Welt 25.12.2025
07:19 Uhr

„Die deutsche militärische Führung unternahm nichts, um die Katastrophe abzuwenden“


Während die Wehrmacht ihre letzten Reserven in die Ardennenoffensive im Westen warf, schloss die Rote Armee zu Weihnachten 1944 den Ring um Budapest. Anstatt die Metropole zur „offenen Stadt“ zu erklären, befahl Hitler das Halten der „Festung“.

„Die deutsche militärische Führung unternahm nichts, um die Katastrophe abzuwenden“

In den Wochen vor Weihnachten hatten die Bewohner von Budapest noch ihre Christbäume geschmückt. Als Begleitmusik sendete das Radio Weihnachtschoräle. Und in Theatern und Kinos herrschte Hochbetrieb. Bis kurz vor dem Fest. Da machte nahender Geschützdonner den Menschen in der ungarischen Hauptstadt unmissverständlich klar, dass die Front viel näher rückte, als ihnen von der Propaganda bis dahin vorgegaukelt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article254164730/Unternehmen-Margarethe-Warum-die-Wehrmacht-Ungarn-kampflos-besetzen-konnte.html) worden war. Am 25. Dezember 1944 schloss sich der Ring der Roten Armee endgültig um Budapest. Eine der verlustreichsten Belagerungen des Zweiten Weltkriegs begann. Bereits Ende Oktober hatte Stalin seiner 2. Ukrainischen Front (Heeresgruppe) den Befehl erteilt, umgehend die Offensive auf Budapest zu eröffnen. Zwar hatte der Diktator wenige Tage zuvor das sogenannte Prozentabkommen mit dem britischen Premierminister Winston Churchill akzeptiert, in dem dieser Nachkriegs-Ungarn zu 50 Prozent der westlichen und zu 50 Prozent der sowjetischen Einflusssphäre zuschlagen wollte. Aber Stalin dachte nicht daran, sich an diese informelle Vereinbarung zu halten und wollte Fakten schaffen, indem seine Armeen das Land umgehend unter ihre Kontrolle brachten. Trotz drückender Überlegenheit – nach dem Seitenwechsel Rumäniens im August kämpften auch rumänische Divisionen auf sowjetischer Seite – , war es deutschen und ungarischen Truppen zunächst gelungen, die Angriffe abzuwehren. Aber nachdem die Wehrmacht für die geplante Ardennenoffensive im Westen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article205562355/Ardennenoffensive-Hitlers-letzter-Grossangriff-fuehrte-in-die-Katastrophe.html) kampfstarke Verbände hatte abgeben müssen, gelang der Roten Armee an mehreren Abschnitten der Durchbruch. Um Weihnachten erreichten ihre Spitzen nicht nur im Osten die Vorstädte von Pest, sondern näherten sich auch von Süden aus den Hügeln des westlichen Stadtteils Buda. Zwar hatte Hitler am 1. Dezember Budapest zur Festung erklärt. Da aber seine Generäle vor Ort die Verteidigung der unvorbereiteten Stadt für aussichtslos hielten, baten sie wiederholt um Rücknahme der Front und den Abzug der besten Panzertruppen. Budapest sollte danach zur „offenen Stadt“ erklärt werden. Dass sich Hitler dem beharrlich verweigerte, erklärt sich mit seinem irrsinnigen Plan, nach dem Schlag im Westen auch im Osten wieder in die Offensive zu gehen. Für eine Fortführung des Krieges aber hielt er die ungarischen Ölquellen für unerlässlich. Auch sollte die ungarische Hauptstadt als eine Art Flutbrecher für Wien herhalten. Dafür müsse Budapest bis zum letzten Stein verteidigt werden, erklärte Hitlers Sonderbeauftragter und Reichsbevollmächtigter für Ungarn Edmund Veesenmayer: Es sei ohne Belang, „wenn Budapest zweimal zerstört“ würde, solange man Wien verteidigen könne. Der Führer der faschistischen Pfeilkreuzler, Ferenc Szálasi, den im Oktober ein Putsch mit deutscher Beteiligung (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article127030317/Holocaust-Erst-kam-die-Wehrmacht-nach-Ungarn-dann-die-SS.html) zum ungarischen Regierungschef gemacht hatte, sah das ähnlich: Budapest solle nur gehalten werden, „wenn von diesem Gebiet offensive Operationen ausgehen werden. Sollte dies jedoch nicht beabsichtigt sein, ist Budapest unbedingt zu evakuieren.“ Die Macht, das durchzusetzen, hatte Szálasi aber nicht. Viele ungarische Einheiten waren in die Kommandostrukturen von Wehrmacht und Waffen-SS eingebunden, und konnten daher nicht selbstständig operieren. Auch hielten die Aussicht auf sowjetische Repressalien und der Hass auf die Rumänen viele Soldaten von einer Desertion ab; in Budapest meldeten sich sogar zahlreiche Freiwillige zu den Sturmbataillonen, die während der Belagerung aufgestellt wurden. Anstatt sich auf eine solche vorzubereiten, baten deutsche Dienststellen in der Stadt um Polizei- und Sicherungstruppen. Sie sollten in der Lage sein, Unruhen niederzuschlagen. Der Oberbefehlshaber der deutschen Heeresgruppe Süd Johannes Frießner bat „vielsagend um ,Sturmpionierbataillone wie bei Warschau‘“, schreibt der ungarische Historiker Krisztián Ungváry (verlinkt auf https://hu.wikipedia.org/wiki/Ungv%C3%A1ry_Kriszti%C3%A1n) , „was ein Hinweis auf die Häuserkämpfe und die damit zusammenhängende Vernichtung von Wohnvierteln war“, so die Taktik bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article252712242/Warschauer-Aufstand-1944-In-63-Tagen-toeteten-die-Nazis-knapp-200-000-Polen.html) vom August bis Oktober 1944. Eine Bitte Frießners wurde immerhin erfüllt. Mit dem SS-Obergruppenführer Karl Pfeffer-Wildenbruch erhielt ein SS-General den Oberbefehl über alle deutschen Polizei- und Alarmeinheiten in Budapest. Um gegen mögliche Aufstände vorzugehen, war er vielleicht der richtige Mann. Gerade erst zum Befehlshaber des IX. Gebirgskorps der Waffen-SS ernannt, fehlten ihm als Kampfkommandant von Budapest aber alle notwendigen Führungseigenschaften. Seine Offiziere nannten ihn einen „Zivilisten“ und „politischen General“, der sich blind an Hitlers Befehl klammerte, die Stadt unter allen Umständen zu halten. Dazu gehörte auch die Verteidigung des östlich gelegenen Stadtteils Pest, den Hitler als „Brückenkopf“ unbedingt verteidigt wissen wollte. Damit wurden jedoch Kräfte gebunden, die bei der Abwehr im Westen fehlten und womöglich die letzten Nachschubkorridore in die Stadt offen gehalten hätten. Pfeffer-Wildenbruch unterließ es auch, mit dem Befehlshaber der ungarischen Truppen, Iván Hindy, eine gemeinsame Strategie zu entwerfen. Stattdessen teilte er „seinem ungarischen Partner nicht das Notwendigste mit, er behandelte ihn sogar ausgesprochen herablassend“, schreibt Ungváry: „Die deutsche militärische Führung von Budapest unternahm nichts, um die Katastrophe abzuwenden.“ Während Hitlers Verstärkung der „Festung Budapest“ einzig darin bestand, die Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd und ihrer 6. Armee auszuwechseln, raffte sich sein Generalstabschef Heinz Guderian zu einem ungewöhnlichen Akt von Insubordination auf: Er genehmigte am 24. Dezember die Verstärkung von Buda durch eine SS-Division und plante die Verlegung von Verbänden von der Westfront an die Weichsel. Denn dort hatte sich die Ardennenoffensive bereits festgefahren. Hitler war außer sich und dirigierte die Truppen nach Ungarn um, wo sie allerdings erst eintrafen, als sich der Ring um Budapest längst geschlossen hatte. Hitler versprach den Entsatz der Stadt, was zur Folge hatte, dass die Front gegen die erwartete Großoffensive an der Weichsel weiter geschwächt wurde. Tatsächlich begann die Rote Armee am 12. Januar (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article136271089/In-wenigen-Stunden-brach-die-Ostfront-zusammen.html) ihren Vormarsch Richtung Oder. Das Ziel war Berlin. Ungváry geht in dem grundlegenden Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ des Zentrums für Militärgeschichte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article117457585/Bundeswehr-Deutschlands-Militaerhistoriker-in-neuem-Institut.html) und Sozialwissenschaften der Bundeswehr mit 41.000 deutschen und etwa 38.000 ungarischen deutschen Verteidigern aus, von denen etwa die Hälfte nur bedingt kampftauglich waren. Nur wenige Zivilisten hatten die Tage vor Weihnachten zur Flucht nutzen können. Rund 800.000 Bewohner trieb der nun einsetzende Häuserkampf in die Keller der Häuser, wo sie unter entsetzlichen Bedingungen ausharren mussten. Die Schlacht um Budapest sollte bis zum 13. Februar 1945 dauern. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.