Welt 09.02.2026
07:17 Uhr

Er war trotz Kopfschüssen „nicht totzukriegen“ und „mochte den Weltkrieg“


Einer der härtesten Krieger aller Zeiten: Adrian Carton de Wiart überlebte zwei Weltkriege sowie weitere Einsätze, trotz diverser Verwundungen sowie zweier Flugzeugabstürze. Der Militärdienst war für ihn Passion, denn er hatte „den Drang zu kämpfen“.

Er war trotz Kopfschüssen „nicht totzukriegen“ und „mochte den Weltkrieg“

Der Erste Weltkrieg ließ etliche seiner Teilnehmer schwer traumatisiert zurück. Die grauenhaften Erlebnisse in den von Schützengräben durchzogenen und von Bombenkratern übersäten Schlachtfeldern hinterließen nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schäden. Vielfach litten Betroffene unter einem posttraumatischen Stresssyndrom, das sich etwa in Panikattacken und unkontrollierbarem Zittern äußerte – Patienten wurden daher als „Kriegszitterer“ bezeichnet. Ungewöhnlich ist deshalb die Aussage des britischen Offiziers Adrian Carton de Wiart, der in seinen Memoiren bezüglich des Ersten Weltkriegs (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/erster-weltkrieg/) lapidar resümierte: „Frankly, I had enjoyed the war“ (auf Deutsch: „Offen gesagt, hat mir der Krieg gefallen“). Eine Aussage, die umso mehr überrascht, wenn man in Betracht zieht, welche Verwundungen Carton de Wiart während jenes Krieges davongetragen hatte. So büßte er nach Kämpfen in Britisch-Somaliland ein Auge und einen Teil eines Ohrs ein und wurde nach seiner Versetzung an die Westfront bei Ypern sieben weitere Male schwer verletzt, unter anderem erneut in den Kopf getroffen. Und der Erste Weltkrieg war mitnichten der einzige militärische Konflikt, in dem Carton de Wiart drastische Blessuren erlitt. Nie hielt ihn dies jedoch davon ab, so schnell wie möglich an die Front zurückzukehren. Dass dieser Mann hart im Nehmen war, ist eine Untertreibung; und dass ihn unter anderem die BBC zum „Unkillable Soldier“ (nicht totzukriegenden Soldaten) erklärte, keine Übertreibung. Doch der Reihe nach. Adrian Carton de Wiart wurde 1880 in Brüssel als Sohn eines adligen Juristen geboren. Als er sich 1899 zum Studium in Oxford befand, brach der Zweite Burenkrieg aus, in dem Großbritannien im Süden Afrikas bis 1902 gegen die Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal kämpfte. Carton de Wiart setzte sich zu dieser Zeit in den Kopf, der britischen Armee beizutreten, obwohl dies unmöglich war: Erstens war er zu jung, und zweitens kein Brite. Kurzerhand machte er sich bei der Musterung fünf Jahre älter und gab einen falschen Namen an. Bei den Kämpfen erlitt Carton de Wiart einen Bauchschuss und musste in England behandelt werden. Danach kehrte er nach Südafrika zurück und wurde zeitweise nach Indien versetzt. Nachdem er bereits acht Jahre in der britischen Armee gedient hatte, nahm er 1907 die britische Staatsbürgerschaft an. Carton de Wiart legte großen Wert auf Fitness und trieb daher viel Sport, privat galt er als sehr umgänglich: Militärkameraden attestierten ihm zudem, ein „herrlicher Charakter“ zu sein, der „wohl den Weltrekord im Gebrauch von Kraftausdrücken halten müsse“. Er verkehrte in den gehobenen, einflussreichen Kreisen Europas, reiste viel, heiratete 1908 eine österreichische Gräfin und bekam mit ihr zwei Töchter. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Carton de Wiart, inzwischen zum Captain befördert, zunächst in das britische Protektorat Somaliland in Afrika beordert, um dort ausgebrochene Aufstände niederzuschlagen. Dabei wurde er zweimal im Gesicht getroffen, wobei er einen Teil eines Ohrs sowie ein Auge verlor. Dennoch nahm er das siegreiche Ende der Kampfhandlungen mit Bedauern zur Kenntnis, denn er habe nun mal „den Drang zu kämpfen“. Gelegenheit sollte er dazu genug haben: Zurück in Europa kommandierte er ab 1915 an der Westfront insgesamt drei Infanterie-Bataillone und eine Brigade; von seinen Truppen verlangte Carton de Wiart höchsten Einsatz. Dabei wurde er nacheinander sieben Male verwundet: Er verlor seine linke Hand, wurde bei der Schlacht an der Somme in den Kopf und Knöchel getroffen, erhielt danach einen Schuss in die Hüfte, ins Bein und ins Ohr. Die Schwestern eines Lazaretts, in das Carton de Wiart immer wieder zurückkehrte, behandelten ihn standesgemäß als „Stammgast“ und hielten stets seine persönliche Bettwäsche mitsamt Pyjamas bereit. 1916 erhielt er das Victoria Cross, die höchste Kriegsauszeichnung, welche die Streitkräfte des British Empire zu vergeben hatten. Bis zum Ende seiner Laufbahn erhielt er knapp zwei Dutzend weitere militärische Auszeichnungen. Ab 1920 fungierte er als Flügeladjudant des britischen Königs und wurde zum Colonel befördert, Ende 1923 schied er vorerst aus der Armee aus. Doch nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er reaktiviert und war unter anderem in Norwegen und auf dem Balkan im Einsatz. Auf dem Weg nach Kairo stürzte sein Flugzeug 1941 nach einem Motorschaden ins Meer, der inzwischen 61-jährige Carton de Wiart und seine Crew schwammen mehr als einen Kilometer an Land und wurden von den Italienern gefangengenommen. Bereits in der Zwischenkriegszeit hatte Carton de Wiart einen Flugzeugabsturz überlebt. In Gefangenschaft in Italien unternahm er diverse Ausbruchsversuche, unter anderem beteiligte er sich am Bau eines Fluchttunnels, kurzzeitig entkam er und konnte tagelang untertauchen, bis er wieder gefangen und 1943 schließlich freigelassen wurde. Carton de Wiart kehrte nach London zurück, von wo er wenig später von Premierminister Winston Churchill (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244263323/Politik-und-Alkohol-Im-Rausch-soll-Nixon-einen-Atomschlag-angeordnet-haben.html) als dessen persönlicher Repräsentant nach China geschickt wurde. Im selben Jahr nahm er mit Churchill an der Kairo-Konferenz (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article145964993/Pazifikkrieg-China-entsorgt-das-Gros-seiner-Weltkriegsveteranen.html) teil. Bis Kriegsende blieb Carton de Wiart in Asien, 1947 ging er im Rang eines Lieutenant General und von der Krone in den Ritterstand erhoben in den Ruhestand. Selbst als Pensionär bewies er, dass er immer noch in der Lage war, schwere Blessuren zu überstehen: Bei einem Treppensturz brach er sich mehrere Wirbel, kam aber nach einem Krankenhausaufenthalt wieder auf die Beine. Im Alter von 83 Jahren verstarb er schließlich 1963 in Irland. Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.