Welt 22.12.2025
06:34 Uhr

„Empirisch keine Notwendigkeit zur Wehrpflicht“ – die überraschende Studie


Mehr Freiwillige als vermutet wollen Wehrdienst leisten. Das belegt eine Studie der Rechtsfakultät Hamburg. Die Grüne Katharina Fegebank treibt ihre Idee vom verpflichtenden Gesellschaftsjahr für Männer und Frauen voran – auch in ihrer Partei.

„Empirisch keine Notwendigkeit zur Wehrpflicht“ – die überraschende Studie

Ab dem 1. Januar 2026 werden alle jungen Frauen und Männer mit Erreichen des 18. Lebensjahres angeschrieben und aufgefordert, einen digitalen Fragebogen auszufüllen. Männer müssen ihn ausfüllen, für Frauen ist das freiwillig – ein anderes Vorgehen lässt das Grundgesetz nicht zu. Abgefragt werden etwa die persönliche Fitness, persönliche Interessen und die Bereitschaft, Wehrdienst in der Bundeswehr zu leisten. So sieht es das neue „Wehrdienst-Modernisierungsgesetz“ vor. Insgesamt sollen so zunächst rund 700.000 junge Menschen erreicht werden. Ob die Bundeswehr in den kommenden Jahren auf diese Weise die benötigen Zuwächse verzeichnen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus69282d6d7346a3390b20a19c/bundeswehr-der-zaehe-kampf-gegen-die-zeit-in-deutschlands-ruestungsplaenen.html) kann, ist allerdings unklar. Eine aktuelle Studie der Rechtsfakultät Hamburg kommt dabei zu Ergebnissen, die die Diskussion weiterbringen dürfte – legt sie doch nahe, dass das Aufwachsen der Truppe auch ohne Wehrpflicht möglich ist (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article68ce242a6199625f8c0f728b/bundeswehr-gestiegenes-interesse-am-wehrdienst-wir-haben-einen-deutlichen-sprung-nach-vorn-gemacht.html) . Im Rahmen der Studie „Menschen in Deutschland: International“ (MiDInt) wurden im Juli dieses Jahres 2279 Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren zu Wehrpflicht und Verteidigungsbereitschaft befragt. Die Teilnehmer konnten angeben, ob sie Interesse an einer freiwilligen, sechsmonatigen militärischen Grundausbildung hätten und ob sie bereit wären, Deutschland im Kriegsfall mit der Waffe zu verteidigen. Knapp 30 Prozent der Befragten lehnen jede Form einer Wehrpflicht ab. Unter den vorgeschlagenen Modellen findet mit 42 Prozent jenes die größte Zustimmung, das für Männer und Frauen gleichermaßen einen einjährigen Dienst vorsieht, bei dem frei gewählt werden kann, ob dieser innerhalb der Bundeswehr oder in sozialen Einrichtungen geleistet wird. 18 Prozent aller Befragten mit deutscher Staatsbürgerschaft bekunden Interesse an einem freiwilligen sechsmonatigen Grundwehrdienst. Bei den 18- bis 29-Jährigen ist der Anteil mit 19 Prozent sogar noch etwas höher. Insgesamt wären knapp 39 Prozent aller Befragten bereit, Deutschland aktiv mit der Waffe zu verteidigen. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es etwa 30 Prozent. 14 Prozent der Männer dieser Generation, die noch keinen Wehrdienst geleistet haben, äußern dabei sowohl eine Verteidigungsbereitschaft als auch Interesse an einer sechsmonatigen militärischen Grundausbildung. Bei jungen Frauen sind dies sechs Prozent. Die Studie liefere wichtige Erkenntnisse, die bei der Debatte um eine neue Wehrpflicht hilfreich seien, sagt Peter Wetzels, Professor für Kriminologie an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg und Leiter der Studie. So käme man selbst bei einer sehr vorsichtigen, konservativen Berechnung auf Grundlage der durchgeführten Studie zu einer ausreichenden Anzahl an Männern und Frauen, die für einen Dienst auf Basis eines freiwilligen Modells gewonnen werden könnten. „Zumindest empirisch besteht daher keine Notwendigkeit zur Wiedereinführung einer Wehrpflicht“, konstatiert Wetzel. Die gegenwärtigen Debatten stehen seiner Ansicht zufolge allerdings in der Gefahr, jüngere Menschen so darzustellen, als wären sie überwiegend nicht bereit, sich für die Gesellschaft einzusetzen. „Wenn in dieser Debatte die Aussage getroffen wird ‚Ich möchte nicht in den Krieg ziehen‘, darf das nicht gleichgesetzt werden mit ‚Ich möchte nicht Dienst für die Gemeinschaft leisten‘.“ Die jüngeren Untersuchungen belegten vielmehr: „Es gibt eine große Bereitschaft zum sozialen Engagement und zur Freiwilligenarbeit bei der deutlichen Mehrheit der jüngeren Generation, und zwar in vielen verschiedenen Varianten. Das sollte man nicht kleinreden.“ Zudem wäre es nicht angemessen, nur junge Männer in den Blick zu nehmen. „Unsere Studie zeigt auch, dass wir eine durchaus relevante Anzahl von jungen Frauen haben, die bereit wären, einen freiwilligen Militärdienst zu leisten.“ Auch politisch wird das richtige Vorgehen in Hamburg diskutiert. „Wir wollen junge Menschen gewinnen, nicht verpflichten“, betont Falko Droßmann (verlinkt auf https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/Politik__Inland_/article68f187662f6e3c54ca984b04/wehrdienst-moeller-und-pistorius-geben-sich-gespraechsbereit.html) , verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Bundestagsabgeordneter aus Hamburg. Der neue Wehrdienst sei „ein Angebot, keine Verpflichtung“. Unlängst hat sich zudem eine prominente Grünen-Politikerin mit einem anderen Vorschlag (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article68d52116a96bd7149d84b5ca/Fegebank-fordert-verpflichtendes-Gesellschaftsjahr-fuer-alle.html) in die Wehrpflicht-Debatte eingeschaltet: Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank spricht sich klar für einen Pflichtbeitrag auch für Frauen aus. Sie fordert ein Gesellschaftsjahr für alle jungen Menschen zwischen 18 und 28 Jahren. Das unterscheidet sich insofern von dem Wehrdienst, den Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69159ba7418baeaaac0ea713/neuer-wehrdienst-grund-zur-angst-gibt-es-nicht-sagt-pistorius.html) vorschlägt, in dem die jungen Menschen aus mehreren Tätigkeiten auswählen können, dies allerdings müssen. „Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle würde nicht nur die Sicherheit für Deutschland deutlich stärken, es würde auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit das demokratische Gemeinschaftsgefühl steigern“, so Fegebank, die zu den prominenten Erstunterzeichnern des Antrags zählte. Allerdings fassten die Grünen auf ihrer jüngsten Bundesdelegiertenkonferenz Ende November 2025 keinen abschließenden Beschluss dazu. Für ein solches Gesellschaftsjahr hatte sich die CDU bereits 2022 auf ihrem Parteitag ausgesprochen und es ins Wahlprogramm aufgenommen. „Es freut mich, dass es nun auch bei den Grünen in Teilen auf Zustimmung trifft“, sagt die Hamburger Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann (CDU) (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article256026964/Hoppermann-als-CDU-Schatzmeisterin-bestaetigt.html) . „Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle ist das gerechte und bessere Modell, weil er jedem überlässt, wo er sich einbringt, ob im militärischen, sozialen oder zivilen Dienst – und auch Frauen einbezieht.“ Der ab dem 1. Januar geltende neue Wehrdienst umfasst auch finanzielle Anreize, etwa in dem die Bundeswehr Ausbildungen finanziert. „Aus Gesichtspunkten der Gleichstellung aber auch der Chancengleichheit macht es daher Sinn, die Frauen einzubeziehen“, fasst Hoppermann ihre Haltung zusammen. Eva Eusterhus (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/eva-eusterhus/) berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) .