Höhepunkt der Messe „Jagd & Hund“, die Ende Januar in Dortmund stattfand, ist stets der Wettbewerb der Hirschrufer. Dort wird ermittelt, welcher Jäger am besten darin ist, die Brunftrufe des Rotwilds zu imitieren, um die Tiere anzulocken. Der Hirsch war aber nicht nur als Jagdbeute Thema der diesjährigen Messe, sondern auch als Sorgenkind. Experte Frank Zabel erklärt, was eine Brücke in Schleswig-Holstein damit zu tun hat. WELT: Herr Zabel, Sie haben soeben den satirischen Grünbrückenpreis vergeben. Das ist erklärungsbedürftig. Frank Zabel: Seit Jahren halte ich Vorträge, spreche mit Politikern und schreibe Artikel über die Folgen der Lebensraumzerschneidung für das Rotwild in Deutschland … WELT: Eine schnelle Nachfrage für Laien: Bei Rotwild handelt es sich um Hirsche? Zabel: Richtig. Das Rotwild ist unsere größte heimische Hirschart. Ursprünglich kam es mal in ganz Deutschland vor. Mittlerweile wurde es aber auf etwa 75 Prozent der Fläche ausgerottet. Die Restvorkommen sind oft stark verinselt und insbesondere durch Autobahnen voneinander getrennt. Grünbrücken können das ein wenig abfedern. WELT: Warum nun dieser Preis? Zabel: Anstatt dass man die wenigen Grünbrücken, die es in Deutschland gibt, gut behandelt, werden sie oft zweckentfremdet. Wie bereits gesagt: Ich weise seit Jahren darauf hin. Ich konnte mich dann aber irgendwann selber nicht mehr hören. Und da kam mir die Idee, das Ganze doch mal ironisch anzugehen. WELT: Der erste Preis geht an die Grünbrücke Brokenlande in Schleswig-Holstein. Was läuft dort verkehrt? Zabel: Diese Brücke ist eigentlich perfekt. Noch bevor sie fertig war, sind die Hirsche darüber gelaufen. Nun hat man allerdings direkt an ihrem Fuß einen Lkw-Parkplatz gebaut. Leider vergaß man die sanitären Anlagen, so dass die Lkw-Fahrer regelmäßig Löcher in den Zaun zur Grünbrücke schneiden, um dort ihre Notdurft zu verrichten. WELT: Unschön. Aber ist das denn für das Wild so schlimm? Zabel: Ja! Beim Rotwild zieht es einen Teil der Hirsche auf Wanderschaft, manche wandern dauerhaft ab, manche nur zur Paarungszeit. Anders als Wölfe sind Rothirsche aber eher störungsempfindlich und meiden menschliche Nähe. Wir sollten die Brücken und ihr Umfeld deshalb den Tieren vorbehalten. WELT: Und warum ist diese Wanderschaft des Wildes so wichtig? Zabel: Ich bezeichne die Wanderrouten gerne als Lebensadern des Wildes. Verstopfen wir diese, kommt es zum Infarkt. Einzelne Populationen werden isoliert, es findet kein Austausch mehr statt, es kommt zu genetischer Verarmung und zu Inzucht. Vielerorts ist das längst Realität. Lösen lässt sich das nur, indem wir die Lebensräume wieder vernetzen und alte Wandertraditionen wiederbeleben. WELT: Woran machen Sie diese genetische Verarmung fest? Zabel: Zwar sind Missbildungen beim Rotwild noch die Ausnahme, aber wir sehen immer häufiger verkürzte Unterkiefer und andere Schädelmissbildungen. Es gab aber auch schon Kälber, die mit verhornten Augen oder ganz ohne Augen zur Welt gekommen sind, oder Tiere mit verkrümmten Wirbelsäulen. Das Problem ist schon seit Mitte der 1990er-Jahre bekannt. Deswegen wurde das Rotwild in Schleswig-Holstein bereits 2001 auf die Vorwarnliste der Roten Liste gesetzt. Es ist aber kein regionales Thema, mittlerweile wissen wir aus diversen Studien, dass viele Rotwildvorkommen in Deutschland unter einer genetischen Verarmung leiden. WELT: Können denn Grünbrücken tatsächlich Abhilfe schaffen? Zabel: Ja. Aber man muss sich die Dimensionen vor Augen führen. Wir haben in Deutschland 13.200 Kilometer Autobahn, zusammen mit den Bundesstraßen sind es 50.900 Kilometer. Entlang dieser Fernstraßen gibt es etwa 40.300 Brücken. Viele von ihnen sind nur dazu da, um uns Menschen von einer Seite einer Autobahn auf die andere zu bringen. Ohne diese Brücken wären Autobahnen gesellschaftlich nicht tragbar. Für das weitaus weniger mobile Wild gibt es aber gerade einmal 107 Brücken. Auf 476 Kilometer Bundesfernstraße kommt eine Wildbrücke. Das ist viel zu wenig! WELT: Über den ersten Negativ-Preis für die Grünbrücke Brokenlande haben wir bereits gesprochen. Wie sieht es mit den Plätzen zwei und drei aus? Zabel: Auf Platz zwei steht eine Wildbrücke über die Bundesstraße B50 bei Graach in Rheinland-Pfalz. An diesem Beispiel kann man sehen, wie unbedarft oft gehandelt wird. Die Wildbrücke wurde nämlich offiziell als Teil eines Wanderweges ausgewiesen. Da steht nun zwar ein Hinweisschild, dass man Hunde anleinen soll, während man die Brücke quert – aber damit ist es natürlich nicht getan. Auf Platz drei steht der Pellinger Berg im Saarland. Dieser verbindet die Rotwildpopulation im saarländischen Hochwald mit der 30 Kilometer entfernten Population im französischen Departement Moselle. Um diesen wichtigen Wildwechsel zu erhalten, hat man für die Autobahn A8 extra einen Tunnel durch den Berg gegraben. Jetzt soll allerdings genau dort ein Solarpark errichtet werden. Die drei traurigen Preisträger symbolisieren allerdings nur die Spitze des Eisberges. Insgesamt sind bei uns 18 Vorschläge für den Preis eingegangen. WELT: Sie weisen auf die Gefährdung des Rotwildes hin. Die hohen Abschusszahlen der Jagdverbände lassen aber doch darauf schließen, dass es nach wie vor viele Hirsche in Deutschland gibt. Wie passt das zusammen? Zabel: Das ist richtig. Das Rotwild ist derzeit nicht mengenmäßig bedroht und in weiten Teilen Deutschlands auch bestens an den Lebensraum angepasst. Das macht es ja so schwer, mit dem Thema vorzudringen. WELT: Bestens angepasst und dennoch bedroht – das klingt nach einem Widerspruch. Zabel: Genetische Verarmung reduziert langfristig die Fitness einer Tierart, ihre Widerstandsfähigkeit, sie erhöht das Risiko von Erbkrankheiten und mindert die Fruchtbarkeit. Besonders tückisch ist aber, dass genetische Verarmung die Möglichkeit einer Art mindert, auf sich verändernde Umweltbedingungen zu reagieren. In Zeiten des Klimawandels, in denen wir Frequenz und Amplitude der Veränderungen maximiert haben, ist das leider eine besonders unglückliche Kombination. Da kann eine Art sehr schnell verschwinden. Das betrifft übrigens nicht nur das Rotwild, sondern auch fast alle anderen Tiere da draußen. Fast alle leiden unter den gleichen Problemen. WELT: Und warum sprechen Sie ausgerechnet über das Rotwild? Zabel: Das Rotwild ist eine sogenannte Schirmart, wenn wir seine Bedürfnisse an den Lebensraumverbund befriedigen, dann helfen wir auch vielen anderen Arten. Sogar uns Menschen, denn letztlich sind wir doch auf eine resiliente Umwelt angewiesen, die uns mit Nahrung, Wasser, frischer Luft und Naturgenuss versorgt. WELT: Lassen Sie uns noch über die Jagd sprechen. Hirsch-Geweihe sind eine beliebte Trophäe. Zabel: Daran ist auch nichts auszusetzen. Wanderhirsche sollten aber unbedingt geschont werden, ob nun auf ihrem Wanderkorridor oder auf dem Brunftplatz, ohne sie können wir die Probleme nicht lösen. Frank Zabel ist Wildbiologe, Diplom-Ingenieur und Jäger. Er engagiert sich für den Schutz von Wildtieren und die Wiedervernetzung ihrer Lebensräume. Die Leitart Rotwild liegt ihm dabei besonders am Herzen. Der 53-Jährige leitet mehrere Artenschutzprojekte und ist Geschäftsführer der „Gemeinnützigen Gesellschaft für Wildbiologie & nachhaltige Nutzung“. Den satirischen Grünbrückenpreis hat Zabel gemeinsam mit der Zeitschrift „Wild und Hund“ sowie der Messe „Jagd & Hund“ ins Leben gerufen. Weitere Informationen zu seinen Aktivitäten finden Sie im Netz unter www.rotwildes-deutschland.de