Welt 29.01.2026
16:05 Uhr

Die erste Reform‑Synagoge der Welt wird freigelegt


Versteckt in einem Hamburger Hinterhof liegt die Ruine der ersten Reform‑Synagoge weltweit. Nun soll sie archäologisch untersucht werden. Die Stadt will klären, was neben dem Sichtbaren vom Tempel erhalten ist – und wie der Ort künftig genutzt werden kann.

Die erste Reform‑Synagoge der Welt wird freigelegt

Sie war die erste Reform‑Synagoge weltweit. Heute ist vom Neuen Israelitischen Tempel in Hamburg nur noch eine Ruine geblieben – verborgen hinter Häusern in der Neustadt. Nun soll der Ort systematisch freigelegt und untersucht werden. Die Ergebnisse sollen darüber entscheiden, wie diese Ruine an der Poolstraße künftig genutzt und zugänglich gemacht werden kann. Bis spätestens Ende 2027 will die Stadt klären, was von dem ehemals herrschaftlichen Tempel noch erhalten ist. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hauptschiff bei einem Bombenangriff zerstört. Restaurierungs- und Sicherungsmaßnahmen an den verbliebenen sichtbaren Teilen – einem Torportal, das früher der Eingang war, und der Aspsis, der halbrunde Abschluss des Tempels – gibt es seit Jahren. Jetzt soll systematisch überprüft werden, welche historisch wertvollen Zeugnisse vom ursprünglichen Tempelbau aus den 1840er-Jahren noch übrig und zu retten sind. Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) sprach bei einer Pressekonferenz am Donnerstag von einem „einzigartigen Zeugnis jüdischen Lebens und liberal jüdischer Religionsgeschichte“ und kündigte an, ab Ende 2027 werde feststehen, „welche archäologischen und historischen Rahmenbedingungen uns die Tempelruine gibt und welche weiteren Nutzungen konkret möglich sind“. Bis in die 1980er-Jahre als Wohnhaus genutzt Im Zentrum der ersten Arbeiten steht die Apsis, der halbrunde Ostteil des ehemaligen Tempels. Ihr Inneres ist heute mit Trümmern gefüllt. Die Apsis war bis in die 1980er-Jahre als Wohnung genutzt worden, bevor sie wegen Einsturzgefahr gesperrt werden musste. Als das Bauwerk weiter verfiel, brachen im Inneren die Stockwerke ein. Die Reste von Decken und Wänden liegen seither übereinander gestapelt im Inneren, beginnend auf Höhe des Erdgeschosses. Diese Trümmer sollen nun entfernt werden. Dann, so die Hoffnung, werden im Inneren historische Teile der Apsis wieder sichtbar. Fachleute können anschließend prüfen, in welchem Zustand sie sind, welche Spuren früherer Nutzungen sich erhalten haben und wie sich die verbliebenen Teile stabilisieren lassen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Bereich, der heute wie ein Innenhof wirkt. Tatsächlich war dieser offene Raum früher die Haupthalle der Synagoge. Von dem großen, dreischiffigen Sakralraum stehen nur noch die Außenwände an den Stirnseiten. Dach und weite Teile der Hallenkonstruktion fehlen. In den offenen Raum wurden nach dem Krieg andere Gebäude gesetzt – zuletzt nutzte eine Autowerkstatt das Gelände. Entsprechend ist der Boden bis heute fast vollständig betoniert. Dieser Beton soll nun abgetragen werden. Darunter vermuten die Fachleute weitere Spuren der ehemaligen Halle: Fundamente, Säulenbasen oder Zugänge. Erst wenn der Boden freigelegt ist, können dort archäologische Grabungen beginnen. Hinweise darauf, was sich unter der Oberfläche verbirgt, gibt es bereits. Im vorvergangenen Jahr hatten Experten der Stadt Essen das Gelände und die Gebäude mit Georadar und Laserscans untersucht. Mögliche Fundamentreste entdeckt Die Messungen zeigten mögliche Fundamentreste im Untergrund, darunter Hinweise auf eine Treppe vor der Apsis. Die Laserscans machten außerdem Bereiche sichtbar, in denen sich hinter Wänden und unter Böden noch alte Putze oder Bodenbeläge erhalten haben könnten. Der Neue Israelitische Tempel wurde 1844 in der heutigen Poolstraße 12 eingeweiht. Er war die erste Synagoge einer eigenständigen liberal‑jüdischen Gemeinde und gilt als Ausgangspunkt des Reformjudentums, das sich später weltweit verbreitete. Bis 1931 fanden hier Gottesdienste statt. 1937 musste die Gemeinde das Gebäude unter Wert verkaufen. 1944 fiel das Hauptschiff einem Bombenangriff zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut, da der Bau nicht mehr als Tempel oder Kirche genutzt werden sollte. Seit 2003 stehen die Überreste unter Denkmalschutz. 2020 erwarb der zur Finanzbehörde gehörende Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen ein Teilgrundstück mit der Ruine. Ziel war es, den Ort dauerhaft zu sichern und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Begleitet werden die Arbeiten von Gesprächen mit jüdischen Gemeinden, Fachbehörden, der Nachbarschaft und weiteren Beteiligten. Ein dauerhaftes Museum gilt an dem engen innerstädtischen Standort als kaum umsetzbar. Diskutiert werden stattdessen Formen des Gedenkens, der Information und zeitlich begrenzte Ausstellungen.