Lindsey Vonn atmete dreimal tief durch und stapfte mit den Skiern siebenmal in den Schnee, bevor sie sich kraftvoll aus dem Starthäuschen katapultierte. Die Amerikanerin hatte sich vor neun Tagen das Kreuzband gerissen, trotzdem ging sie bei der Olympia-Abfahrt in Cortina d‘Ampezzo an den Start. Um jeden Preis wollte sie ihren olympischen Traum (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/olympia/article69861ee800d739e7f405860b/olympia-lindsey-vonn-der-traum-vom-happy-end-koste-es-was-es-wolle.html) verwirklichen. Die 41-Jährige musste es teuer bezahlen. Nach wenigen Kurven verlor Vonn auf der Piste die Kontrolle über ihre Ski. Eine Welle hebelte sie aus, ihr Körper schwang nach rechts, und sie krachte mit dem Oberarm gegen ein Tor. Der Sturz war unvermeidbar. Vonn stürzte 14 Sekunden nach dem Start schwer und schlug auf der brettharten Piste auf. Zunächst auf der Seite, dann mit dem Kopf. Beide Knie schienen am Ende des Aufschlags verdreht zu sein, die Skier zeigten zu den Seiten. Vonn schrie vor Schmerzen. Im Zielraum rief der Stadionsprecher entsetzt: „Terrible Crash“. Danach herrschte auf der Tribünen unter den tausenden Fans Stille. Vonn fuhr mit einer Teilprothese im rechten Knie, das linke Knie – jenes mit dem Kreuzbandriss – war von einer Schiene gestützt. „Sie hat das Risiko oben definitiv schon genommen. Das war die Angst, die ich hatte, dass sie für dieses eine Rennen so versucht, übers Limit drüber zu gehen“, sagte Ex-Profi Felix Neureuther in der ARD. „Wenn du so schwer verletzt warst und auch ohne Kreuzband fährst, musst du auch mental über dich hinauswachsen, dass du eine Chance hast.“ Um 12.14 Uhr wird Vonn mit dem Helikopter von der Piste abtransportiert Das Rennen wurde unterbrochen. Sofort eilten Helfer zur Amerikanerin. Sieben Leute kümmerten sich auf der Piste um Vonn und leisteten Erste Hilfe. Nach wenigen Minuten kreiste ein gelber Hubschrauber über der Piste. Die Helfer verschnürten Vonn in einer Trage, damit sie mit dem Helikopter abtransportiert werden konnte. Um 12:14 Uhr wurde Vonn dann mit dem Helikopter von der Piste gebracht. Als der Hubschrauber über das Stadion im Zielraum flog, gab es von den Zuschauern riesigen und aufmunternden Applaus. Als auf der Leinwand der dramatische Sturz nochmals wiederholt wurde, raunten und stöhnten die Zuschauer, manche schrien. Am Tag vor dem Rennen gab sich der Superstar kämpferisch. „Ich werde morgen am Start stehen und wissen, dass ich stark bin. Ich weiß, dass ich an mich glaube. Ich weiß, dass die Chancen aufgrund meines Alters, meines fehlenden Kreuzbandes und meines Titan-Knies gegen mich stehen – aber ich weiß auch, dass ich trotzdem daran glaube“, schrieb Vonn bei Instagram. „Normalerweise hole ich gerade dann, wenn die Chancen am schlechtesten für mich stehen, das Beste aus mir heraus.“ „Sie weiß, wozu sie fähig ist“, sagt der Fis-Präsident über Vonn Vonn ging bei ihrem letzten olympischen Auftritt offensichtlich zu viel Risiko ein. Die Zuschauer sahen am Sonntag eine andere Vonn als im Training. Am Freitag und Samstag war sie auf Nummer sicher gefahren, kontrolliert. Sie hatte deutlicher weniger Speed drauf und fuhr Kurven und Sprünge verhalten an. Jetzt, als es darauf ankam, als sie sich nicht mehr wegen des Knies zurückhalten musste, fuhr sie auf Angriff. „Das ist tragisch, aber so kann leider Skirennsport sein“, sagte Skiweltverband-Präsident Johan Eliasch: „Es ist sehr traurig. Und gerade auch nach ihrer unglaublichen Leistung, ein solch unglaubliches Comeback zu schaffen.“ Eliasch glaubte nicht, dass Vonns Start mit dem Kreuzbandriss zu risikoreich gewesen sei: „Ich weiß, dass sie ihren Körper kennt. Sie kennt ihre Verletzungen. Sie weiß, wozu sie fähig ist. Sie hätte nichts getan, von dem sie nicht vollkommen überzeugt war, dass sie es schaffen könnte.“ Aicher gewinnt Silber und holt erste deutsche Medaille in Cortina d‘Ampezzo Der dramatische Sturz überschattete die erste Medaille, die Deutschland bei den Winterspielen in Cortina d‘Ampezzo holte. Emma Aicher fuhr mit einem starken Rennen zu Silber. Die 22-Jährige feierte den größten Erfolg ihrer noch jungen Karriere und die erste deutsche Ski-Einzelmedaille bei Olympia seit zwölf Jahren. Aicher verpasste die Goldmedaille, die an die Amerikanerin Breezy Johnson ging, um die Winzigkeit von nur 0,04 Sekunden. Bronze sicherte sich die Italienerin Sofia Goggia. „Das ist sensationell. Emma ist einfach ein Wettkampftyp, der auf den Punkt die Leistung bringt“, sagte DSV-Sportdirektor Alpin, Andreas Ertl. Die Silbermedaille könnte nur der Auftakt für noch erfolgreichere Spiel für Aicher sein. „Ihre Stärke ist, dass sie alle vier Disziplinen fahren kann, dementsprechend geht es hier weiter für sie“, sagte Ertl. Trotz ihrer Topzeit war Aicher im Ziel nicht so recht zufrieden. Sie wusste, dass sie einen möglichen Olympiasieg durch eine in Teilen unsaubere Fahrt hat liegen lassen. „Es hat sich einfach wild angefühlt. Über jeden Sprung hat es mich aufgerissen. Ich hab' nicht das gemacht, was ich machen wollte. Es war trotzdem eine gute Fahrt. Aber so richtig kann ich es nicht einschätzen“, sagte die 22-Jährige anschließend im ZDF. Sie freute sich dennoch sehr über ihre Medaille. „Es ist ein bisschen unfassbar gerade“, sagte Aicher, die voll auf Angriff ging: „Man muss durchziehen, damit man überhaupt eine Chance hat.“ Den Sturz von Vonn hatte sie sich nicht angeschaut. Auch bei diesen Winterspielen hat sie noch mehrere Möglichkeiten, weitere Medaillen zu gewinnen: etwa in der Team-Kombination, im Super-G und im Slalom. Sie gilt schon seit mehreren Jahren als die größte Zukunftshoffnung im deutschen Alpin-Team. Bei der WM vor fünf Jahren war sie – ebenfalls in Cortina d'Ampezzo – ohne jegliche Weltcup-Erfahrung erstmals auf der großen Ski-Bühne aufgetaucht und hatte prompt zu Bronze im Teamwettbewerb beigetragen. Seitdem entwickelte sich die Allrounderin kontinuierlich weiter.