Gerade sang der Kinderchor während der Sonntagabend-Messe in der Kirche Santa Maria Assunta in der Kleinstadt Balvano, als um genau 19.34 Uhr das Gebäude heftig erschüttert wurde. Etwa 90 Sekunden dauerte das Erdbeben, dann begann die Kirche einzustürzen; die Turmuhr blieb um 19.37 Uhr stehen. Etwa 150 Gläubige hatten dem Gottesdienst beigewohnt; wohl 77 von ihnen wurden erschlagen, darunter 65 Kinder. „Es war wie der Weltuntergang“, berichtete Pfarrer Don Antonio: „Plötzlich hörten wir ein ohrenbetäubendes Dröhnen, und das Dach über uns brach ein. Schreie hallten aus den Trümmern.“ Der Priester überlebte, weil er gegen eine Wand geschleudert wurde – wer im Kirchenschiff war, als das Dach zusammenbrach, hatte keine Chance. Wie eine Mutter, die ihre beiden Kinder schützend umschlungen hatte. Als ihre Leiche aus den Kirchentrümmern geborgen wurde, hielt sie die toten Kleinen noch in ihren Armen. In Neapel, 120 Kilometer westnordwestlich von Balvano, stürzte ein neunstöckiges Hochhaus ein, in dem 170 Bewohner gemeldet waren; wahrscheinlich 47 von ihnen starben. Aus dem Gefängnis der süditalienischen Großstadt versuchten 2000 Häftlinge zu flüchten; drei Gefangene wurden unter ungeklärten Umständen niedergestochen – sie starben durch Messerstiche, nicht durch stumpfe Gewalt gegen ihre Körper, wie die allermeisten Erdbebenopfer. Mit Tränengas und Warnschüssen in die Luft unterband die Polizei den Massenausbruch. Die betroffenen Regionen, vor allem Avellino, Salerno, Potenza, Kampanien und die Basilikata, waren als erdbebengefährdet bekannt. In zehn bis 20 Kilometern Tiefe unter der Erdoberfläche stoßen hier die kleine Adriatische und die viel größere Euroasische Platte aufeinander. Das Ergebnis ist einerseits der Nord-Süd-Gebirgszug Apennin, andererseits die hohe Erdbebengefahr, wenn sich Spannungen entladen, die bei der Bewegung der beiden Platten gegeneinander entstanden sind. Seit Menschen hier lebten, gab es Erdstöße und Vulkanausbrüche unter anderem des Vesuvs bei Neapel. Das seismologisch stärkste bekannte Beben mit einer Momenten-Magnitude von 7,2 bis 7,4 ereignete es hier am 5. Dezember 1456; die Zahl der Opfer wird auf bis zu 27.000 geschätzt. Ganz so schlimm war der 23. November 1980 nicht: Die Magnitude lag bei 6,9. Doch das entsprach geschätzt immer noch der Energie von 38 Hiroshima-Bomben. 2765 bis 2914 Menschen starben – die Spanne ergibt sich durch leicht unterschiedliche Definition, was etwa den Tod alter Menschen in den Tagen nach dem Erdbeben betrifft. 8500 bis 9000 wurden teilweise schwer verletzt, bis zu 400.000 verloren das Dach über dem Kopf. Im Großraum Neapel, in dem 1,5 Millionen Menschen lebten, stürzten Tausende bei Beginn des Bebens in panischer Furcht auf die Straßen. Viele von ihren vermuteten, der Vesuv könnte ausbrechen. Obwohl kein Magma zu sehen, dafür weniger starke Nachbeben zu spüren waren, verbrachten viele die Nacht in öffentlichen Parks oder auf Sportplätzen. Oft machten sie Feuer, um sich vor der Kälte der Nacht zu schützen. Spenden mit dem Kennwort „Erdbeben Italien“ nahmen in der Bundesrepublik das Diakonische Werk und der Caritasverband entgegen. Hier und auf weiteren Hilfskonten sammelten sich rasch 60 Millionen Mark (nach Kaufkraft umgerechnet heute etwa 100 Millionen Euro) an – die größte Unterstützungssumme nach den USA, wo vor allem Italienischstämmige binnen weniger Tage 70 Millionen Dollar (knapp 200 Millionen Mark) zur Verfügung stellten. Mit den Unterstützungen des italienischen Steuerzahlers sowie verschiedener weiterer Staaten und der damaligen Europäischen Gemeinschaft kam für Nothilfe und Wiederaufbau eine Summe von (umgerechnet auf heutige Kaufkraft) etwa acht Milliarden Euro zusammen. Bis zu drei Viertel dieser Hilfe versickerte allerdings. Denn das Erdbeben vom 23. November 1980 wurde vor allem für das organisierte Verbrechen und korrupte Kommunalpolitiker zum Megageschäft. Die Camorra, die neapolitanische Version der Mafia, fingierte Wiederaufbauprojekte, die es nicht einmal ansatzweise gab, für die aber hohe Summen flossen. Außerdem erpressten ihre Picciotti (sizilianisch für „junge Männer“, im übertragenen Sinne: Handlanger der Mafia) Schutzgelder von Hilfsorganisationen, lokalen Firmen und teilweise sogar Priestern. Bis Anfang 1984 lief dieses Geschäft weitgehend ungehindert, und in dieser Zeit sollen bis zu 800 Menschen in Süditalien, die sich der Camorra entgegenstellten oder für verfeindete Clans arbeiteten, ermordet worden sein. Anders agierten korrupte Politiker: Sie meldeten angebliche Schäden in ihren Ortschaften, die es nie gegeben hatte, und bekamen von der durch die Menge der Anträge überforderten Bürokratie in Rom ohne weitere Prüfungen Geld überwiesen. Nach Angaben der Zeitung „Reppublica“ aus Rom waren tatsächlich „einige Dutzend Gemeinden verwüstet, etwa hundert mehr oder weniger schwer beschädigt“. Doch schon im Mai 1981 wurden 280 Gemeinden als schwer zerstört eingestuft, sechs Monate später noch einmal 312 mehr. Schließlich erhielten 687 Gemeinden Hilfsgelder. Schätzungen gehen davon aus, dass nur etwa ein Viertel der zur Verfügung gestellten Gesamtsumme die eigentlichen Opfer erreichte. Jedenfalls lebten noch ein Jahrzehnt nach dem Beben zehntausende Menschen in den betroffenen Regionen in Wohnwagen oder Behelfsunterkünften, obwohl die Mittel für Wiederauf- oder Neubau ihrer Häuser längst ausgezahlt waren. Gegen einen der mächtigsten Politiker Italiens der späten 1970er- bis frühen 1990er-Jahre, den Christdemokraten Ciriaco De Mita, wurden ab 1987 heftige Vorwürfe laut. Er stammte aus der betroffenen Region; seine Familie besaß Aktien einer lokalen Bank, die umfangreiche Hilfsgelder in Form stark vergünstigter Kredite bereitstellte. Durch die Vervielfachung der Bilanzsumme stieg auch der Wert dieses Anteilspakets. War das nun vorwerfbar oder eine konstruierte Anklage? Jedenfalls überschattete diese Angelegenheit die elf Monate von De Mitas Zeit als Regierungschef Italiens 1988/89. Während diese Vorwürfe nicht aufgeklärt werden konnten, gibt es Indizien auf andere Korruptionstatbestände bei De Mita. So kaufte der Politiker 2010 ein Luxusappartement im Zentrum Roms mit 550 Quadratmetern Wohnfläche, das er bereits lange als Mieter bewohnt hatte – allerdings laut italienischer Zeitungen für lediglich ein Drittel des Marktpreises. Der Eigentümer war ein staatlich kontrollierter Sozialfonds. In Neapel und Umgebung gab es zur selben Zeit immer noch Schäden zu sehen, die das Erdbeben vom 23. November 1980 verursacht hatte. Manche Orte wurden gänzlich aufgegeben und in der Nähe komplett neu errichtet, etwa Apice in der Region Kampanien. Das Geisterdorf um eine teilweise erhaltene normannische Burg ist heute ein Geheimtipp für Touristen. In Balvano hingegen entschieden sich die verbliebenen Einwohner trotz des tragischen Todes vieler Kinder dafür, den Ort wieder aufzubauen. Die zerstörte Kirche und einige Gebäude im Ortskern wurden abgerissen und durch Bauten aus industriell gefertigten Betonplatten ersetzt, andere Ruinen in vereinfachter Form renoviert. Seit 1987 produziert der Süßwarenkonzern Ferrero in einem neuen Werk vier Kilometer östlich von Balvano: Die Subventionen für eine Ansiedlung hier waren sehr reizvoll. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELT Geschichte. Bei einem längeren Aufenthalt in Kampanien im Herbst 2011 sah er noch überraschend viele Schäden des Erdbebens von 1980.