Welt 15.01.2026
07:47 Uhr

Diverse Körperflüssigkeiten lauerten in den römischen Bädern


Waren die römischen Badeanstalten in der Antike tatsächlich Hygienestationen oder einfach nur Bakterienreservoirs? Eine neue Studie über die Wasserversorgung Pompejis zeigt, dass sich Ingenieure des Problems beizeiten annahmen.

Diverse Körperflüssigkeiten lauerten in den römischen Bädern

„Ein wirkliches Leben schenken nur Bäder, Wein und Liebe“: Dieses lateinische Sprichwort aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. macht deutlich, welche Bedeutung die Römer ihrer Badekultur beimaßen. Ob in den palastartigen Thermen (Bädern), die die Kaiser in Rom stifteten, oder in den schlichten Badehäusern, die in den äußersten Winkeln des Imperiums (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article137673799/Roemisches-Reich-Orgien-machten-das-Leben-in-Germanien-ertraeglich.html) entstanden, ein – warmes – Bad schied den Teilhaber an der römischen Zivilisation vom Barbaren. Welche Bedeutung die Thermen im römischen Alltag hatten, zeigen auch ihre Anlagen in einer Landstadt wie Pompeji. Drei große Badekomplexe haben Archäologen bislang identifiziert, von denen allerdings der jüngste, die sogenannten Zentralthermen, bei Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. noch nicht fertiggestellt waren. Die damals von den Auswürfen des Vulkans überschwemmte und damit konservierte Stadt bot sich daher zur Klärung einer Frage an, die Altertumswissenschaftler lange beschäftigt: War die Qualität des Wassers ausreichend, um die Thermen wirklich als „Hygienestationen“ zu beschreiben? „Alles, was die Menschen an Unrat, Dreck, Körperflüssigkeiten und Keimen mit ins Bad brachten, hatte das Wasser alsbald auf die übrigen Badenden übertragen“, urteilt der amerikanische Sozialhistoriker Robert Knapp (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Knapp_(Historiker)) : „Vor allem im Warmbad dürfte die Bakterienzahl astronomische Höhen erreicht haben.“ Zumal die Thermen derart dimensioniert waren, dass sich große Teile der Bevölkerung gleichzeitig in ihnen erholen konnten. Das bestätigt eine Untersuchung, die ein Team der Universität Mainz jetzt im Fachjournal „Proceedings“ (verlinkt auf https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2517276122) der US-nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) vorgelegt hat. „Die hygienischen Bedingungen darin waren alles andere als ideal“, wird Gül Sürmelihindi (verlinkt auf https://www.geowiss.uni-mainz.de/geoarchaeologie/dr-guel-suermelihindi/) , Erstautorin der Studie, in einer Mitteilung (verlinkt auf https://idw-online.de/de/news864205) der Hochschule zitiert. Allerdings sahen das die Römer offenbar ähnlich, sodass sich ihre Ingenieure des Problems annahmen: „Im Laufe der Zeit wurden die Wasserhebeanlagen durch technologische Entwicklungen verbessert“, sagt die Wissenschaftlerin vom Institut für Geowissenschaften (verlinkt auf https://www.geowiss.uni-mainz.de/) . Das Team untersuchte Kohlenstoffisotope – also Kohlenstoffatome mit unterschiedlicher Masse – die sich in verschiedenen Bereichen der städtischen Wasserinfrastruktur gebildet hatten – etwa im Aquädukt, Wassertürmen und den Becken der öffentlichen Bäder. Die älteste waren die sogenannten Stabianer Thermen, die um etwa 130 v. Chr. ihre Funktion aufnahmen. Etwa 60 Jahre später, nachdem der Diktator Sulla Pompeji zur Kolonie erhoben und zahlreiche Veteranen angesiedelt hatte, entstanden im Zentrum die Forumsthermen. Wie die geochemischen Eigenschaften zeigen, wurde beide Anlagen aus bis zu 40 Meter tiefen Brunnenschächten versorgt. Die Ablagerungen enthielten organische Verunreinigungen, erklärt Sürmelihindi, was auf eine Verschmutzung durch Schweiß, Hautttalg, Urin und andere Körperflüssigkeiten hinweist. Schließlich boten diverse Gewerbe hier ihre Dienstleistungen an. Friseure, Animateure und Fachleute für Kosmetik und Haarentfernung zum Beispiel, denn die Römer mochten es gänzlich nackt. Und natürlich waren die Bäder auch beliebte Orte für sexuelle Dienstleistungen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article134888618/Roms-Baeder-waren-Zentren-erotischer-Zerstreuung.html) aller Art, wie Graffiti und bildliche Darstellungen belegen. Die Thermen mit ihren Kalt-, Warm- und Schwitzbädern wurden mit einer Wasserhebemaschine versorgt, die von Sklaven über eine Art Tretrad angetrieben wurde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article130232925/Sklaven-waren-in-der-Antike-wie-ein-Smartphone.html) , schreiben die Forscher. Daraus darf man den Schluss ziehen, dass das Wasser in den verschiedenen Becken wohl nur etwa einmal täglich gewechselt wurde. Nachdem Pompeji die zerstörerische Epoche der Bürgerkriege im 1. Jahrhundert v. Chr. einigermaßen überstanden und der Sieger Augustus auf den Trümmern der Republik das Kaiserreich errichtet hatte, nahmen sich Ingenieure des Problems an. Sie errichteten das sogenannte Serino-Aquädukt. Dieses oberirdische, insgesamt 145 Kilometer lange Leitungsnetz machte viel mehr Wasser aus der Umgebung verfügbar. „Das ermöglichte einen häufigeren Wasserwechsel zum Baden“, sagt Gül Sürmelihindi. Allerdings beförderten die technischen Neuerungen unangenehme Begleiterscheinungen. Denn im Zuge der Arbeiten wurden offenbar auch Kessel und Wasserleitungen ausgetauscht, was die erhöhte Konzentrationen von Blei, Zink und Kupfer in den anthropogenen Karbonatablagerungen – also den durch die Badegäste verursachten – erklären würde. Denn beim Bau römischer Wasserleitungen kamen neben Ziegeln und Ton auch Schwermetalle zum Einsatz (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/plus255044334/Dieser-banale-Stoff-riss-das-Roemische-Reich-in-den-Untergang.html) . Die Besucher der Thermen dürften sich davon kaum beeindruckt gezeigt haben, lockten die modernisierten Bäder doch mit einer besseren Versorgung mit warmem Wasser, wie der Anstieg der stabilen Sauerstoffisotope belegt. Auch ließen Wohlhabende ihre Häuser mit Privatbädern (bulnea) ausstatten. Dass Pompeji prosperierte, macht auch der Neubau einer großen Thermenanlage vor dem Hafentor deutlich, die mit ausgesuchten Szenen erotischen Inhalts (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article129448408/Sexualgeschichte-In-Rom-war-koerperliche-Liebe-ueberall-verfuegbar.html) – wohl nach den Erzählungen des Dichters Ovid – ausgestattet wurde. Ein weiterer Neubau im Zentrum war erst im Entstehen, als der Ausbruch des Vesuvs die Stadt überschwemmte. Im Kaiserreich dürften die Thermen Pompejis zu regelrechten Spaßbädern geworden sein, wie sie auch für viele andere Städte des Reiches belegt sind. Hier wurde massiert, getrunken, mit Ball und Würfel gespielt. „Ich höre das Stöhnen der Leute, die mit ihren Hanteln arbeiten. Wenn sich jemand massieren lässt, höre ich das Klatschen der Hand. Hast du dann noch einen Ballspieler, der immerzu laut das Aufprallen des Balls mitzählt, ist es ganz aus. Und dann die, die sich in das Schwimmbecken stürzen, dass es nur so klatscht und das Wasser nach allen Seiten spritzt“, klagte der Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr., der sich auch über „den Haarschneider“ mokierte, der „seine durchdringende, schrille Stimme immer wieder erhebt und nie den Mund hält, es sei denn, er zupft an den Achseln und bringt stattdessen sein Opfer zum Schreien“. Und noch etwas konnten die Wissenschaftler aus den Karbonat-Ablagerungen in der Wasserversorgung Pompejis herauslesen: Sie fanden eigentümliche zyklische, also kreisrunde Muster. Die führt der Mainzer Co-Autor und Geoarchäologe Cees Passchier (verlinkt auf https://www.geowiss.uni-mainz.de/geoarchaeologie/univ-prof-dr-cees-passchier/) auf eine schwankende Menge an vulkanischem Kohlendioxid im Grundwasser zurück. Die könnte Folge einer Aktivität des Vesuv gewesen sein, lange bevor dessen Ausbruch die Stadt unter seiner Asche begrub. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.