Noch in den Kriegen des 20. Jahrhunderts kam es vor, dass sich Militärs mehr von Prestigedenken als kalter Ratio leiten ließen. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936–39) zum Beispiel hielten es Kämpfer lange für unter ihrer Würde, Schützengräben oder Feldbefestigungen anzulegen, weil das ihrer Vorstellung von Tapferkeit widersprach – obwohl der Gegner über moderne Präzisionsgeschütze und Sturzkampfbomber verfügte. Dieses Denken prägte selbst die Strategie. Der Angriff republikanischer Truppen auf die unwirtlich gelegene und strategisch unwichtige Stadt Teruel im Dezember 1937 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article112266678/Schlacht-von-Teruel-Eisige-Wende-im-Spanischen-Buergerkrieg.html) reichte aus, um den „Generalissimus“ Francisco Franco dazu zu bringen, die gesamte Strategie der von ihm geführten Nationalisten umzuwerfen und die Schlacht unter schwierigsten Bedingungen anzunehmen. Denn er sah sein Prestige bedroht. „Falscher Dünkel“, höhnte ein deutscher Verbündeter der Legion Condor, mit der Hitler die spanischen Falangisten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article157230186/Krieg-in-Spanien-Wie-Wagner-Geburtshelfer-der-Legion-Condor-wurde.html) unterstützte. Damit hatte der Generalstabschef der Republik, Vicente Rojo, gerechnet. Nachdem es Francos Truppen im zweiten Kriegsjahr gelungen war, das Baskenland und den übrigen Norden Spaniens zu erobern, lag die Moral der Republik am Boden. Um sie zu heben, hatte Rojo zunächst eine Offensive in der Estremadura geplant. Als sich aber die Anzeichen mehrten, dass die Nationalisten einen Großangriff auf Madrid vorbereiteten, drängte die Zeit. Um Franco von seinem Vorhaben abzubringen, geriet Teruel in Aragón ins Visier. Die Provinzhauptstadt lag an der südlichen Spitze eines Frontvorsprungs der Falange und bot sich daher für ein begrenztes „offensiv-defensives Unternehmen“ an, das, wie Rojo es formulierte, auf eine „begrenzte Zerstörung des Gegners“ hinauslaufen sollte. Dafür wurden 40.000 Soldaten und große Mengen an Material zusammengezogen, darunter jedoch – wegen ihres schlechten Zustandes und weil die Kampfkraft rein spanischer Truppen demonstriert werden sollte – keine Internationalen Brigaden. Am 15. Dezember 1937 begann der Angriff. Die nationalistische Garnison Teruels unter Domingo Rey d’Harcourt verfügte nicht einmal über 10.000 Soldaten. Bei 15 Grad Minus durchbrachen die Einheiten der Volksarmee schnell die Front und drangen in die Stadt ein. Die Verteidiger zogen sich in das Stadtzentrum zurück und lieferten den Angreifern einen Kampf buchstäblich um jedes Haus. Leidtragende wurde die Zivilbevölkerung, denn die Wasserleitungen froren ein; es fehlte an Brennholz und Nahrung. Nachdem die republikanische Führung stolz ihren Sieg verkündet hatte, lud sie internationale Journalisten, darunter Ernest Hemingway und der Fotograf Robert Capa, zu einem Ausflug nach Teruel ein, um ihnen die erste Provinzhauptstadt zu präsentieren, die der Volksarmee in die Hände gefallen war (es sollte übrigens die einzige bleiben). Aus dem Gebäude des Zivilgouverneurs wurden Leichen hinausgetragen. Die meisten davon waren Kinder, die verhungert waren. Darin eröffnete sich den Besuchern eine entsetzliche Szenerie. „Mehr als 50 Menschen, Frauen und Kinder, von denen die meisten durch das grelle Licht geblendet wurden, blickten uns mit ihren abgemagerten, blutverkrusteten und schmutzigen Gesichtern entgegen“, schrieb Capa: „Sie hatten 15 Tage unter der Erde zubringen müssen, hatten in ständiger Angst gelebt und sich von den Essensresten der Soldaten und ein paar Sardinen ernährt. Nur sehr wenige waren noch kräftig genug, um aufstehen zu können; man musste sie stützen. Es ist schien unmöglich, einen solch schmerzhaften Anblick in Worte zu fassen.“ Doch noch immer wurde in Teilen der Innenstadt gekämpft. Herbert Matthews von der „New York Times“ beschrieb das Vorrücken der Republikaner: „Man sah Blitze ihrer Sprengkörper, die in den Häusern explodierten. Ein großer Augenblick war gekommen: einer dieser dramatischen Augenblicke in der Geschichte und im Journalismus.“ Damit hatte er auf fatale Weise recht. Denn Franco sah tatsächlich seine Reputation (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article242215199/Francisco-Franco-Das-Leben-eines-Faschisten.html) gefährdet, brach die Planungen für den Angriff auf Madrid ab und befahl die Gegenoffensive. „Wir müssen den Gegner erschüttern, indem wir ihn davon überzeugen, dass wir alles erreichen, was wir uns vornehmen, ohne dass er es verhindern kann“, begründete er seine „spirituelle“ Taktik. „Zum Kotzen, diese Spanier“, kommentierte Wolfram von Richthofen, Stabschef der Legion Condor, der an der Offensive gegen Madrid festhalten wollte. Wegen der winterlichen Bedingungen konnte der Angriff erst am 29. Dezember beginnen. Die zehn Divisionen Francos mussten dabei bei Temperaturen unter 20 Grad minus ohne Luftunterstützung der Legion Condor und der italienischen Truppe Corpo Volontarie angreifen, weil deren Flugzeuge wegen Eis und Schnee nicht starten konnten. Am Boden entspann sich „eine der grausamsten Schlachten des Bürgerkrieges“, schreibt der britische Historiker Antony Beevor: (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Antony_Beevor) „Die Soldaten metzelten sich in der intimen Anonymität des Nahkampfes mit ihren Bajonetten gegenseitig nieder. Die Bedingungen in Stalingrad fünf Jahre später (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article170115075/Stalingrad-Die-Katastrophe-erwuchs-aus-einem-Logistik-Desaster.html) dürften kaum schlimmer gewesen sein.“ Zwar konnten die Nationalspanier zeitweilig bis ins Stadtzentrum vorstoßen, wurden jedoch von den Republikanern wieder vertrieben. Obwohl Franco Kampf bis in den Tod befohlen hatte, kapitulierte Rey d’Harcourt am 7. Januar 1938. Der „Generalissimus“ tobte, verstärkte seine Truppen auf 100.000 Mann und ging am 19. Januar erneut in die Offensive. Derweil hatte die Gegenseite anderweitig benötigte Reserven, darunter auch Internationale Brigaden, in Stellung gebracht und die überlebende Zivilbevölkerung weitgehend evakuiert. Einen Monat gingen die Kämpfe mit unverminderter Härte weiter. Nachdem es den Franco-Truppen gelungen war, die Flanken der Republikaner im Norden aufzurollen, räumten diese am 22. Februar Teruel. Sie hatten mehr als 60.000 Mann verloren, rund 20.000 mehr als ihre Gegner. Mit dem Verlust von wichtigem Kriegsmaterial hatte das zur Folge, dass die Nationalisten mit deutscher und italienischer Unterstützung bereits im März die Aragón-Front durchstoßen konnten. Damit war das Gebiet der Republik geteilt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6914434535739e19725085b5/spanien-1975-nach-dem-tod-des-diktators-franco-zeigte-sich-der-irrweg-jedes-schlussstrichs.html) . Das war die Tragik des Unternehmens. „Die Republik hatte sich entschlossen, eine Stadt zu erobern, die keine strategische Bedeutung besaß und die halten zu können sie sich kaum Hoffnungen machen durfte“, folgert Beevor: „Dafür bezahlte sie einen katastrophal hohen Preis an Menschenleben und Material. Wieder einmal hatte die Sturheit der politischen Führer der Republik, die ihren eigenen, aus propagandistischen Gründen verbreiteten Siegesparolen erlagen, dazu geführt, dass ein großer Teil ihrer besten Truppen sinnlos geopfert worden war.“ Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.