Welt 05.03.2026
14:31 Uhr

„Drecksstaat“ auf dem Schnellhefter – Mitglieder der „Letzte Verteidigungswelle“ vor Gericht


Acht teils minderjährige Mitglieder der „Letzten Verteidigungswelle“ sollen Brandanschläge und Überfälle verübt haben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen versuchten Mord und die Gründung einer Terrorzelle vor.

„Drecksstaat“ auf dem Schnellhefter – Mitglieder der „Letzte Verteidigungswelle“ vor Gericht

Vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts hat am Donnerstag in Hamburg der Prozess gegen acht mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer der rechtsextremen Terrorzelle „Letzte Verteidigungswelle“ begonnen. Die Angeklagten, von denen einige zum Zeitpunkt ihrer Festnahmen erst 14 oder 15 Jahre alt waren, müssen sich unter anderem wegen versuchten Mordes, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Verhandelt wird nach Jugendgerichtsgesetz, was einen teilweisen Ausschluss der Öffentlichkeit möglich machen könnte. Der Prozessauftakt verzögerte sich um rund 30 Minuten, weil die umfangreichen Sicherheitskontrollen am Eingang des Gerichtsgebäudes viel Zeit in Anspruch nahmen. Vor dem Saal demonstrierten Antifa-Gruppen mit Transparenten gegen rechten Terror; auf einem Banner stand: „Den rechten Terror stoppen. Das Problem heißt Rassismus.“ Die Angeklagten verdeckten beim Betreten des Saals ihre Gesichter. Auf dem Schnellhefter eines 19‑Jährigen war das Wort „Drecksstaat“ zu lesen. Laut Anklage verübte und plante die Gruppierung 2024 und 2025 in wechselnder Besetzung politisch motivierte Anschläge auf Geflüchtete und linke Einrichtungen. Dazu zählen ein nächtlicher Brandanschlag im Oktober 2024 auf ein Kulturzentrum im brandenburgischen Altdöbern, in dem auch Menschen wohnten, sowie der Beschuss einer Flüchtlingsunterkunft im thüringischen Schmölln mit Feuerwerkskörpern im Januar 2025. Am Tatort seien nationalsozialistische Symbole hinterlassen worden. Die Bundesanwaltschaft führt außerdem gewalttätige Überfälle auf Männer an, die die Gruppe als „pädophil“ einstufte und unter falschen Vorwänden zu Treffen gelockt haben soll. Die Opfer erlitten laut Behörde erhebliche Verletzungen. Die Bundesanwaltschaft wirft den Beschuldigten vor, die Zelle im April 2024 gegründet zu haben. Ziel sei es gewesen, „durch Gewalttaten vornehmlich gegen Migranten und politische Gegner einen Zusammenbruch des demokratischen Systems“ herbeizuführen. Intern habe man sich als „letzte Instanz zur Verteidigung der ‚Deutschen Nation‘“ verstanden. Sieben der Angeklagten gelten aus Sicht der Ermittler als Mitglieder, einer als Unterstützer. Drei sollen als Rädelsführer agiert haben. Die Anklage wurde in Hamburg erhoben, weil das Oberlandesgericht auch für Staatsschutzdelikte aus Mecklenburg‑Vorpommern zuständig ist. Festnahmen in mehreren Bundesländern Zerschlagen wurde die Gruppierung Ende Mai 2025 bei koordinierten Razzien in Mecklenburg‑Vorpommern, Brandenburg und Hessen. Fünf Beschuldigte wurden damals festgenommen, andere saßen bereits in Untersuchungshaft. Vorherige Durchsuchungen hatte es auch in Sachsen und Thüringen gegeben. Bis auf einen 15‑Jährigen, dessen Haftbefehl später aufgehoben wurde, befinden sich alle Angeklagten weiterhin in U‑Haft. Für den Prozess sind Termine bis Mai angesetzt. Die Festnahme der überwiegend sehr jungen Verdächtigen hatte bundesweit Debatten über eine zunehmende Radikalisierung Jugendlicher ausgelöst. Sicherheitsbehörden warnten anschließend vor neuen Bündnissen zwischen etablierten Neonazistrukturen und gewaltbereiten Minderjährigen, begünstigt durch Vernetzungen in sozialen Medien.