Welt 24.02.2026
06:44 Uhr

Die deutsche Fassung von „Captain Future“ vereint Genie und Wahnsinn – und ist Kult


Er war der Held von vielen Kindern der 1980er und hat bis heute Kultstatus: Captain Future. Seine Abenteuer in ferner Zukunft auf exotischen Planeten profitierten von einer gelungenen deutschen Bearbeitung – die jedoch auch ihre Tücken hatte.

Die deutsche Fassung von „Captain Future“ vereint Genie und Wahnsinn – und ist Kult

Alter Wein in neuen Schläuchen – in der Film- und Fernsehbranche ist dies seit jeher ein verlässliches Erfolgsrezept. Zahllos sind die Remakes, Reboots, Neuinterpretationen und Hommagen, in denen klassische, vertraute Stoffe in modernisierter Form und aktualisierter Verpackung zurück auf den Bildschirm wanderten, um so ein neues, meist jüngeres Publikum zu finden. Ein Beispiel dafür, das Nostalgiker mittleren Alters heute oft erwähnen, wenn die Sprache auf ihre Lieblingssendungen aus der Kindheit und Jugend (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256304164/Ferienprogramm-Das-Trostpflaster-fuer-daheimgebliebene-Kinder-in-den-1980ern.html) kommt, ist die Welle von Zeichentrickserien, die in japanischen Studios produziert und vom ZDF in den 1970ern und -80ern ins Kinderprogramm genommen wurden. Der Manga- bzw. Anime-Look dieser Produktionen mit den großen Kulleraugen der Figuren und knalligen Farben war damals hierzulande noch neu und ungewohnt, geradezu gewagt. Nicht alle Eltern, die eher den klassischen Stil von Disney-Trickfilmen schätzten, waren davon angetan. Mancher Kritiker schmähte die Serien gar als Schund. Aber die Kinder waren begeistert – und die Einschaltquoten hoch. Inhaltlich griffen die Produktionen wohlbekannte Stoffe auf. Wie die Serie „Wickie und die starken Männer“, die ab 1974 im ZDF lief. Sie beruhte auf Kinderbüchern des schwedischen Autors Runer Jonsson. Neben dem Inhalt und Look trug auch der Sound maßgeblich zum Erfolg bei. So wurden markante Synchronsprecher ausgewählt, die bereits aus vielen Produktionen bekannt waren. Und die Musik stammt bei „Wickie“ und diversen anderen japanischen Trickfilmserien in den deutschen Versionen vom Meisterkomponisten Christian Bruhn, der wie kaum ein anderer die Gabe besaß, mitreißende Ohrwurm-Melodien zu kreieren. Bruhn komponierte etliche Schlager-Hits wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (gesungen von Drafi Deutscher) und „Wunder gibt es immer wieder“ (gesungen von Katja Ebstein), die viele heute noch ebenso schnell erkennen wie das Titellied „Hey, hey, Wickie! Hey, Wickie, hey! Zieh‘ fest das Segel an!“ Weitere ganz ähnlich gestrickte Zeichentrickserien jener Zeit waren etwa „Die Biene Maja“ (ab 1976 im ZDF), basierend auf den Romanen von Waldemar Bonsels, „Pinocchio“ nach dem Kinderbuch-Klassiker von Carlo Collodi (ab 1977), „Heidi“, deren Vorlage das gleichnamige Buch von Johanna Spyri war (ab 1977) oder „Sindbad“, eine Serie, die Märchen aus der Sammlung Tausendundeine Nacht aufgriff; hierzulande war sie ab 1978 zu sehen. Und 1980 startete eine Serie, die von den damaligen Zeichentrick-Produktionen heute wohl den größten Kult-Faktor hat: „Captain Future“. Sie bot spannende, actionreiche Abenteuer in ferner Zukunft auf exotischen Planeten – und das kam nicht von ungefähr. Denn das Science-Fiction-Genre war zu dieser Zeit sehr populär, was an dem globalen Mega-Erfolg des epochalen Blockbusters „Star Wars“ („Krieg der Sterne“, 1977) lag. Dieser zog nicht nur Fortsetzungen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254745266/Star-Wars-Die-Ur-Trilogie-war-fuer-George-Lucas-ein-enormer-Kraftakt.html) nach sich, sondern löste auch eine Welle von Nachahmer-Werken aus, darunter „Kampfstern Galactica“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255117870/Kampfstern-Galactica-machte-George-Lucas-so-wuetend-dass-er-vor-Gericht-zog.html) . 1978 griff das japanische Studio Tōei den Trend auf und produzierte mit „Captain Future“ eine Serie, die modern aussah und den aktuellen Zeitgeist verkörperte – die aber wie die anderen beliebten Zeichentrickserien auf einer alten Vorlage basierte: nämlich einer gleichnamigen Reihe amerikanischer Romanhefte von Edmond Hamilton aus den 1940er-Jahren. Letztere hatte auch „Star Wars“-Macher George Lucas als eine seiner vielen Inspirationsquellen genannt. In der Serie kämpft der Titelheld Curtis Newton alias Captain Future mutig gegen das Verbrechen, und an Bord seines Raumschiffs „Comet“ sind seine Mitstreiter: der Android Otto und der Roboter Grag sowie Professor Simon Wright – bzw. dessen Gehirn, das einst seinem todkranken Körper entnommen und in einen schwebenden, multifunktionalen Apparat übertragen wurde, um ihm das Weiterleben zu ermöglichen. Unterstützt wird Captain Future auch von der Agentin Joan Landor. „Captain Future“ lief erstmals am 27. September 1980 im ZDF, und die deutsche Version glänzte erneut durch ihre Synchronsprecher: Hans-Jürgen Dittberner gab den Titelhelden. Dittberner sprach unter anderem auch den Grashüpfer Flip aus „Biene Maja“ und war später die Synchronstimme von Patrick Duffy alias Bobby Ewing in „Dallas“. Den Androiden Otto gab Wolfgang Völz, als Schauspieler und Sprecher bekannt aus etlichen Film- und TV-Produktionen sowie seit den 90ern als Stimme von Käpt‘n Blaubär. Friedrich G. Beckhaus sprach den Roboter Grag, er war etwa aus der deutschen SciFi-Kultserie „Raumpatrouille“ geläufig. Anita Kupsch lieh Joan Landor ihre Stimme und war später vor allem in der Serie „Praxis Bülowbogen“ populär. Bei der Filmmusik gelang wiederum Christian Bruhn ein weiterer Klassiker. Für seine Ohrwurm-Titelmelodie griff er auf eine Komposition zurück, die er ursprünglich für einen Western angefertigt, dann aber nicht verwendet hatte. Für „Captain Future“ modern umarrangiert wurde die Melodie ein bleibender Hit, der Jahre später von DJs aufgegriffen wurde und in neuen Dance-Varianten erschien. Nicht alles an der deutschen Fassung von „Captain Future“ war indes so gelungen, vielmehr war sie an anderer Stelle höchst eigenwillig, sie vereinte sozusagen Genie und Wahnsinn. Denn beim Schnitt agierten die Macher ziemlich lässig, um nicht zu sagen hemmungslos. Damit die Folgen ins Sendeschema passten, wurden sie teils radikal gekürzt, auf ganze Handlungsstränge wurde verzichtet, sodass beispielsweise die Backstory von Captain Future wegfiel; die Zuschauer erfuhren hierzulande nicht, wer die Eltern des Titelhelden waren, wie sie auf dem Mond den Gehirntransfer von Professor Wright vornahmen, wer sie ermordete und warum das später eine Rolle spielte. Auch wurden einige Episoden weggelassen und die verbliebenen nicht in der Original-Reihenfolge gesendet, obwohl mehrere Folgen Fortsetzungsgeschichten waren, sodass einiges nun inhaltlich mehr als konfus war. Ein derart rustikaler Umgang mit angekauftem Material war damals beim ZDF nicht ungewöhnlich. So nahm der Sender etwa US-Slapstick-Klassiker in der Serie „Väter der Klamotte“ ins Programm und zeigte in „Western von gestern“ alte amerikanische Cowboy-und-Indianer-Serien – allerdings in „aufgemöbelten“ Fassungen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255138904/Schwarz-Weiss-Klassiker-Wie-das-ZDF-aus-alter-Ware-Kult-Serien-schuf.html) , umgeschnitten und freihändig vertont, ohne viel Rücksicht auf die einstigen Intentionen der Filmemacher zu nehmen. Aber dafür mit großem Erfolg. Auch war man beim ZDF in Sachen „Schnodderdeutsch“-Synchronisationen ganz vorn dabei, wobei in den deutschen Fassungen viele Kalauer und lockere Sprüche zu hören waren, die im Original gar nicht vorhanden waren, aber jetzt für etliche Lacher sorgten. Legendäres Beispiel: „Die Zwei“ mit Tony Curtis und Roger Moore (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256118622/Die-Zwei-Mit-Schnodderdeutsch-wurde-die-Serie-in-Deutschland-zum-Kult.html) . So wurde „Captain Future“ in Deutschland einerseits wegen der gelungenen Aspekte der deutschen Version, andererseits trotz ihrer Schwächen zu einem großen Hit im Kinderprogramm. Und natürlich, weil die Bilder und Geschichten des Originals so faszinierend waren. Bei vielen Zuschauern hinterließ dies einen bleibenden Eindruck, sodass „Captain Future“ bis heute Kultstatus hat. Neben der deutschen Version haben Fans heute auch die Möglichkeit, die Serie im japanischen Original (mit Untertiteln) zu sehen: ab 2016 erschienen entsprechende Blu-ray-Editionen. Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine bahnbrechende Sitcom der 80er und 90er: „Eine schrecklich nette Familie“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255276978/Eine-schrecklich-nette-Familie-Mit-Brachialhumor-begeisterte-Al-Bundy-seine-Fans-und-entgeisterte-Kritiker.html) .