigen zu können, dass wir eine Zukunft haben“


Am 21. Januar 1976 hoben zwei Überschalljets in London und Paris zu den ersten kommerziellen Flügen mit Mach 2 ab. Kostendeckend, das war vorher klar, würden sie niemals sein. Rückblick auf eine unvernünftige und dennoch faszinierende Innovation.

„Es ist schön, der Welt zeigen zu können, dass wir eine Zukunft haben“

Häme statt Anerkennung, Schadenfreude statt Lob: Der Start der zivilen Luftfahrt ins Überschallzeitalter ging gründlich schief. Jedenfalls, wenn man die Kommentare großer Zeitungen zum Maßstab macht. Die Londoner „Times“ etwa ätzte nach dem Beginn des Linienflugverkehrs der britischen-französischen Entwicklung am 21. Januar 1976: „Anstatt mehr Passagiere schneller zu geringeren Kosten zu befördern, befördert die Concorde weniger Menschen schneller zu höheren Kosten.“ Die zusätzlichen Ausgaben für den Überschallflug stünden im Missverhältnis zum Ertrag. Es werde nie eine größere Umstellung des Luftverkehrs von Unterschall auf Überschall geben, wenn nicht „eine völlig neue Technologie entdeckt wird, und das erscheint gegenwärtig höchst unwahrscheinlich“. Auch WELT entschied sich für eine negativ gestimmte Nachricht: „Concorde-Premiere mit Pannen“ lautete die Überschrift der Meldung auf der Titelseite. Beim gleichzeitigen ersten regulären Flug einer Air-France-Concorde von Paris nach Rio de Janeiro und von London aus nach Bahrein kam es zu kleineren Abweichungen vom Plan: Auf dem Hinflug nach Brasilien gab es eine kleinere, auf dem Rückflug größere Verspätung. Der Grund: Erst öffnete sich eine Klappe nicht weit genug, um auf Überschallgeschwindigkeit zu beschleunigen, was erst im erneuten Anlauf gelang; bei der Heimkehr misslang das schnelle Auftanken bei der Zwischenlandung in Dakar. Die Concorde der British Airways (verlinkt auf https://www.britishairways.com/zh-cn/information/about-ba/history-and-heritage/celebrating-concorde) hatte zwar keine solchen Probleme. Doch der Geschwindigkeitsanzeiger in der schmalen Passagierkabine blieb bei Mach 0,72 (also 874 Kilometern pro Stunde) stehen, auch als der Jet Mach 2 erreichte. Am Mittwoch, dem 21. Januar 1976, hatte die britische Concorde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article186230204/Concordski-Die-Tu-144-geriet-zum-Rohrkrepierer-der-UdSSR.html) mit hundert Passagieren um 11.42 Uhr Ortszeit in Heathrow abgehoben. Die Queen war zu Hause geblieben und hörte nur die donnernden Startgeräusche, als die Maschine über Windsor Castle hinwegrauschte. Die Krone vertrat der Herzog von Kent, Wirtschaftsminister Eric Varley die Regierung; sein Statement fiel dem Vergessen anheim. Anders die Worte der konservativen Oppositionsführerin Margaret Thatcher (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255326346/Margaret-Thatcher-Als-die-Hausfrau-auf-dem-rechten-Fluegel-der-Tories-triumphierte.html) : „Es ist schön, der Welt zeigen zu können, dass wir eine Zukunft haben und nicht nur eine Vergangenheit.“ An Bord waren 35 Ehrengäste, 35 eingeladene Journalisten und 30 zahlende Passagiere, die sich das Erste-Klasse-Ticket auf der 5150 Kilometer langen Strecke pro Richtung umgerechnet 3600 Mark kosten ließen, also knapp zwei damalige Durchschnittsmonatsgehälter in der Bundesrepublik oder rund 9400 Euro in heutiger Kaufkraft. British Airways hatte den „idealen Concorde-Passagier“ in der Werbung vor dem Start des Linienverkehrs so charakterisiert: „Er ist zwischen 55 und 65 Jahre alt, hat viel Geld und wenig Zeit.“ Zwei Minuten vor dem Start in London, aber wegen verschiedener Zeitzonen formal um 12.40 Uhr Ortszeit war die Air-France-Concorde Richtung Südamerika abgehoben. Bis auf einige eingeladene Politiker hatten die Passagiere an Bord für das Vergnügen, an diesem Flug nach Rio teilzunehmen, umgerechnet 7900 Mark bezahlt – die Strecke war mit 10.000 Kilometern deutlich länger, aber doch nicht ganz doppelt so weit. Die älteste Passagierin an Bord, eine 82-Jährige aus Toulouse, hatte ihr Ticket schon 1967 reserviert. In Bahrein landete die erste Concorde nach drei Stunden und 40 Minuten Flugzeit um 18.20 Uhr Ortszeit, sogar etwas verfrüht. In Rio dagegen konnte die Ankunft nach dem Zwischenstop in Dakar (13.25 bis 14.45 Uhr) erst mit etwa 25 Minuten Verspätung um 16.05 Uhr Ortszeit gefeiert werden. Die ersten beiden Verbindungen wurden je zweimal pro Woche bedient; als drittes Ziel konnte im Mai 1976 mit Washington D. C. der erste Flughafen in den USA angeflogen werden. Im ersten vollen Betriebsjahr des Überschalljets waren die Tickets zu 90 Prozent verkauft – auch wenn Air France (verlinkt auf https://aeroreport.de/de/aviation/unterwegs-in-der-concorde-dem-schnellsten-passagierjet) und British Airways beide nur mit 65 Prozent Auslastung rechneten. Kostendeckend wären jedoch auch 100 Prozent Auslastung nicht gewesen. Doch die Air France als staatliche Fluglinie bekam Defizite aus dem Staatshaushalt ersetzt; die im Prinzip als privates Unternehmen betriebene British Airways hatte sich vorab mit der Regierung in London geeinigt: Einnahmen sowie Ausgaben der Concorde wurden separat ausgewiesen und Fehlbeträge mit Steuermitteln ausgeglichen. Am 20. November 1977 begann der Betrieb auf den beiden wichtigsten Routen von Paris und London nach New York. Nun waren öfter zwei Concordes gleichzeitig am Terminal des John F. Kennedy International Airport zu sehen. Nach dem Absturz einer Air-France-Concorde beim Start in Paris am 25. Juli 2000 wurde der Betrieb nach mehr als 24 problemlosen Jahren unterbrochen. Zwar nahm der Überschalljet den Dienstbetrieb noch einmal kurz auf, doch 2003 war endgültig Schluss. Die 14 für Passagierflüge eingesetzten Maschinen (insgesamt 20 waren gebaut worden) absolvierten rund 50.000 Flüge mit mehr als 2,5 Millionen Gästen und einer Gesamtauslastung von etwa 55 Prozent. Zum Vergleich: Die sowjetische Kopie der Concorde, die Tupolew Tu-144, kam auf insgesamt 55 Linienflüge mit Passagieren, auf denen gerade einmal 3284 Gäste Mach 2 erreichten. Gebaut worden waren 15 Maschinen. Das vielleicht exklusivste Vergnügen, das man in der Zivilluftfahrt für Geld kaufen konnte, waren Charterflüge mit der Concorde. In den späten 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren gab es für Superreiche und Konzerne kaum eine Renommee-trächtigere Möglichkeit, eine private Flugreise zu organisieren – zu allerdings irren Kosten. Geradezu erschwinglich waren hingegen kurze Hochgeschwindigkeitsflüge über dem Meer, die manchmal nur 100 Minuten dauerten (und dann allerdings auch nicht Mach 2 erreichten). Auch Staatsoberhäupter gönnten sich das Vergnügen. Zu den prominentesten Passagieren gehört die Queen, die mindestens dreimal eine gecharterte Concorde benutzte. Frankreichs Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing und François Mitterrand absolvierten regelmäßig offizielle Reisen mit dem schnellsten Zivilflugzeug der Welt, ebenso Jacques Chirac. Eine Liste (verlinkt auf http://www.lesvolsdeconcorde.com/Concorde) führt 234 Flüge der französischen Regierung mit der Concorde auf. Selbst ein Papst flog einmal Überschall: Anfang Mai 1989 nahm Johannes Paul II. auf seiner fünften Afrika-Reise von Réunion nach Sambia den schnittigen Jet. Besonders beeindruckt war der Stellvertreter Christi allerdings offenbar nicht. Denn während die Maschine mit 2200 Kilometern pro Stunde über den Indischen Ozean donnerte, las er in einem Buch über das Verhalten von Tieren. „Er zeigte gelinde Neugier“, teilte sein Sprecher anschließend mit. Immerhin: Beim Kabinensteward erkundigte sich Johannes Paul nach Flughöhe und Geschwindigkeit.