Welt 21.01.2026
14:37 Uhr

Die nächste Stufe des Netzausbaus


Bei Heide wird ein neuer, zentraler Sammelpunkt für Windstrom gebaut. Er soll künftig die Systeme von Gleich- und Wechselstrom miteinander verbinden. Ziel ist es, deutlich mehr Energie aus dem Norden in verschiedene Regionen Deutschland weiterzuleiten.

Die nächste Stufe des Netzausbaus

Bei Heide in Schleswig-Holstein bauen die Stromnetzbetreiber Tennet und 50Hertz einen Sammel- und Verteilpunkt für Windstrom mit einer technologisch neuen Qualität. Der „Heide Hub“ soll die Systeme von Gleichstrom und Wechselstrom miteinander verbinden, damit in weiten Teilen Deutschlands künftig deutlich mehr Windstrom von der Nordseeküste genutzt werden kann. Gleichstromleitungen werden genutzt, um großen Mengen an Strom mit geringen Übertragungsverlusten über längere Distanzen zu leiten. Die küstenfernen Offshore-Windparks im deutschen Teil der Nordsee sind per Gleichstromleitung mit dem Landnetz verbunden. Auch die Fernleitungen SüdLink in der Mitte Deutschlands, Korridor A im Westen und SüdOstLink sind Gleichstromleitungen. Sie sollen Strom aus Windparks auf See und von Landstandorten von Nord- nach West- und Süddeutschland bringen, in die wirtschaftlichen Zentren von Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Am Ziel dieser Leitungen wird der Strom wieder in Wechselstrom transformiert und in die regionale Verteilung gebracht. Grundsätzlich transportiert auch der größte Teil der deutschen Höchstspannungsleitungen Wechselstrom mit 380.000 Volt Spannung. Mit der besseren Verbindung beider Systeme über den „Heide Hub“ soll der Transport und die Verteilung großer Strommengen flexibler werden. „Dieses Projekt ist europaweit eines der ersten hochinnovativen Bauvorhaben der Energiewende“, sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) am Mittwoch beim ersten Spatenstich in Wöhrden bei Heide. „Der neue Knotenpunkt wird unser gesamtes Energiesystem flexibler, effizienter und leistungsstärker machen. Der heutige Spatenstich ist ein wichtiger Meilenstein für unser Ziel, erstes klimaneutrales Industrieland zu werden.“ Der Ausbau der Stromnetze auf allen Ebenen ist eine entscheidende Voraussetzung, um große, weitere Bereiche künftig zu elektrifizieren. Die erneuerbaren Energien hatten im vergangenen Jahr einen Anteil von rund 56 Prozent an der Stromerzeugung in Deutschland, den Hauptanteil daran wiederum hat die Windkraft an Land und auf See. Der klassische Strommarkt allerdings ist bislang der kleinste der drei großen Energiemärkte. Erhebliche zusätzliche, wachsende Strommengen werden künftig für den Hochlauf der Elektromobilität benötigt, für die Elektrifizierung der Gebäudewärme und von Industrieprozessen. Stark steigen wird obendrein der Strombedarf zum Betrieb und zur Kühlung von Rechenzentren. Die Offshore-Windkraft im deutschen Teil von Nord- und Ostsee etwa soll bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts von derzeit 9,5 Gigawatt auf 40 Gigawatt ausgebaut werden. Allein als Voraussetzung dafür werden große neue Netzzugänge ins Inland benötigt. Tennet Germany, ein Tochterunternehmen des staatlichen niederländischen Netzbetreibers Tennet, ist für das Höchstspannungsnetz im Zentrum Deutschlands zuständig. An dieses Netz ist auch der größte Teil der Offshore-Windparks in der Nordsee angeschlossen, aber auch zahlreiche Windparks an Landstandorten in ganz Deutschland und zudem Zehntausende größere und kleinere Solarkraftwerke. „Multiterminal-Hubs verknüpfen erstmals Gleichstromsysteme miteinander und heben das Übertragungsnetz damit auf ein neues Niveau“, sagte Ina Kamps, Chief Operating Officer (COO) von Tennet Germany. „Der HeideHub zählt zu den ersten Vorhaben dieser Art in Europa und schafft die Grundlage für ein verknüpftes Gleichstromnetz, in dem Strom noch intelligenter gesteuert werden kann. So lassen sich große Mengen erneuerbarer Energien präzise und wirtschaftlich dorthin lenken, wo Industrie und Millionen von Haushalten sie benötigen.“ Dirk Biermann, Chief Operating Officer von 50Hertz, sagt: „Der HeideHub wird als erster Gleichstrom-Knotenpunkt in Deutschland die großen Nord-Süd-Gleichstrom-Leitungen miteinander vernetzen und so die Versorgungssicherheit und Systemstabilität deutlich erhöhen. Die vier Übertragungsnetzbetreiber arbeiten hier gemeinsam an der ersten Gleichstrom-Vermaschung, die eine flexible und effiziente Stromübertragung ermöglicht.“ Das Unternehmen 50Hertz ist für das Höchstspannungsnetz in und um Hamburg und in Ostdeutschland zuständig. Vom Heide Hub aus soll eine wachsende Menge an Strom sowohl als Gleichstrom als auch als Wechselstrom weitergeleitet werden. Der Netzbetreiber Amprion, zuständig für Westdeutschland, plant eine Gleichstromleitung in Richtung Nordrhein-Westfalen. „Der Heide Hub zeigt, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit zwischen großen Übertragungsnetzprojekten, Gemeinden und Behörden ist – von der gemeinsamen Flächensicherung bis zu den bauvorbereitenden Maßnahmen“, sagte Amprion-Manager Daniel Eichhoff. „Hier entsteht mit dem Multiterminal-Hub von Tennet und 50Hertz und dem Konverter von Amprion1 in Wöhrden ein zentraler Baustein der Energiewende.“ Zwischen Hochwöhrden und dem Umspannwerk Stegau bei Mehlbek wiederum plant Tennet den Neubau einer 39 Kilometer langen Höchstspannungsleitung für Wechselstrom. Diese Leitung soll den Stromtransport innerhalb Schleswig-Holsteins verbessern. Das nördlichste Bundesland kann sich rein bilanziell inzwischen komplett mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgen, wachsende Mengen an Wind- und auch Solarstrom werden aus Schleswig-Holstein in andere Teile Deutschlands weitergeleitet. „Der steigende Bedarf an Bezugsleistung für E-Mobilität, Wärmewende, Rechenzentren und Batteriespeicher bildet zukünftig die Herausforderung im Verteilnetz“, sagt Lisa Hebenstreit, Geschäftsführerin Technik des Verteilnetzbetreibers SH Netz, der mehrheitlich zum Eon-Tochterunternehmen Hansewerk gehört. Die Kommunen in Schleswig-Holstein sind Minderheitsgesellschafter. „Der Heide Hub und die zugehörigen Leitungsbaumaßnahmen bieten der Region zukünftig eine Vielzahl an Anschlussmöglichkeiten für Einspeise- und Bezugskunden“, sagt Hebenstreit. Mit dem Heide Hub könne SH Netz „bis zu 1,2 Gigawatt mehr Leistung ins Netz aufnehmen“. Das entspricht etwa der Nennleistung von eineinhalb der heutzutage größeren Offshore-Windparks im deutschen Teil der Nordsee. Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über die deutsche und internationale Energiewirtschaft.