Zur Weihnachtszeit (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254624222/Weihnachten-Was-wirklich-in-der-Bibel-steht-und-was-nicht.html) gehört der Adventskranz. So selbstverständlich ist das rund geflochtene Tannengrün mit den vier Kerzen, von denen an jedem Sonntag des Monats vor Heiligabend eine mehr angezündet wird, dass kaum jemand sich den Dezember ohne dieses Symbol vorstellen kann. Doch wirklich alt ist diese Tradition noch nicht. Am 2. Dezember 1945 berichtete die „Neue Zeit“, das Blatt der seinerzeit noch unabhängigen (Ost-)Berliner CDU, unter der Überschrift „Die Herkunft des Adventskranzes“ über einen „neuen vorweihnachtlichen Brauch“ und zeichnete seine Entstehung nach. „Gewissermaßen unter unsern Augen hat ein schöner, vorweihnachlicher Brauch allgemeine Verbreitung gewonnen“, hieß es in der Zeitung, „der noch der Generation unserer Väter so gut wie unbekannt war“. Zwar ging der Adventskranz auf eine damals schon 106 Jahre alte Idee zurück. Der Hamburger Pfarrer und Pädagoge Johann Hinrich Wichern hatte wohl 1839 zum ersten Mal im „Rauhen Haus“, einem Heim für Kinder aus prekären Verhältnissen, unter dem Dachbalken des Betsaals einen großen Metallkreis aufhängen lassen, auf dem vier große Kerzen und 18 bis 24 kleine befestigt waren – eine für jeden Tag der Adventszeit, die mindestens vom 3. bis zum 24. Dezember dauern kann und längstens vom 27. November bis Heiligabend. Die Kinder des „Rauhen Hauses“ wussten auf diese Weise, wie lange es noch bis Weihnachten war und konnten sogar rechnen lernen. Eine frühe Spur dieser Innovation findet sich in einer Weihnachtserzählung mit dem Titel „Herr Hobelmann“, die Wichern spätestens Anfang der 1860er-Jahre publizierte. Darin berichtete er: „Als der Advent kam, brachte der Schulmeister einen großen Kronleuchter in die Schulstube, worauf so viele Wachslichter steckten, als es in dem Jahr Adventstage gab. Am ersten Tag wurde eines der Lichter angesteckt, am zweiten kam ein zweites hinzu, am dritten auch ein drittes und so fort, bis der Lichtkranz immer ward und glänzender strahlte.“ Aufgabe dieser Schrift war wohl, so vermutete es rund sieben Jahrzehnte später ein namentlich nicht genannter Autor der „Westfälischen Zeitung“ aus Bielefeld, „der Idee des Adventskronleuchters Anhänger zu gewinnen“. Allerdings nahm sich Wichern dabei bewusst zurück und wies die Idee einem „alten Schulmeister“ zu. Zunächst blieb der Adventskronleuchter, bald auch mit Tannengrün umwickelt, eher ein spärlicher Weihnachtsbrauch. Um 1900 breitete er sich allerdings, nun oft auch schon mit nur vier Kerzen (Wachslichter waren teuer) in bürgerlichen, evangelischen Haushalten vor allem Norddeutschlands aus. Vielfach allerdings war es nun Brauch, schon zu Beginn der Adventszeit (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article221114104/Advent-Als-das-Heilige-Roemische-Reich-kurz-vor-der-Spaltung-stand.html) alle vier Kerzen anzuzünden, um das Licht der Vorfreude auf den Heiligen Abend in die dunkle Jahreszeit zu bringen. Allerdings gab es durchaus noch Varianten, wie eine 1906 von verschiedenen kleinen Zeitungen vor allem Nord- und Ostdeutschlands verbreitete Meldung zeigt. „Eine schöne Sitte ist auch der Adventskranz“, hieß es da, und weiter: „Am ersten Advent wird ein großer, aus Tannenzweigen gewundener Kranz in der Mitte des Zimmers wie ein Kronleuchter aufgehängt. Am Abend oder in der Dämmerung versammelt sich die Familie. Ein Kind sagt eine Weissagung aus dem Alten Testament auf. Die Mutter befestigt ein Licht auf dem Kranz, worauf alle Weihnachtslieder anstimmen. So findet sich an jedem Abend bis Weihnachten die Familie ein Viertelstündchen unter dem Adventskranz zusammen, an dem jeden Abend ein Lichtlein mehr brennt, wie auch die Weissagungen immer deutlicher auf die nahe Ankunft des Heilands hinweisen, bis der Lichterkranz am Christabend vollzählig ist, da ja nun der Weissagung die Erfüllung geworden ist.“ In anderen Teilen des Landes dauerte es, bis sich das Symbol durchsetzte. Am 11. Dezember 1924 berichtete die (damals nationalistische und in Stuttgart ansässige) „Süddeutsche Zeitung“ als Lokalnachricht die Beobachtung: „In manchem Heim findet man nun den Adventskranz.“ Ein Jahr später erklärte das örtliche Blatt im sächsischen Bischofswerda den Brauch seinen Lesern ausführlich – offenbar schien das (noch) nötig: „In der Hauptkirche ist ein Adventskranz aufgehängt worden; am ersten Advent wird auf ihm ein Licht brennen, bis nach und nach am vierten Advent vier Kerzen brennen.“ Der Kranz solle „in den Häusern unserer Gemeinde Nachahmung“ finden und „überall mit seinem stillen Leuchten die Herzen rüsten auf ein wahrhaftiges Weihnachtsfest“. Ausdrücklich hielt die Meldung die Erwartung fest: „Denen, die den Adventskranz in der Kirche aufgehängt haben, wäre es eine besondere Freude, ihm allenthalben in der Gemeinde wiederzubegegnen; er ist gedacht als das Erkennungszeichen für alle, die sich verbunden fühlen im gleichen, tiefen, fröhlich-ernsten Adventsglauben.“ Kein Einzelfall – im „Aufwärts“, laut Untertitel einem „christlichen Tageblatt“ aus Bielefeld-Bethel, konnte man am 16. Dezember 1925 lesen: „In vielen christlichen Häusern herrscht auch der Brauch, einen Adventskranz aus Tannengrün an der Decke des Zimmers aufzuhängen. Von den vier aufgesteckten Lichtern pflegt man dann an jedem Adventssonntag je eine anzuzünden.“ Nun sickerte das Symbol auch in katholische Regionen Deutschlands ein. Ende November 1925 wurde zum ersten Mal in einer katholischen Kirche in Köln ein Adventskranz aufgehängt, mit vier Kerzen; in München ist die erste öffentliche Verwendung sogar erst für die Vorweihnachtszeit 1930 belegt. In den 1930er-Jahren war der Brauch so etabliert, dass die im Prinzip (abgesehen von den „Deutschen Christen“, einer evangelischen Opportunistenbewegung um häufig nationalistische, antisemitische Pfarrer) religionsfeindlichen Nationalsozialisten den Adventskranz umzudeuten versuchten. Das christliche Symbol sollte durch einen „Sonnwend-“ oder „Lichterkranz“ ersetzt werden. Es gab sogar gestellte Aufnahmen beispielsweise der Familie eines SA-Mannes mit seiner Frau und acht Kindern, die um einen Tannenkranz mit vier brennenden Kerzen sitzen. Der Mann trägt seine SA-Uniform mit den (separat zu bezahlenden) Hakenkreuz-Knöpfen, und an der Wand hängt ein Ehrendolch der SA mit der Aufschrift „Alles für Deutschland“. Doch die Aneignung des Adventskranzes gelang genauso wenig wie andere Versuche der NSDAP, das christliche Weihnachtsfest zu einer „germanischen Tradition“ umzudeuten. Angeblich seien ursprüngliche Bräuche von Juden übernommen und dann „entartet“ worden. Mit diesem Ansatz erlitten aber sowohl der Chefideologe der Hitler-Partei Alfred Rosenberg als auch Propagandaminister Joseph Goebbels wiederholt Niederlagen. Trotzdem ging die versuchte Instrumentalisierung auch im Zweiten Weltkrieg weiter. Offiziell feierte die Wehrmacht „Kriegsweihnachten“; bei der SS war es dagegen ein „Julfest“. Im Mittelpunkt sollte das „Totengedenken“ stehen – der eigentliche Volkstrauertag, eingeführt 1925 und bis 1932 jeweils Ende Februar oder Anfang März begangen, war von der Regierung Hitler zum „Heldengedenktag“ umfirmiert worden. 1943 verkündete die NSDAP in der Vorweihnachtszeit: „Gerade jetzt erkennen wir die letzten Werte unserer Rasse, die im jubelnden und trotzigen Aufstand gegen die Dunkelheit gegen den Zwang, gegen jeden unwürdigen Zustand sich zur befreienden Tat erhebt.“ Dieser Spuk war im Frühjahr 1945 vorbei. Um die in den vorangegangenen Jahren verbreiteten Falschbehauptungen und Fehldeutungen von Weihnachtsbräuchen richtigzustellen, stellte die „Neue Zeit“ in den Wochen vor der ersten Friedensweihnacht verschiedene Bräuche in ihrer tatsächlichen Bedeutung vor – darunter am ersten Advent, Sonntag, dem 2. Dezember 1945, den Adventskranz.