Es sei ein „befehlsmäßiger Ausbruch der Verteidiger“ gewesen, hieß es im Nachruf der Wochenzeitung „Das Reich“. Damit bot das NS-Blatt einmal mehr ein schlagendes Beispiel für verlogene Propaganda. Denn der Versuch von 28.000 deutschen und ungarischen Soldaten, am 11. Februar 1945 die sowjetischen Linien um die „Festung Budapest“ zu durchbrechen, folgte keineswegs einem Befehl ihres obersten Kriegsherrn. Bis zuletzt hatte sich Hitler allen Rückzugsplänen kategorisch verweigert und einen Kampf um jedes Haus befohlen. 52 Tage lang hatte die Schlacht um Budapest gedauert, nachdem die Rote Armee am 25. Dezember 1944 ihren Ring geschlossen hatte. Es folgte eine Belagerung, die für beide Seiten „zu den verlustreichsten Operationen des Zweiten Weltkriegs“ gehörte, resümiert der ungarische Historiker Krisztián Ungváry (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Kriszti%C3%A1n_Ungv%C3%A1ry) im Reihenwerk „ Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article1968151/Die-Deutschen-und-das-Ende-des-Weltkriegs.html) “ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Man geht davon aus, dass rund 30.000 deutsche und 17.000 ungarische Verteidiger sowie 80.000 sowjetische und rumänische Angreifer ihr Leben verloren, dazu Zehntausende Zivilisten. Hitlers Entscheidung, fast die Hälfte der noch vorhandenen deutschen Panzertruppen Ende 1944 in Ungarn einzusetzen, folgte einem verwegenen Kalkül. Zunächst sollte die Ardennenoffensive (ab 16. Dezember) (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article205562355/Ardennenoffensive-Hitlers-letzter-Grossangriff-fuehrte-in-die-Katastrophe.html) die Alliierten im Westen zurückwerfen. Anschließend sollten die dann frei gewordenen Kräfte im Osten zuschlagen. Dafür aber waren die Zalaer und Zistersdorfer Erdölfelder und Raffinerien von entscheidender Bedeutung. Daran änderte auch das Scheitern der Westoffensive im Januar 1945 nichts, denn ohne Treibstoff ließ sich der Krieg nicht fortsetzen. Daher wurden rund 500 Panzer und Sturmgeschütze sowie ähnlich viele Schützenpanzer in Ungarn konzentriert, darunter mit rund 200 Exemplaren fast die Hälfte der verfügbaren „Tiger“-Panzer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68c04204784ebe32609e171b/Zweiter-Weltkrieg-Mehr-Angst-als-Wirkung-die-wahre-Geschichte-des-Tiger-Panzers.html) . Damit sollte der Kessel von Budapest aufgesprengt werden, in dem 50.000 ungarische und 45.000 deutsche Soldaten eingeschlossen waren; von diesen waren allerdings nur etwa die Hälfte kampftauglich. Das Rückgrat der Verteidigung bildete das IX. Gebirgskorps der Waffen-SS, die mit Obergruppenführer Karl Pfeffer-Wildenbruch (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Pfeffer-Wildenbruch) auch den Oberbefehlshaber der von Hitler zur „Festung“ erklärten ungarischen Hauptstadt stellte. Von einem systematischen Ausbau der Verteidigungsanlagen konnte keine Rede sein. So war ein großer Teil der Vorräte an Nahrung in den Außenvierteln der Stadt eingelagert worden, wo sie bald von sowjetischen Truppen überrannt wurden. Das galt auch für die wichtigsten Landebahnen für Flugzeuge, sodass man auf den Abwurf von Versorgungsbomben überging, die alles andere als zielgenau landeten und um die sich Soldaten mit Zivilisten stritten, die der Hunger die Androhung der Todesstrafe verdrängen ließ. Während die Bevölkerung in Kellern und Kanalisation um ihr Leben fürchtete, litten etwa 60.000 Juden in dem Getto, (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article190499367/Unternehmen-Margarethe-Wehrmacht-besetzt-1944-Ungarn.html) das im Stadtteil Pest östlich der Donau eingerichtet worden war. Als sich die Front näherte, wollten Mitarbeiter des Leiters des SS-Judenreferats, Adolf Eichmann, mit SS-Leuten und Pfeilkreuzlern, Angehörigen der ungarischen Nationalsozialisten, ein Pogrom initiieren. Der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204923286/Raoul-Wallenberg-So-geriet-der-Judenretter-in-die-Faenge-Stalins.html) unterrichtete den Kampfkommandanten von Pest davon, indem er darauf hinwies, dass die Wehrmacht dafür vor der Weltöffentlichkeit die Verantwortung tragen würde. Soldaten übernahmen daraufhin die Bewachung des Gettos. Obwohl nach dem Verlust der als Flugplatz genutzten Pferderennbahn das Halten von Pest sinnlos geworden war, verbot Hitler jeglichen Rückzug. Dass Pfeffer-Wildenbruch ein solches Manöver am 15. Januar dennoch einleitete, zeigt deutlich, in welch katastrophaler Lage sich die Verteidiger befanden. Sie hatten Glück, dass sich sowohl ihr „Führer“ als auch die sowjetische Führung auf die Operationen konzentrierten, die sich weiter westlich entwickelten. Dort hatte die Wehrmacht ihre Kräfte verstärkt, um Entsatzangriffe zu starten. Dafür war das kampfkräftige IV. SS-Panzerkorps aus der Weichsel-Front herausgelöst worden, was der Roten Armee kurz darauf den Durchbruch (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article204901534/Ostfront-1945-Wie-die-Rote-Armee-Ostpreussen-und-Schlesien-ueberrannte.html) Richtung Oder erleichterte. In drei Operationen – „Konrad 1, 2 und 3“ – gelang es den deutschen Truppen, sich bis auf 17 Kilometer an Pfeffer-Wildenbruchs Stellungen im Stadtteil Buda heranzukämpfen. Aber wie der Wehrmachts-General Friedrich Paulus in Stalingrad, der im Dezember 1942 darauf verzichtete, den sich nähernden Entsatztruppen mit seiner 6. Armee (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article170868081/Russland-Feldzug-1942-Die-Chance-zum-Ausbruch-aus-Stalingrad-wurde-vertan.html) entgegen zumarschieren, klammerte sich auch sein SS-Kollege an Hitlers Haltebefehl und vergab die Chance auf einen Ausbruch. Der wäre wohl möglich gewesen. Denn der sowjetische Marschall Rodion Malinowski, dessen Belagerungsring durch den Abzug zahlreicher Verbände zur Abwehr der deutschen Offensiven geschwächt worden war, hatte einen Korridor geöffnet, durch den ein Entweichen für kurze Zeit möglich gewesen wäre. „Dem sowjetischen General war in erster Linie an der Eroberung Budapests gelegen“, schreibt Ungváry. „Alles andere war sekundär – mit den sich hinziehenden Kämpfen riskierte er den Zorn Stalins und deshalb hätte er von einer Vernichtung der Verteidiger abgesehen. Es ist ein eigenartiger Zufall, dass ein erfolgreicher Ausbruch gerade durch die Haltebefehle Pfeffer-Wildenbruchs unmöglich wurde.“ Allerdings war es auch nicht das Ziel der „Konrad“-Operationen, Budapest zu entsetzen, sondern sie sollten die „Festung“ verstärken, um von dort weiter nach Osten vorzustoßen. Dafür verstärkte Hitler die ungarische Front sogar um die in Aufstellung befindliche 6. Panzerarmee des SS-Generals Sepp Dietrich. So aber eröffnete die Rote Armee am 25. Januar ihren Großangriff auf Buda, wo Pfeffer-Wildenbruch im sicheren Burgtunnel kaum noch in der Lage war, seine verstreuten Kampfgruppen zu koordinieren. Stattdessen funkte er an seine Vorgesetzten: „Versorgungslage erschreckend, Los der Verwundeten erschütternd“, was auf Hitler jedoch keinen Eindruck machte. Erst am 11. Februar, als jeder Ausbruchs-Versuch längst sinnlos geworden und ein Widerruf seines Befehls kaum zu erwarten war, meldete der SS-General: „Die Verpflegung ist verbraucht, die letzte Patrone im Lauf. Kapitulation oder kampflose Niedermetzelung der Besatzung ist in Budapest die Wahl. Ich werde daher mit letzten kampffähigen deutschen Teilen ... offensiv.“ Nachdem die wenigen intakten Panzer gesprengt worden waren, sollten ab 20 Uhr 28.000 deutsche und ungarische Soldaten in mehreren Gruppen versuchen, sich durch die feindlichen Linien zu schlagen, die sowjetische Hauptkampflinie überfallartig zu durchstoßen und sich den 25 Kilometer entfernten deutschen Truppen anzuschließen – zu Fuß, nur mit leichten Waffen, ohne ausreichende Munition und sonstige Ausrüstung. Die Erinnerung an ihre Verbrechen im Vernichtungskrieg und die Angst vor Vergeltung dürfte viele SS-Männer bewogen haben, ihr Heil in diesem Himmelfahrtskommando (verlinkt auf https://www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/zweiter-weltkrieg/verlauf/schlacht-um-budapest-ungarn-waffen-ss-hitler-100.html) zu suchen. Viele starben bereits im Abwehrfeuer der Belagerer. Wer den Wald von Buda erreichte, musste anschließend freies Gelände durchqueren, wo sowjetische Panzertruppen aufgefahren waren. „Die Leichenberge und die von Panzern der Roten Armee zerquetschten Körper bedeckten die Ausfallstraßen und boten ein apokalyptisches Bild“, schreibt Ungváry. Binnen weniger Stunden fielen 17.000 Menschen. Tausende starben auf den Fußmärschen in die Gefangenschaft. Nur etwa 700 erreichten die deutschen Linien. „Bei einer geordneten Kapitulation wären die meisten dieser Opfer vermeidbar gewesen“, urteilt Ungváry. So sah das auch Pfeffer-Wildenbruch. Nachdem er die Aussichtslosigkeit seines Plans erkannt hatte, rettete er sein Leben durch die schnelle Kapitulation in einer Villa in Buda; er starb 1971 in Bielefeld. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.